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Übergriffe auf Berliner MuslimInnen nehmen zu

Netzwerk Inssan e.V. verzeichnet „einen besorgniserregenden Zustand“ in der Hauptstadt

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Foto: Photocreatief, Adobe Stock

Berlin. Das Netzwerk gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit (Inssan e.V.) verzeichnet mit 265 Vorfällen für das Jahr 2019 einen besorgniserregenden Zustand in Berlin. Im Vergleich zum Jahr 2018 ist das ein Anstieg um 88 Vorfälle. Die Anlaufstelle erfasst seit 2016 systematisch Beleidigungen, Anfeindungen, Benachteiligungen bis tätliche Angriffe auf Muslim*innen und Menschen, die als solche markiert werden. Es handelt sich um eine standardisiere Datenerfassung zu Beschwerdefällen.

Bei den Fallzahlen handelt es sich um Meldungen betroffener Menschen. Die Dokumentationsstelle arbeitet nicht als Recherche- und Monitoringstelle. Meldungen werden überwiegend schriftlich über den Meldebogen an die Anlaufstelle herangetragen oder über den Meldelink https://www.inssan.de/meldung.

Dem Netzwerk gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit wurden im Jahr 2019 insgesamt 265 Vorfälle gemeldet, das ist ein Anstieg von 50,6 Prozent zum Vorjahr (2018: 176), und über 100 Prozent zu den Jahren 2016 und 2017 (2017: 115) (2016: 110). Im Bereich Sozialer Nahraum verzeichnet die Dokumentationsstelle kontinuierlich die meisten Vorfälle.

Für das Jahr 2019 dokumentierte Inssan e.V. 51 Prozent der Fälle im Sozialen Nahraum, hierzu zählen Vorfälle in der Öffentlichkeit wie auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, Nachbarschaft oder Sport- und Freizeitvereine.

12 Prozent der Fälle stammen aus dem Bereich Bildung, hierzu zählen, Kita, Hort, Schule, Universität, und berufliche und nichtberufliche Weiterbildungen. 11 Prozent der Meldungen betreffen den Bereich Arbeit, hierzu zählen Arbeitssuche und Bewerbung, Arbeitsplatz, private Arbeitsvermittlung, Praktika.

Erstmals im Jahr 2019 erweiterte das Netzwerk gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit die Datenerfassung um den Lebensbereich „Online“, um hierunter jene Fälle von Antimuslimischem Rassismus zu erfassen, die Betroffene in sozialen Medien und auf Webseiten erfahren. Das machte 19 Prozent der Fälle aus.

Wie aus der Dokumentation von 2019 hervorgeht, wurden 225 der meldenden Personen vordergründig aufgrund ihrer islamischen Religionszugehörigkeit diskriminiert. 162 Muslim*innen erfuhren zudem auch aufgrund ihrer (zugeschriebenen) ethnischen Herkunft Anfeindungen und 124 Personen auch aufgrund ihres Geschlechtes. Somit überschneiden sich bei einer Vielzahl von Meldungen verschiedene Diskriminierungsgründe. Diese Diskriminierungsgründe oder Zuschreibungen sind fest miteinander verflochten und erzeugen spezifische Diskriminierungserfahrungen. Religion ist eine entscheidende Kategorie in der intersektionalen Diskriminierung. Eine Türkeistämmige kopftuchtragende Frau ist zum Beispiel in vielen Diskriminierungsfällen aufgrund ihrer Religion, der ethnischen Herkunft und ihres Geschlechtes betroffen.

Insgesamt sind Frauen häufiger vom Antimuslimischen Rassismus betroffen als Männer. Im Jahr 2019 waren 54,7 Prozent der Betroffenen weiblich.

„An dem kontinuierlichen Anstieg der Fallzahlen und an der Qualität der Vorfälle zeichnet sich eine schreckliche Entwicklung ab. Nicht erst der rassistische Anschlag in Hanau und andernorts hat dies deutlich gemacht. Wir registrieren in den letzten Jahren immer mehr ungehemmte Vorfälle“, so Zeynep Çetin, Projektleiterin des Netzwerks gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit.

Weiter führt Zeynep Çetin aus: „Antimuslimische Ressentiments sind in breiten Gesellschaftsschichten verankert. Hunderte Menschen werden tagtäglich in Berlin auf dieser Grundlage im Alltag immer wieder als fremd und nicht zugehörig markiert, ihr grundlegendes Recht auf gleiche Teilhabe immer wieder angegriffen. Schon subtile, verdeckte Formen von Diskriminierung, die viele Muslim*innen immer wieder erleben müssen, sind Mikroaggressionen, die negative Auswirkungen auf Körper und Seele haben.

Durch die Arbeit im Bereich Empowerment, die wir im Projekt leisten, versuchen wir die Betroffenen zu stärken. Dies führt auch dazu, dass Betroffene sich in „geschützten Räumen“ mit Menschen, die Ähnliches erfahren, über Strategien austauschen und ihre Vorfälle bei uns melden. So können wir Antimuslimischen Rassismus sichtbarer machen und helfen, das Dunkelfeld zu erhellen.“

Inssan e.V. fordert, dass öffentlich geführte antimuslimisch-rassistische Debatten vor allem in Politik, staatlichen Einrichtungen, der Justiz, den Bildungseinrichtungen als solche benannt und entschieden angegangen wird. Denn struktureller und institutioneller Rassismus rahmt und ermöglicht Anfeindungen gegenüber als muslimisch markierten Menschen. Von der Berliner Politik fordert Inssan e.V. den Ausbau der Beratungs- und Dokumentationsstelle und eine gesicherte Förderung der oft ehrenamtlich geleisteten Beratungsarbeit. Wir begrüßen ausdrücklich das Vorhaben der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung-gegen Diskriminierung zur Förderung eines Projektes zum Themenfeld „Beschwerdestrukturen und Empowerment gegen antimuslimischen Rassismus“.

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