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Überlegungen aufgrund der Erfahrung des bosnischen Islam in Europa. Von Mirnes Kovac, Sarajevo

Reflexionen aus Sarajevo

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(iz). Niemals zuvor gab es in Europa – ­sowohl auf der intellektuellen als auch auf der medialen Ebene – mehr Rufe nach der Notwendigkeit zur Anpassung und für funktionierende Beziehungen, die eine sichere und fried­liche Zukunft für alle Europäer gewährleisten sollen. Es braucht Schlüsselelemente, die notwendig sind, damit diese Aussichten Wirklichkeit ­werden: Vertrauen, Respekt und ­Aufrichtigkeit. Der Islam ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Zeit. Der Unterschied zwischen westlichen und nicht-westlichen Gesellschaften muss überschritten werden, um ein neues zeitgenössisches Denken des Islam zu schaffen, das es „Muslimen erlaubt, im Westen ohne den Sinn eines Widerspruchs zu leben“, beobachtete einer der bekannteren muslimischen Publizisten Europas den Zustand und die Herausforderung der muslimischen Anwesenheit auf dem Alten Kontinent.

Jene Stimmen, für die es „Europäer“ nur unter Ausschluss ihrer muslimischen Nachbarn gibt, müssen ihre Ansichten ändern und jene Ängste, die von Vorurteilen angetrieben sind, überwinden. Es liegt jedoch in der Verantwortung von Muslimen, ihre Rolle in einer geteilten Verantwortung anzunehmen, die durch ihre Zugehörigkeit zu Europa verliehen wird.

Die Geschichte islamischer Hochzivilisationen ist ein einziges Beispiel der Anpassung der islamischen Lebensweise an Raum und Zeit, das heißt der jeweils neuen Bedingungen, in denen sich bestimmte muslimische Gemeinschaften wiederfanden. Es hat immer im Islam, angefangen von den frühesten Tagen – als die Offenbarung an den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, noch von den Himmeln herab gesandt wurde – eine Entscheidung zwischen wesentlichen Fragen und jenen gegeben, die weniger bedeutend waren. Eben jenen, die den Umständen von Zeit und Ort angepasst werden können.

Es gibt innerhalb mancher europäischer Kreise eine steigende Anerkennung und sogar aktive Propagierung, dass man europäische Zivilisation und Kultur nur exklusiv aufgrund des Christentums verstehen könne. Die andere Idee wird aber auch lauter, wonach der Islam gleichfalls zur Grundlage europäischer Kultur und Tradition beigetragen hat.

Weil Allah den Islam als für alle Zeiten gültig bestimmt hatte, der für jeden Ort und für jede Zeit Gültigkeit besitzt, ist es wichtig zu verstehen, dass der ­Islam und der Westen keine voneinander ­getrennten Dinge sind. Die gleichzeitige Existenz als Muslim und Europäer bedeutet nicht, zwei sich widersprechende Identitäten zu haben. Der Islam war immer ein integraler Bestandteil der europäischen Geschichte, Kultur, Kunst, und auch der Gegenwart und Zukunft Europas. Diese Tatsache kann nicht ignoriert werden, auch wenn die Versuche, dies zu tun, recht zahlreich sind. Und so kommt es, dass der Islam wesentlich anpassungsfähiger an die so genannte „Globalisierung“ ist als Ideologien. Dazu zählt beispielsweise das Rechts­prinzip Maslahat Al-Ammah – das Allgemeininteresse. Außerdem gibt es in Fragen, die sich neu ergeben, weil sie in der Vergangenheit nicht aufgetreten sind, die Möglichkeit, durch den Idschtihad (die Urteilsfindung) zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Diese Perspektiven haben viel mehr anzubieten als andere, fragwürdige Konzepte. In Kontext dieser Debatte müssen sich Muslime von der Peripherie der europäischen intellektuellen Arena lösen und deren Zentrum betreten. Sie können die Klärung offener Fragen nicht opportunistischen Zirkeln überlassen; von der Grobheit der Medien einmal ganz zu schweigen.

Einer der häufigsten, aber am wenigs­ten verstandenen Begriffe, von dem wir die ganze Zeit hören, ist „Globalisierung“. Diese Erscheinung durchzieht unsere Gesellschaften in politischer, wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht. Wir müssen in Anbetracht unserer Überlegungen betonen, dass Globalisierung – wenn auch gewissermaßen ein illusionäres Konzept – auf vielfältige Weise sehr gegenwärtig ist. Mit ihr müssen wir uns in ihrer präsenten Erscheinung, der Ökonomie, beschäftigen. Wir müssen uns von Sichtweisen freimachen, die eine emotionale Haltung zur Globalisierung an den Tag legen. Eine bloß apokalyptische Position, wie von Teilen der muslimischen Intelligenzia vertreten, ist nicht selten an der Tagesordnung.

Im Westen gab und gibt es viele Denker, die dieses Phänomen als Ursache von Störungen in verschiedenen Teilen der Gesellschaft und Kultur ansehen. Der französische Dramatiker Guy Debord betonte in seinem Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1967), dass die Moderne ihr Ende als nützliche Funktion im Dienste des Kapitalismus erreicht habe. „Im Westen sind wir gefangen in Gesellschaften des Spektakels und der Illusion, und unsere Pflicht besteht im Kampf gegen Fehldeutungen und falsche Bilder der Welt.“ Es ist entscheidend für die Muslime Europas, dass sie Globalisierung verstehen – sowohl, um ihre Rolle darin zu begreifen, als auch ihre positiven Seiten zu nutzen.

Heute findet sich eine gefährliche Entwicklung, die sich auf die Bombenanschläge 2004 und 2005 in Madrid und London zurückführen lässt. Mir ihr wurden intensive Schritte in Europa begonnen, die Frage nach dem Islam in Europa in Richtung der Lösung globaler Terrorfragen verschwimmen zu lassen. Unglücklicherweise hat diese Debatte eine schwere Last auf der Erklärung des Islam genauso wie auf der Position der europäischen Muslime – insbesondere derjenigen mit nicht-europäischer Herkunft – hinterlassen. In dieser Hinsicht müssen sich Muslime als fähig erweisen, Problemen zu begegnen, sowie die ­Her­ausforderung und Befürchtungen ihres nichtmuslimischen Umfelds verstehen. Sie haben eine Verantwortung für Schritte zur Lösung von Problemen, um ein negatives Szenario zu vermeiden – Verwirrung und Misstrauen auf allen Seiten. Daher müssen europäische Gemeinschaften und die Muslime in ihrer Mitte, insbesondere gebürtige Europäer wie die Bosniaken, Wege finden, die aufgeheizte Stimmung abzukühlen.

Wollen die Muslime dieses Kontinents Teil Europas sein, müssen sie es in einer Sprache ansprechen, die es versteht. Wir glauben, dass der Islam in Bosnien eine wirkliche Grundlage für die Autorität und Ausgeglichenheit unter europäischen Muslimen anzubieten hat.

Auf ein weiteres Feld muss Wert gelegt werden, in dem Europas Muslime bisher schwach waren: Medien und die multidimensionalen Herausforderungen von Sprache, Art und Weg der Weitergabe unserer Botschaft. Es gibt positive Anzeichen. Wir müssen sie identifizieren und von ihnen lernen.

Mirnes Kovac ist bosnischer Journalist und ­Redakteur der islamischen Zeitung „Preporod“. Er schloss seine Studien an der Fakultät für ­islamische Studien in Sarajevo ab und machte ­seinen Magister in Internationale Beziehungen und ­Nahost-Politik an der Universität Sussex.

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