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Überlegungen zu Islamophobie, Muslimfeindlichkeit und Kritik im Allgemeinen. Von Sulaiman Wilms

Ein Spiegel unserer Selbst?

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(iz). In den letzten Jahren weitete sich die Debatte um dieses – im Grunde archaische – Phänomen enorm aus. Regelmäßig geben sich Fachpublikationen, Symposien und Debatten hier die Klinke in die Hand; langsam entwickelt sich sogar ein akademischer Berufszweig, der dem Ganzen gewidmet ist. Auf einer öffentlicheren, medial weitaus gröberen Ebene steigerte sich die Frequenz „islamkritischer“ Diskurse. Das gleiche gilt für eine seit Jahren verunsicherte Politik, die – wie im aktuellen Fall der Wuppertaler „Shariah-Polizei“ – dankbar die Möglichkeiten zur Profilierung aufgreift, die ihr islamkritische Debatten bieten.

Anstatt bekannten Pfaden zu folgen, die muslimische und nichtmuslimische Stimmen hier beschreiten, schlage ich eine andere Perspektive vor. Es ist gar keine Frage, auch in der Islamischen Zeitung haben wir den virulenten Hass seit seinem Ausbruch behandelt. Allerdings war es uns immer wichtig, zwischen realer Muslimfeindlichkeit (ein Begriff, der es viel besser trifft als „Islamophobie“) beziehungsweise daraus abgeleiteten, realen Fällen von Diskriminierung und anderen Dingen zu unterscheiden.

Keine Frage: Spätestens, seit 9/11 erlebte Rassismus (beziehungsweise die „Ausländerfeindlichkeit“ früherer Tage) auch eine Umwandlung zur unverdächtigeren „Islamkritik“. Was früher „Türken“, „Gastarbeiter“, „Ausländer“, „Asylanten“ und anderen galt, und im öffentlichen Diskurs aus gutem Grund langsam ausgegrenzt wurde, feierte nun im Rahmen von Diskursen der Islamkritik fröhliche Wiederauferstehung. Das mag einer der Gründe sein, warum die altbekannten Ressentiments gegen bestimmte „Minderheiten“ nicht mehr nur unter den üblichen Verdächtigen zu finden sind, sondern gar bei linksliberalen Eliten ertönen. Es ist auch kein Zufall, dass in manchen Umfragen Wähler der Linken erstaunlich oft anti-muslimische Meinungen äußern.

So weit so schlecht. Bevor eine alternative Sicht zum Mainstream der Islamophobie-Kritik (die leider sehr an bekannte „antirassistische“ Diskurse angelehnt ist) formuliert werden kann, müssen wir kurz bestimmen, worüber wir eigentlich nachdenken wollen.

Vorab sei die Frage erlaubt, warum eine solche nötig ist. Ich glaube nicht, dass die eben erwähnten Diskurse uns Muslime wirklich beim Verständnis helfen; selbst wenn sie mittlerweile sozialwissenschaftlich anerkannt sind und „logisch“ erscheinen mögen. Die kritiklose Integration außermuslimischer Diskurse (wie bei Debatten über Multikulturalismus) in das muslimische Denken hat auch zur Folge, dass eigenständige muslimische Antworten und Konzepte immer schwerer fallen. Das liegt auch daran, weil sie zumeist die eigenständige Denk- und Methodenlehre des Islam ignorieren. Es ist auch kein Zufall, dass muslimische Repräsentanten immer häufiger wie Vertreter antirassistischer NGOs oder von Migrantenvereinen auftreten.

Im Phänomen „Islamkritik“ finden sich mindestens drei Ebenen, die sauber zu trennen sind, damit wir Muslime adäquate Antworten und Handlungsanweisungen für die Community formulieren können. Einiges davon muss scharf kritisiert werden, anderes ist (sicherlich bedauerlich) hinzunehmen und für manches sollten wir dankbar sein.

Zuerst einmal gibt es das – ideologisch diverse – radikale Segment der Islamkritik. So wie wir Muslime uns zu Recht nach ISIL/IS, Hamas, Sven Lau und „Shariah-Police“ befragen lassen müssen, müssen sich die Broders der Republik hier eindeutig abgrenzen. Egal, ob diese Elemente gewalttätig oder „legalistisch“ sind; sobald sie die hiesigen Gesetze und Geschäftsformen verletzen, sind sie anzugreifen. Auch ihre Herkunft ist irrelevant. Es spielt keine Rolle, ob Hate-speech von Neurechten oder Altchristen geäußert wird. Wer die Angehörigen einer religiösen Lebensweise körperlich oder anderweitig angreift, muss gesellschaftlich und nötigenfalls strafrechtlich sanktioniert werden.

Hierbei ist die Forderung von Muslimen, Wissenschaftlern und Kriminologen zu unterstützen, endlich die entsprechenden Straftatbestände zu schaffen. Zumindest aber die nötigen Erfassungskriterien einzurichten, damit ein genaueres Bild möglich wird, in welchem Umfang die radikale „Islamkritik“ mit Verbrechen verbunden ist beziehungsweise zu diesen führen kann. Ich bin nicht ­sicher, ob bereits bestehende Studien über Mentalitäten wie die Heitmeyer- oder „Mitte“-Studien alleine schon hilfreich sind. Lassen sich aus den Meinungen wirklich konkrete Haltungen ab­leiten? Reicht es, wenn Wissenschaftler oder Laien die Vermutung aussprechen, „Islamophobie“ sei mit Antisemitismus vergleichbar?

Auch wenn sich die radikalisierte Hate-speech selbsternannter „Islamkritiker“ und -experten im (allgemein asozialen) Internet Bahn gebrochen hat und Kleinstparteien am rechten Rand mit dem Hass auf Muslime mobilisieren, so sind die immer häufiger verunglückten historischen Vergleiche mancher Muslime nicht nur nicht hilfreich, sie schaden der Community auch mittelfristig. Und das aus mehreren Gründen: Weder agieren die radikalen Muslimfeinde in Übereinstimmung mit den staatlichen Organen, noch repräsentieren sie den Willen der Eliten.

Zumal wir nicht vergessen dürfen, dass wir gesellschaftlich insgesamt durch Gewalt herausgefordert sind. Werden Muslime angegriffen, dann ist die Prüfung der Motivlage nicht nur im Einzelfall wichtig. Solche Vorgänge müssen – wenn wir bei einer realistischen Sicht der Dinge angelangen wollen – auch immer in Relation zur Gesamtlage betrachtet werden. Das heißt konkret: Geht es hier gezielt gegen Muslime, oder handelt es sich um ein Abbild einer allgemein vorhandenen Stimmungslage? Sind wir Muslime beispielsweise zu Recht betroffen und verärgert, wenn es um Übergriffe auf Moscheen geht, müssen wir trotzdem schauen, ob es vergleichbare Attacken auf andere Gotteshäuser gibt.

Andererseits gibt es (hier dürfte eine Mehrheit der Leser spätestens jetzt widersprechen) eine durch die Gesetzeslage gedeckte Islamkritik. Oft ist sie eigentlich mehr eine anti-muslimische. Sie hat viele verschiedene Aspekte, die hier nicht erwähnt werden können. Wir mögen über die Einlassungen von Fest in der BILD (laut Max Goldt ein „Organ der Niedertracht“) empört sein. Oder wir erregen uns über Broder, Abdel-Samad oder Mansour; je nachdem, wer gerade das enfant terrible der Redaktionen ist … wir müssen sie trotzdem als im Rahmen der hiesigen Gesetze hinnehmen. Wenn auch manchmal mit zusammengebissenen Zähnen…

Anstatt hier in Opfermythen und Empörung zu verharren, steht die Community – und ihre zu selten koordinierten Repräsentanten – in der Pflicht, zu überlegen, wie wir kollektiv in der medial-öffentlichen, oder gegebenenfalls juristischen, Arena agieren möchten. Mein Vorschlag lautet: In der Mehrheit der Fälle Souveränität zu beweisen und bei einigen, punktuellen Vorgängen konstruktiv vorzugehen.

An diesem Punkt sind wir an einer Spiegelung angelangt, welche die Islamkritik sein kann. Es stellt sich die Frage, wieso die Gemeinschaft bisher nicht in der Lage beziehungsweise gewillt war, eine nachhaltige Medien- und PR-Strategie zu erarbeiten. Die großen muslimischen Verbände – oder ihr angeblich koordinierendes Gremium – haben sich bis dato konstant geweigert, auch nur ein ständiges Büro mit einer minimalen professionellen Besetzung in Berlin zu betreiben. Wenn uns eine evident antimuslimische Stimmungslage am Herzen liegt, wieso schöpfen wir dann nicht wie andere Interessenverbände potenzielle Möglichkeiten aus? Warum können wir millionenteure Moscheen bauen, aber keine Lobbyvereinigung unterhalten, wie es die Muslime in den USA mit CAIR tun?

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass muslimischen Organisationen bisher nie an starken und vor allem unabhängigen Medienaktivitäten gelegen war. Wenn überhaupt bauen diese ihre eigene Medienstrukturen auf, die wohl eher zur Verbreitung genehmer Ansichten dienen. Belegt wurde dies in der letzten Zeit durch einen geradezu rasanten Wettlauf, den innertürkischen Konflikt durch mehrere Medienprojekte in Deutschland fortzusetzen. Es mag erscheinen, als hätte das nichts mit dem Thema zu tun. Ich wage aber den Einspruch, weil erfolgreiche und vernehmbare Medien ein wichtiger Eckstein für ein konkretes Vorgehen gegen „Islamkritik“ und ihre negativen gesellschaftlichen Auswirkungen sind. Bisher reichte es vielen, hier Opferprosa zu produzieren, anstatt positiv aktiv zu werden.

Die nächste und letzte Kehre ist etwas, das ich als legitime Kritik an Dingen bezeichnen würde, die vermeintlich als „islamisch“ verstanden werden. Nicht selten reagieren Medien und öffentliche Stimme zu Recht kritisch auf bestimmte Dinge, die fälschlicherweise mit der Essenz des Dins in Verbindung gebracht werden. Ob es sich dabei um die Politik der aktuellen türkischen Regierung handelt oder um die Verhaltensauffälligkeit so mancher junger Migranten, das wird allzu oft unter dem Titel „Islam“ subsumiert. Nicht selten antworten Muslime auf diese berechtigte Kritik mit dem – menschlich durchaus verständlichen – Vorwurf, hier handle es sich bereits um Islamophobie.

Von Rumi und Ibn Al-’Arabi wissen wir, dass die Welt ein Spiegel ist. Anstatt, dass wir in einem (ohne Einzelfälle leugnen zu wollen) Zustand des Opferseins verharren, sollten wir diese letzte Kategorie von Kritik nicht auch als verständliche Reaktion unserer Umwelt darauf verstehen, wie manche Muslime beziehungsweise ihr Verhalten auf den Anderen wirken? Wäre es nicht die reifere Haltung, hier nicht nur über Probleme zu klagen, sondern sich auch zu fragen, was diese mit einem selbst zu tun haben.

Das wiederum führt uns zur letzten, entscheidenden Spiegelung unseres Selbst in der Islamkritik. Die Augenblicke, in denen Muslime die von außen kommende Kritik – abgesehen vom zu Recht abzulehnenden Hass – als Anlass begreifen, über sich selbst beziehungsweise ihren Zustand zu reflektieren, sind rar gesät. Gleichermaßen fehlt es in der öffentlichen Debatte daran, was die Bedeutung der Islamfeindlichkeit hier und heute ist. Ich könnte zumindest nicht behaupten, von einer öffentlich wahrnehmbaren muslimischen Stimme in letzter Zeit die Frage gehört zu haben, was Allah uns damit sagen will? Warum konfrontiert uns Allah in dieser Zeit, an diesem Ort mit Ablehnung und negativer Kritik? Erst, wenn wir uns ergebnisoffen solchen Fragen stellen, können wir produktiv und sinnvoll mit dem Thema umgehen.

Ein Vergleich sei mit der vorangegangenen muslimischen Geschichte erlaubt. Allah macht im Qur’an an mehreren Stellen deutlich, dass nicht nur Unglaube und Undankbarkeit Ihm Gegenüber ein Teil der condition humaine sind, sondern dass die Rechtleitung der Menschen Ihm gebührt. Den Muslimen vor uns war klar, dass es immer eine Gruppe von Menschen geben wird, die Allah, Seinen Gesandten und Seinen Din verleugnen und verächtlich machen. Neu ist zweifelsohne, dass wir als Gemeinschaft nicht mehr die existenzielle Gelassenheit früherer Zeiten haben. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, aber für die hiesige Debatte dürfte der manchmal verzweifelte, und gelegentlich tragikkomisch anzumutende Wunsch nach Anerkennung die Ursache dafür sein. Das heißt nicht, dass dieser in keinem Fall legitim wäre.

Heute erhoffen wir uns Bestätigung we­niger von Allah sowie anderen Muslimen, sondern von der materiellen Welt; und hier namentlich von unserer nichtmuslimischen Umgebung. Dabei vergessen wir, dass Erfolg in dieser und in der nächsten Welt – wenn wir die Offenbarung ernst nehmen wollen – zuerst davon abhängt, wie wir uns in der Welt in Relation zu Allah und Seinem Din verhalten. Der anhaltende Druck auf die muslimische Gemeinschaft (spätestens seit 9/11) hat auch zu einer Mutation unseres Denkens und Methodenlehre geführt. Mancher Beobachter wie Wolf Ahmed Aries, hat daher von einem „funktionalen Atheismus“ gesprochen.

Im Umgang mit dem (insgesamt komplexen) Thema „Islamkritik“ heißt das unter anderem konkret, dass wir in Geist und Verstand immer weniger in der Lage sind, einen Bezug zwischen unserer gemeinschaftlichen Realität und den spirituellen Zuständen auf der einen Seite sowie den sich daraus ableitenden Effekten auf der anderen herzustellen. Anders als die früheren muslimischen Gemeinschaften verstehen immer weniger Muslime das Negative als von Allah kommend und als existenzielle Antwort auf unseren aktuellen Zustand. Erschwerend kommt hinzu, dass es dank eines Gemisches unterschiedlicher Ursachen auch seltener zur Erkenntnis kommt, dass unsere Umwelt vielleicht auch dank unseres eigenen Verhaltens ambivalent oder ablehnend auf unsere real existierende Wirklichkeit reagiert.

Schlussendlich muss betont werden, dass es nicht darum geht, schwerwiegende Fälle antimuslimischer beziehungsweise antiislamischer Diskriminierung zu leugnen. Die jüngsten Übergriffe auf Moscheen sind ein Beweis dafür. Das gleiche gilt für die momentane Stimmungslage gegenüber Muslimen.

Es kann aber nicht sein, dass wir uns – individuell wie gemeinschaftlich – auf einen reinen Opferstatus zurückziehen, ohne solche Ereignisse und Entwicklungen – wie auch im Qur’an angedeutet – in Bezug zu unserer eigenen Wirklichkeit zu betrachten. Schließlich, hier sind insbesondere die gemeinschaftlichen und organisatorischen Strukturen der Muslime in Deutschlands gefordert, muss halt auch gehandelt werden. Wenn „Isla­mophobie“ und Muslimfeindlichkeit ein Problem für uns sind, dass muss ihr mit einer professionellen und ausreichend ausgestatteten Taskforce begegnet werden.

Der Artikel erscheint parallel in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Ayasofya“.

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