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Überlegungen zu einem beunruhigenden Trend in muslimischen Gemeinschaften. Von Suzy Ismail

Ist Scheidung ansteckend?

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(IslamiCity). Eine gegenwärtige Entwicklung innerhalb muslimischer Gemeinschaften gibt Anlass zur Beunruhigung. Dabei handelt es sich um den alarmierenden Anstieg der Scheidungsrate. Ob jemand nur einige Monate verheiratet ist oder schon viele Jahre, man greift heute häufig zur Trennung als sofortiger Lösung ehelicher Schwierigkeiten, anstatt dass diese ein Mittel der letzten Wahl ist. Laut Artikeln, die vor Kurzem im Internet kursierten, will eine wissenschaftliche Studie nachgewiesen haben, dass „Scheidung ein ansteckender Erreger ist, der sich in sozialen Gruppen wie ein Virus ausbreitet und die am nächstgelegenen Ehen schwächt“.

Diese Forschungsergebnisse sind mit Sicherheit etwas, um das wir uns sorgen müssen. Während die Erhebung sich nicht auf die religiösen oder kulturellen Eigenschaften der Teilnehmer konzentrierte, wirft sie einen langfristigen Blick auf unterschiedliche Paare, die sich aus verschiedenen Gründen trennten. Es lässt sich nicht leugnen, dass muslimische Gemeinschaften in aller Welt von dieser „Ansteckung“ genauso schnell und heftig betroffen sind wie nichtmuslimische. Und doch kann ein Verständnis der Gründe, die oft zu einer Trennung führen, als Gegenmaßnahme fungieren, mit deren Hilfe manche Ehe vor einem Ende geschützt werden kann. Dieses Fehlen eines Gespräches ist in der Tat ein Problem unserer muslimischen Ehen. Oft wird behauptet, dass man Klagen unterdrücken müsse, anstatt sie in einer offenen Debatte zu äußern. In einem Schneeballeffekt kann so oft aus einer Maus ein Elefant gemacht werden. Dieser wächst dann in den Jahren der Ehe weiter an.

Während viele glauben, dass es zumeist bei jungen kinderlosen Paaren zu Scheidungen kommen könne, ist dies traurigerweise nicht der Fall. Heute kommt es in einer erhöhten Frequenz zu Trennungen bei Paaren mit jungen Kindern, die seit mehreren Jahren verheiratet sind. Aber auch unter älteren Paaren, die bereits seit Jahrzehnten miteinander verbunden waren.

Das oben erwähnte Buch schaut genauer hin auf einige der wichtigsten Gründe für moderne Scheidungen. Der erste Abschnitt betrifft die Frage häuslicher Gewalt. Dies ist ein ernsthaftes Problem, das oft nicht wahrgenommen wird. Die Opfer schweigen oft aus Angst vor den Tätern oder wegen der sozialen Reaktion. Und dies, obwohl es im Islam keine Rechtfertigung oder Duldung für irgendeine Form des physischen Miss­brauches in einer Ehe oder in anderen familiären Beziehungen gibt. Jeder, dem häuslicher Missbrauch begegnet, sollte diesen äußern und das Problem in der im Islam vorgegeben Art und Weise lösen.

Der zweite Problemkreis behandelte eine Ursache, die heute letztendlich einen häufigen Scheidungsgrund darstellt. Es ist die Frage der Aufrechterhaltung der ehelichen Treue. Während viele Muslime die Vorstellung eines offenen Ehebruchs oder einer Affäre in Erwägung ziehen, kann sich „offene“ Untreue als harmlose getarnte „Freundschaft“ in Ehen einschleichen. Bei den befragten Ehepaaren unterhielten Ehemänner beispielsweise übermäßig familiäre Freundschaften mit Kolleginnen, die über das beruflich zulässige Maß hinausgehen.

Die dritte Kategorie ehelicher Probleme leitet sich aus kulturellen Unterschieden ab. Heiratet beispielsweise ein gebürtiger muslimischer Mann eine junge „Konvertitin“, so fühlt er sich für diese vollkommen verantwortlich. Und doch kann eine solche Partnerschaft durch Fragen nach der Identität, Zusammenstößen in der Erziehung und durch unterschiedliche kulturelle Weltsichten verursachte Erwartungen getrübt werden. Nachdem sie gemeinsam mehrere Kinder haben, trennte sich das im Buch erwähnte Paar aufgrund unüberwindbarer Unterschiede.

Im vierten Abschnitt handelt es sich um die Frage der Scheidung bei Paaren, deren Kinder das Haus verlassen haben. Ein älteres Ehepaar mit Migrations­hintergrund, das seit drei Jahrzehnten verheiratet war, konnte nicht mit der Leere ihres Heims und ihrer Beziehung fertig werden, nachdem es sich Jahre auf die Aufzucht ihrer Kinder konzentrierte, anstatt seine eigene, eheliche Beziehung zu pflegen.

Diese Gruppe der älteren Individuen zeigte in den letzten ­Jahren den größten Anstieg der Scheidungsrate.

Das abschließende Narrativ in dem Buch von Dr. Beshir behandelt eine der verstörendsten und gleichermaßen häufigsten heutigen Scheidungssituationen. Es behandelt die Scheidung eines jüngeren Paare nach sieben Jahren Ehe. Diese beruhte auf Stress bei Arbeit, Familienleben und Kindern sowie der Aufrechterhaltung der Pflichten bei Haushaltsführung und Rollenverteilung. Der größte Fehler in dieser Situation scheint hier darin zu bestehen, dass die Trennung vermeidbar erscheint, wenn sie unabhängig vom Standpunkt der Frau sowie ihres Gatten betrachtet wird. Und doch, wenn beide Meinungen kombiniert wurden, schien die Scheidung wirklich ihre einzige Option zu sein.

Bei allen diesen Situationen und vielen weiteren, die nicht in dem Buch auftauchen, scheint eine Trennung der einzige Ausweg zu sein, anstatt dass eine Lösung durch Mediation, Eheberatung oder Therapie gesucht wurde. Es ist wichtig, dass sich Gemeinschaften um die Familien und Paare kümmern und sich gegenseitig helfen, wenn es zu ehelichen Problemen kommt. Wenn wir dauernd in Furcht vor „Ansteckung“ durch Scheidung oder Eheprobleme leben, können wir den Paaren, die Unterstützung der Gemeinschaft brauchen, keine Hand reichen, um die Klippen unruhiger Lebenszeiten zu umschiffen.

Scheidungen als eine Epidemie zu betrachten, ist eine gefährliche Denkweise, denn Geschiedene in unserer Mitte brauchen Brüderlichkeit, Liebe, Unterstützung und Gesellschaft. Insbesondere, nachdem sie eine Trennung durchmachen mussten. Sie in einem Augenblick der Not alleine zu lassen, wird unsere bereits jetzt fragile gemeinschaftliche Infrastruktur schädigen.

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