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Über die Tätigkeit eines Sterbebegleiters in einem Hospiz. Gibt es einen anderen Umgang mit dem Tod? Von Khalil Küffner, Berlin

„Sie ist auch strahlend gegangen“ (1)

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(iz). Wir bewegen uns in einer Zeit, in der uns der Tod – das unausweichliche Schicksal des Menschen – nur noch im Ausnahmefall direkt und unvermittelt begegnet. Wir nehmen ihn, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur noch durch spektakuläre Ereignisse in unseren Breiten oder durch die abstrakt gewordenen Zahlen der Toten von Kriegen, „Naturkatastrophen“ oder Hungersnöten in weiten Teilen der Welt wieder.

Jenseits der banalen Versuche, den Tod aus unserem Leben zu verbannen, was sich auch an der Änderung von Bestattungsgewohnheiten erkennen lässt, gibt es eine lebendige und wachsende Gruppe von Menschen, die sich um einen gelasseneren, aber auch humaneren Umgang mit Sterbenden bemüht: die so genannte Hospizbewegung. Der vorliegende Text1 des Autors führt in die Hospizbewegung ein und eröffnet Einsichten, wie man sich als Muslim in unseren Breiten dem Thema nähern kann.

Die Anregung zu diesem Vortrag kam von jemandem, der Georges Simenon, den gro­ßen psychologischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, schätzt. Im Gespräch über meine Arbeit haben wir festgestellt, dass mir dabei viele Dinge begegnen, die auch Simenon oft behandelt hat. In dem Zusammenhang kamen wir auf die Idee, dass das vielleicht mal in einem Vortrag zusammen gefasst werden könnte.

Ich arbeite in einem Hospiz in Berlin und ich möchte gerne damit beginnen zu erklären, was ein Hospiz eigentlich ist. Zuvor möchte ich aber aus einem Gedicht Gottfried Benns zitieren. Benn war Schriftsteller, Dichter und Arzt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin. Seine frühen Gedichte, die sich mit seiner Tätigkeit als Arzt auseinandersetzen, sind – wenn man so sagen will – extrem drastischer Natur. Sie beschreiben den damaligen Zustand Benns. In einem Gedicht, das den Titel „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ trägt, heißt es:

„… Hier diese Reihe sind zerfressene Schöße
und diese Reihe ist zerfallene Brust.
Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich.
Komm, hebe ruhig die Decke auf.
Sieh: dieser Klumpen Fett und faule Säfte
das war einst irgendeinem Manne groß
und hieß auch Rausch und Heimat. – …“

Wenn man eines seiner Gedichte aus dieser Zeit liest, dann kommen einem Rilkes Worte in den Sinn: „Die Welt ist in die Hände der Menschen gefallen.“ Also das völlige Reduzieren des Menschen auf sein Äußeres.

Die Sicht des Menschen, insbesondere wo es um sein Sterben geht, ist bei einem Hospiz eine wesentlich andere, vor allem im Vergleich zur wissenschaftlich-technischen Auffassung des 20. Jahrhunderts.

Was ist ein Hospiz?

In der bekannten Internet-Enzyklopädie Wikipedia heißt es zum Stichwort „Hospiz“: „Hospiz (lat. hospitium „Herberge“) ist eine Einrichtung der Sterbebegleitung. Im deutschen Sprachraum der Gegenwart wird mit Hospiz meist eine spezielle Pflegeeinrichtung bezeichnet, die Sterbende im Sinne der Palliativpflege umfassend versorgt. Palliativmedizin bedeutet, dass es bei dieser Form von Medizin nicht mehr um die Heilung von Kranken geht, sondern nur darum, das Leiden der Kranken zu vermindern, zu lindern. Man hat es hier also mit Menschen zu tun, die von der Medizin beinahe schon aufgegeben wurden. Es gibt stationäre, teilstationäre und ambulant tätige Hospizvereinigungen. Unter Hospiz versteht man heute nicht unbedingt eine konkrete Institution, sondern ein Konzept der ganzheitlichen Sterbe- und Trauerbegleitung. Hospize wollen fünf Qualitätskriterien verwirklichen:

• Der Kranke und seine Angehörigen stehen im Zentrum des Dienstes
• Unterstützung erfolgt durch ein interdisziplinäres Team
• Einbeziehung freiwilliger Begleiterinnen und Begleiter
• Palliative care (Palliativmedizin) statt medical care (auf Heilung gerichtete Behandlung), das heißt: Lebensqualität statt Lebensquantität
• Trauerbegleitung

1967 wurde das St. Christopher’s Hospice (siehe Weblinks) in Sydenham (bei London) gegründet. Von dort nahm die heutige Hospizbewegung ihren Anfang. Die Geschichte der Hospize reicht allerdings weiter zurück.

Ein Hospital oder Hospitium war im Mittelalter der Name von kirchlichen oder klösterlichen Herbergen für Pilger (Pilgerherberge), Bedürftige (Armenhaus), Fremde (Asyl, vgl. Hotel) oder Kranke, und geht so dann später auf den Begriff über, der sich zum heutigen Krankenhaus wandelt.

Der ursprüngliche Gedanke der „Beherbergung“ wurde im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen. Schon 1842 gründete Madame Jeanne Garnier in Lyon (Frankreich) ein Hospiz, das sich speziell der Pflege Sterbender widmete. 1879 öffneten die irischen Schwestern der Nächstenliebe das Our Lady’s Hospice for the Care of the Dying in Dublin. Es gab weitere Hospize, die als Vorläufer zu der Gründung in Sydenham gelten können.

1 als Vortrag gehalten am 16.12.2007 in Potsdam

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