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Überlegungen zu sinnvollen Antworten auf die Herausforderung der neuen Kommunikation. Von Ali Kocaman und Omar Usman

Regeln für (a)soziale Medien

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(iz). Das Internet, genauer gesagt die vermeintlich sozialen Medien, haben in kürzester Zeit einen enormen Einfluss bekommen. Dieser rapide Anstieg dürfte in zivilisatorischer Hinsicht bisher einmalig sein. Zumindest, wenn wir seinen totalen, alles durchdringenden Charakter betrachten. Da ist es kein Wunder, dass das virtuelle Netz längst auch die muslimische Welt umfasst und – vis-a-vis der islamischen Lehren – vor neue Herausforderungen stellt. Die bisherige Debatte arbeitete sich vorrangig an den eher banalen Fragen nach „erlaubt“ und „verboten“ ab. Welche Wirkungen aber das Netz selbst hat beziehungsweise welche Antworten sich aus der Tradition finden lassen, war zweitrangig.

Dem möchte das englischsprachige Projekt Fiqh of Social Media begegnen. Gemeinsam mit Gelehrten nähern sich online-Aktivisten dem virtuellen Medium an und suchen nach einem passenden Umgang mit ihm. Einer von ihnen ist Omar Usman. Der Mitbegründer von Initiativen wie MuslimMatters.com oder Debt Free Muslims, hat in dem online verfügbaren Buch „40 Hadith of Social Media“ die Tradition der „40 Hadithe“ in die virtuelle Zeit überführt.

Sein Ziel sei, schreibt er in der Einleitung, eine Untersuchung „unserer Beziehung zu Technologie“. Diese habe jeden Aspekt unseres Lebens durchdrungen: Freundschaften, soziale Beziehungen, Familie, Elternschaft, Erziehung und sogar Spiritualität. „Es ist entscheidend, dass ein religiös geprägter Ansatz an der Spitze steht, um der Gesellschaft ein Verständnis davon zu vermitteln.“

Er selbst, so Usman, habe beispielsweise bei muslimischen Konferenzen in den USA feststellen können, dass keiner mehr ohne Vortrag darüber auskomme. Allerdings wiederhole sich nur eine Mindestzahl von Stichworten. „Was überall fehlte, war eine umfassendere Diskussion darüber, wie die sozialen Medien unser Leben beeinflussen.“ Er habe auch den Ausdruck, dass alle paar Monate ein „muslimisches Thema“ in den Netzwerken aufflackere. Obwohl diese Fragen immer schon da gewesen seien, gerieten viele Dinge unter das Vergrößerungsglas der sozialen Netzwerke. „Und wir haben immer noch nicht herausgefunden, wie wir angemessen mit ihnen umgehen sollen.“

Das Ziel des Projektes ist, so Omar Usman, die Schaffung einer Ressource, die alle diese Themen ausführlich angeht. „Es handelt sich darum oft nicht um Fiqh, sondern um einen Ansatz, der unserer Gemeinschaft relevante Lösungen anbieten möchte.“ Muslime bräuchten eine Ressource, die ihnen dabei helfe, sich in dieser „neuen Kultur“ zurechtzufinden. „Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir unzählige Freundschaften und Beziehungen mit Leuten, die wir nicht kennen.“ Es gebe eine Generation „digitaler Eingeborener“, die aufwüchsen, ohne eine Welt kennengelernt zu haben, in der es keine Smartphones oder soziale Medien gab. Um diesen rapiden Wechsel um uns herum zu bewältigen, sei es am besten, „auf die zeitlosen Prinzipien unserer Glaubenstradition“ zurückzugreifen und zu lernen, wie wir sie praktisch in dieser Zeit anwenden können.Im Folgenden eine Auswahl an Deutungsversuchen von Omar Usman von Hadithen, die er in Bezug zur Nutzung der sozialen Netze setzt.

Die Absichten beziehungsweise das Warum – „Die Taten sind entsprechend den Absichten, und jedem Menschen (gebührt), was er beabsichtigt hat. Wer also seine Auswanderung um Allahs und Seines Gesandten willen unternahm, dessen Auswanderung war für Allah und Seinen Gesandten, und wer seine Auswanderung um der Welt willen unternahm, sie zu erlangen, oder wegen einer Frau, sie zu heiraten, dessen Auswanderung war für das, dessentwegen er auswanderte.“ (Bukhari und Muslim)

Die Absicht liegt im Kern einer jeden Handlung. Soziale Medien stellen keine Ausnahme dar. Bekanntermaßen sollte der Vorsatz vor jeder Handlung geprüft werden, aber auch währenddessen und danach. Wir müssen uns fragen, warum wir etwas teilen oder eine bestimmte Aussage „posten“. Was ist die zugrunde liegende Nachricht, die wir kommunizieren möchten? Für wen schreiben wir wirklich? Welche Antwort erhoffen wir uns wirklich?

Wenn man nichts Gutes zu sagen hat … – „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll Gutes sprechen, oder er soll schweigen.“ (Muslim)

Das ist ein fundamentales Prinzip in den Netzwerken. Es ist schwierig, denn ihre gesamte Absicht besteht im Teilen und Diskutieren. Oft bereuen wir Dinge, die wir veröffentlicht haben. Wir erkennen zu spät, dass uns das Schweigen besser genutzt hätte.

Sich um die eigenen Angelegenheiten kümmern – „Zu der Exzellenz des Islam einer Person gehört, dass sie ignoriert, was sie nichts angeht.“ (Tirmidhi)

Es begegnen uns zwangsweise viele Dinge, die uns nichts angehen, aber interessant aussehen. Das Geheimnis besteht darin, sich nicht daran zu beteiligen. Man sollte den allgemeinen Konsum von Informationen reduzieren.

Nachsicht – „Ihr habt zwei Eigenschaften, die Allah gefallen: Nachsicht und Bescheidenheit.“ (Ibn Madschah)

Nachsicht ist ein Begriff, der schwierig zu verstehen ist. Seine arabische Entsprechung ist Hilm (verwandt mit einem der Namen der Allahs, Al-Halim). Dieser Aspekt hat viele verschiedene Bedeutungen, die alle auf die sozialen Medien angewandt werden können. Er bedeutet, denjenigen zu vergeben, die einem Unrecht tun. Und das, obwohl es ein Recht wäre, wütend zu sein. Der Begriff beschreibt jemanden, der weise handelt, sich Zeit nimmt und gründlich über etwas nachdenkt, bevor er reagiert. Hilm ist eine andere Dimension der Geduld: Eine Person, die großzügig auf schädigendes Verhalten antwortet.

Allah, der Erhabene, vergibt uns trotz unserer üblen Gedanken und Neigungen. Das ist eine Erinnerung daran, nach Innen zu blicken. Angesichts eines Konflikts sollte man sich fragen, was man in sich beherbergt, um zu einem Streit beizutragen. Das Gleiche gilt für das eigene Vorgehen, welches eine Reaktion bei jemandem hervorruft. Bleiben wir ruhig und stark, wenn uns etwas ärgert. Verleumdung und Tratsch – „Unter meiner Gemeinschaft geht derjenige zugrunde, der – nach dem Gebet, dem Fasten und dem Spenden – den Tag des Gerichts erreicht und eine Person verflucht hat, eine andere verleumdet, jemand anderen angegriffen hat und das Vermögen eines anderen missbrauchte. Dann werden diese Leute von seinen guten Taten erhalten. Und wenn seine guten Taten aufgebraucht sind, bevor Wiedergutmachung geleistet wurde, werden einige falsche Handlungen von ihnen genommen und auf ihn übertragen. Dann wird er in die Hölle geworfen.“ (Muslim)

Soziale Medien basieren auf Verbindungen zu anderen. Das erleichtert unausweichlich, dass ständig über andere geredet wird. Verleumdung ist eine der übelsten Taten im Islam: „Und sucht nicht (andere) auszukundschaften und führt nicht üble Nachrede übereinander. Möchte denn einer von euch gern das Fleisch seines Bruders, wenn er tot sei, essen?“ (Al-Hudschurat, 12)

Die Bedeutung des Gedenkens ­Allahs – „Sprecht nicht viel ohne die Erinnerung an Allah. Wahrlich, viel Gerede ohne die Erwähnung Allahs lässt das Herz hart werden. Und, wahrlich, die am weitesten entfernten Leute von Allah sind die Hartherzigen.“ (Tirmidhi)

Es ist ein bisschen zu einem Klischee geworden, wenn die Leute Dinge sagen wie: „Verbringt mehr Zeit mit Allahs Buch als mit Facebook.“ Und doch enthält diese Aussage viel Wahrheit. Die Zunge der Gläubigen soll angefeuchtet sein mit der Erinnerung Allahs. Das heißt, diese sollte während des Tages gegenwärtig sein. Der Fokus liegt auf der persönlichen Verbindung.

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