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Über die Liebe und das Heiraten

Die menschlichste Sehnsucht zwischen Kitsch und Reife. Von Salim Nasereddeen

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Foto: Pixabay.com

Sie ist die Hälfte des Glaubens. So beschrieb der Prophet Muhammad, Allahs Frieden und Segen auf ihm, die Ehe. Ohne Frage sollte es zur Lebensplanung eines jeden gehören, irgendwann zu heiraten. Die zwischenmenschliche Vereinigung ist der einzige Weg, das Gefühl der Einsamkeit und Isolation, welches dem Menschsein innewohnt, dauerhaft zu überwinden. Im Islam ist die Ehe der einzig legitime Rahmen für diese Form der Vereinigung, für diese Form der Liebe. In Anbetracht der Wichtigkeit dieses Themas muss auch über falsche Vorstellungen, Hoffnungen und eine allgemeine Hysterie unter vielen Muslimen in Sachen Ehe gesprochen werden.

Warum heiraten?
Die essentiellsten Fragen scheinen einem derart offensichtlich, dass man es am Ende glatt versäumt, sie sich einmal ehrlich und aufrichtig zu stellen, und nach einer Antwort zu suchen. Oft habe ich den Eindruck, dass der Wille und die Bereitschaft zu heiraten von ganz verschiedenen Einflüssen bestimmt werden, über die wir uns nicht immer bewusst sind. Das Problem ist nur, wirklich glücklich können wir mit einer Entscheidung nur werden, wenn wir genau wissen, was wir damit angestrebt haben. Vielleicht ist dieses Wissen sogar wichtiger, als das eigentliche Ergebnis unserer Anstrengungen. Gesellschaftlicher und familiärer Druck, ein schwaches Selbstwertgefühl oder Zukunftsängste sind Dinge, die viele Muslime im heiratsfähigen Alter plagen. Um die damit verbundenen negativen Gefühle abzuschütteln, sagen wir uns dann: Erstma’ heiraten. Um die Eltern zufrieden zu stellen. Um endlich Liebe und Anerkennung zu erfahren. Um Verantwortung abzugeben. Um vollkommen zu sein. Auf den Traummann oder die Traumfrau, die einem das alles gibt, wird man aber vergeblich warten. Oder noch schlimmer: Man projiziert dieses Bild auf den gewählten Ehepartner, und wird schon bald enttäuscht sein.

Die Antwort auf die Frage „Warum überhaupt heiraten?” kann nur eine sein und sie wurde anfangs bereits angeschnitten: Liebe. Sie wird für das Denken wahrscheinlich weiterhin ein großes Mysterium bleiben, aber erleben tut sie jeder. Es gibt die Nächstenliebe oder die Liebe der Eltern. Aber auch die Liebe zu Gott, die für den wahrhaft gläubigen Menschen ohne Zweifel im Mittelpunkt stehen sollte. Und natürlich die Selbstliebe, die die Quelle unseres Selbstbewusstseins sein sollte und nicht zu verwechseln ist mit Selbstsucht. Die Art der Liebe, die in der Ehe gelebt wird, ist noch einmal eine ganz spezielle, hängt aber mit den anderen Formen zusammen. Sie ist exklusiv auf einen Menschen gerichtet und beinhaltet etwa auch sexuelle Aspekte. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ein unbeschwertes Leben ohne Liebe nicht möglich ist. In uns liegt der Wunsch nach Vereinigung und ab einer gewissen Reife auch der Wunsch und die Fähigkeit, diese durch die kulturelle Institution der Ehe zu erreichen.

Aber hat wirklich jeder, der groß vom Heiraten spricht, auch diese Reife erreicht? Reif, und damit für die Ehe bereit zu sein, bedeutet hier, die Bedeutung der Liebe zumindest in der Theorie verstanden zu haben. Weder ist sie ein Gefühl, dass einen ganz von selbst überkommt sobald „der richtige” Ehepartner gefunden ist, noch lässt sie sich zwischen einander völlig fremden Menschen erzwingen. Sie ist eine Kunst und verlangt von beiden Beteiligten aktive Hingabe und Selbstdisziplin.

Enttäuschung ohne Liebe
Wo führt es hin, wenn man sich, ohne zumindest die Voraussetzungen der Liebe zu kennen, auf das Thema Heirat stürzt? In einer vom Konsum und Massenunterhaltung beherrschten Gesellschaft ist beim Einzelnen eine tiefe Auseinandersetzung mit der Liebe eher die Ausnahme. Hollywood vermittelt uns ein romantisches Zerrbild dessen, was Liebe bedeutet, in dem es eher darum geht, geliebt zu werden, statt aktiv zu lieben, während der Markt und das kapitalistische Denken unseren Fokus darauf richten, wie eine Beziehung in materieller, aber auch emotionaler Hinsicht, möglichst „produktiv” und ein „fairer Tauschhandel” sein kann. Diese Einflüsse führen zu einer Reihe von falschen Erwartungen und Hoffnungen. Zunächst gilt: Wer sich nicht selber liebt, ist auch im Bezug auf andere kaum liebesfähig. Wenn man sich durch einen Partner die Befreiung von verfestigten Minderwertigkeitsgefühlen erhofft, wird die Enttäuschung nicht lange auf sich warten lassen.

Fazit
Kommen wir also gleichermaßen los von der kitschigen, und auch von der im Kern selbstsüchtigen Vorstellung der zwischenmenschlichen Liebe. Erkennen wir hingegen den ernsthaften und essentiellen Charakter des Themas „Liebe”, speziell vor dem Hintergrund der islamischen Ehe.

Zum Autor: Deutsch-Jordanier mit palästinensischem Migrationshintergrund. Wohnhaft in der Nähe von Berlin. Schreibt vorwiegend über Islam und Muslime in Deutschland aus der ­Innenperspektive.

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