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Überlegungen zum sensitiven Thema Ehe, Liebe und Sexualität im muslimischen Kontext. Von Leila Massoudi, Göttingen

Zwischen Eros und Neurose

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(iz). Die an Muslime gestellte Frage, oft genug als Vorwurf formuliert, wie es denn um das für viele heikle Thema Liebe, Eros und Frauenrechte bestellt sei, geht an der Wirklichkeit vorbei. Zerbrechen doch gerade in modernen Lebensentwürfen die einstmals sicher geglaubten Säulen Ehe und Familie; darüber hinaus sind Frauen (und leider auch Kinder) im stärkeren Maße einer sexuellen Verdinglichung ausgesetzt als vor der so genannten „sexuellen Revolution“.

„Die Mutigen werden von ihren Frauen überwältigt. Nur Feiglinge erobern ihre Ehefrauen.“ (Ibn Adschiba)

Soziale Realitäten

In Deutschland geht rund jede dritte Ehe irgendwann in die Brüche. „Scheidung ist kein Tabu mehr, sondern wird in allen Gesellschaftsschichten praktiziert“, sagt der Vizepräsident der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Jugend- und Eheberatung, Berend Groeneveld. „Die Zahl der Verheirateten ist aber auch deutlich zurückgegangen“, sagt Martin Conrad vom Statistischen Bundesamt. Harald Rost vom Institut für Familienforschung an der Universität Bamberg sagt: „Die Ehe ist zur Option geworden.“ Studien zeigten, dass die Partner eine Beziehung, ihren eigenen Freiraum und Zeit zur Selbstverwirklichung von der Partnerschaft erwarteten.

Also nur noch eine menschliche „Beziehung“, die auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ausgerichtet ist? Wie deutlich die Vision des Fortschritts durch persönliche Bedürfnisbefriedigung fehlgeleitet ist, belegt die gescheiterte Hoffnung, dass eine Entfesselung der Sexualität einen neuen Menschen hervorbringen würde. Resignierte Pioniere dieser vermeintlichen Aufklärung, die in den 60er und 70er Jahren hofften, eine „freie Sexualität“ würde den Menschen als solchen befreien, gestehen ihr Scheitern ein. Heute sei, so eine bekannte Ge­stalt aus dieser Phase, die Befriedigung des einzelnen in seiner sexuellen Beziehung im Vergleich zur Vorgängergeneration nicht größer geworden.

Lassen wir an dieser Stelle einmal außen vor, dass die resultierende Sexualisierung fatale Folgen für die individuelle geistige Gesundheit von Heranwachsenden hat. Wer den Menschen, ganz im Geiste des Humanismus auf den Körper reduziert, darf sich nicht wundern, wenn junge Menschen ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben und unter Bulimie und Magersucht leiden.

Erwähnt werden muss an dieser Stelle auch die Ahnung des französischen Soziologen Foucault, welcher der Ansicht war, dass der Siegeszug des Kapitalismus nur möglich war, nachdem die Kontrolle der Kirche über den menschlichen Körper gebrochen wurde. Das ist sinnig, denn eine Beschränkung des Diskurses über menschliche Freiheit auf den Körper verhindert, dass die Menschen sich relevanteren Fragen zuwenden.

Körper und Biopolitik

Soweit die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Vergessen dürfen wir nicht, dass bei diesem sensitiven Thema Missverständnisse und Verzerrungen einen klaren Blick erschweren. Erschwerend kommt hinzu, dass im modernen Diskurs über den Islam – insbesondere wenn die Sphären von Weiblichkeit und Sexualität betroffen sind – das Argument auf den Körper der Frauen beschränkt bleibt und nicht in Hinblick ihrer sozialen und spirituellen Dynamik verstanden wird. Es hat bisher meines Wissens nach keine historische Untersuchung darüber gegeben, inwiefern der Einfluss von Missionsschulen im ­Orient ein am Christentum angelehntes Frauenbild mit geschaffen haben könnte. Ha­ben Nonnen als Lehrerinnen in Beirut, Alexandria oder Algier das Bild der Frau bei Generationen von muslimischen Männern vielleicht stärker mit geprägt, als wir uns dies eingestehen wollen? Denn ohne Zweifel steht die exis­tente Einstellung zum Eros von Männern in Teilen der muslimischen Gesellschaften für ein neurotisches Verhältnis gegenüber Frauen und Sexualität.

Dies bewegt sich im Gegensatz zur bejahenden wie gelassenen Einstellung gegenüber dem Geschlechterverhältnis, wie es Jahrhunderte lang Realität in der islamischen Lehre und in den muslimischen Zivilisationen war. Mehr noch, nicht wenige Beobachter des real existierenden Nahen Ostens sehen die Erschwernis, sich eine Hochzeit leisten zu können, als einen der Faktoren für die Radikalisierung junger Männer an.

Frauenstimmen

Die Journalistin Anam Majeed beschrieb in einem zweiteiligen Essay die muslimische Einstellung zum menschlichen Körper: „Für Muslime ist die Vorstellung, dass der menschliche Körper etwas hassenswertes sei, undenkbar. In den relevanten qur’anischen Versen wird implizit deutlich, dass der menschliche Körper als Teil der Schöpfung Allahs schön ist und nicht als etwas verachtenswertes zu verstecken sei. Aber gleichermaßen ist die Anbetung des­selben ein Anathema, da sie die Grundfesten unseres Glaubens verlässt. Es scheint mir so zu sein, dass die augenblicklichen Einstellungen zwischen diesen Extremen schwanken.“

Die von ihr zitierte Naomi Wolf beschreibt die aktuelle Sexualisierung der Gesellschaft kritisch. Die „Allgegenwärtigkeit des sexuellen Bilds“ befreie den Eros nicht, „sondern verdünnt ihn.“

Kopftuch und Sexualität

Eklatant für die Missverständnisse im Nachdenken über Sexualität im Rahmen muslimischer Lebenswelten ist die hitzig debattierte Frage nach dem Kopftuch. Der Islam wird in einer ganzheitlichen Welt der Bedeutungen gelebt und gedacht. Es ist heute augenscheinlich, dass die Mehrheit der jungen kopftuchtragenden Frauen dies nicht etwa tut, weil sie einer bestimmten Parteiung angehören wollen. Für viele europäische muslimische Frauen ist das „Problem Kopftuch“ eher ein Symbol für eine verdrängte Debatte um die Rolle der Frau und der Sexualität in der europäischen Gesellschaft. Das Kopftuch wird für diese Frauen zum Ausdruck der Selbstbestimmtheit der muslimischen Frau, die ihren Körper verhüllt, weil er ihr, nicht aber der Gesellschaft gehört. Hierher gehört wohl auch, dass viele Belehrungen über das Kopftuch von biederen Männern stammen, zu deren Selbstdefinition gehört, wie eine Frau eben für sie auszusehen hat. Die heutige Dominanz des Sexuellen in der Gesellschaft beschäftigt dabei nicht nur Muslime. Auf vielen Veranstaltungen mit Musliminnen zeigt sich, dass vor allem Männer über das Kopftuch plaudern wollen. Heute ist Sexualität zwar allgegenwärtig, ein offenes Gespräch über die Rolle von Sexualität aber genauso selten. Macht und Sexualität können in der westlichen und der islamischen Gesellschaft miss­braucht werden.

Spurensuche in den ­islamischen Grundlagen

Es ist nicht ohne Ironie, dass Muslime vor der europäischen Aufklärung wegen ihrer „Sinnlichkeit“ und ihrer nicht neurotischen Einstellung im Abendland an den Pranger gestellt wurden. Die Wissenschaft von der ­Schari’a gilt bei Gelehrten nicht ohne Grund auch als Wissenschaft der Unterscheidung, von den unterschied­lichen Kategorien der Dinge.

Wenn wir über Liebe und Sexualität nachdenken, dann müssen wir deutlich machen, dass im Islam Sexualität weder negiert noch glorifiziert wird, sondern sie erhält den ihr angemessenen Ort im Rahmen einer legitimen Beziehung. Daher ist die Ehe, als rechtmäßiger Ort der Liebe und Sexualität zwischen den Geschlechtern, auch keine kitschige Romanze, sondern ein Vertrag. Liebe, wie sie angeblich in der modernen „Beziehung“ herrschen soll, ist nicht ihre Voraussetzung, sondern die Folge einer erfolgreichen Ehe, bei der sich zwei Menschen auf ein gemeinsames Ziel hinbewegen und durch verschiedene „Stürme“ ihres Lebens reifen. Auch in diesem Rahmen gilt der simple Grundsatz, dass es kein sexuelles Vergnügen ohne gleichzeitige soziale und ökonomische Verantwortung gibt. Wie auch in anderen Bereichen ist es hierbei angezeigt, sich von Axiomen der Moderne freizumachen, um Miss­verständnisse und unzulässige Zu­schrei­bungen zu vermeiden. Zu den groben zählt die Vorstellung, Sexualität sei ein Zustand und keine Handlung.

Für die Wahrheit brauchen wir uns, in Anlehnung an das prophetische Vorbild, nicht schämen, daher lohnt ein Blick auf das doch reichhaltig vorhandene Material in Sachen Liebe und Sexualität. Im Qur’an spricht Allah an verschiedenen Stellen von der Ehe und der Beziehung der Geschlechter: „Und unter Seinen Zeichen ist, dass Er Lebensgefährten erschuf aus euch selber, auf dass ihr Ruhe und Frieden an ihrer Seite fändet, und Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für jene, die nachdenken.“ (Ar-Rum, 20) oder auch „Sie sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand.“ (Al-Baqara, 187)

Der Prophet Muhammad selbst hat die höchsten Maßstäbe für muslimische Männer im Umgang mit ihren Ehefrauen gesetzt. Es gibt viele Überlieferungen, die sein Verhalten als Ehemann beschreiben und die bestimme Situationen seines Ehelebens wiedergeben, welche von seinen Frauen überliefert worden sind. Sie zeigen, dass der Gesandte Allahs mit seinen Frauen mit großer Liebe, Nachsichtigkeit und auch Humor umging – so gibt es Hadithe, die zeigen, wie er mit ihnen scherzte und lachte. Er sagte auch: „Die Besten unter euch sind die, die ihre Frauen am besten behandeln.“

Scharik ibn Abdullah Al-Kadi schrieb, dass die Verliebten den größten Lohn von Allah zu bekommen haben. Und der Dichter Dschamil sagte offen, dass „derjenige, der vor Liebe gestorben ist, auch ein Schahid ist“. Diese Auffassung wird im Hadith bestätigt: „Derjenige, der sich verlieben und sterben wird, ohne Ehebruch zu begehen, wird dem Schahid gleichgestellt.“ In diesem Zusammenhang wird die Beziehung von Frauen und Männern poetisiert, transzendiert, und ihre Rolle wird als Symbol der geistigen Vollkommenheit behandelt. Die Frau verkörpert daher keine diabolische Einflüsterung, die Männer verwirrt, wie christliche Theologen meinten.

Der Islam verneint Selbstverleugnung, aber auch den Exzess. Sexualität wird nicht als Übel betrachtet, sondern findet in der privaten Sphäre statt. Daher gibt es unter Muslimen auch keine Vorstellung einer zölibatären Priesterschaft oder eines Nonnenwesens. So bemerkte die Gelehrte Hedaya Hartford, die für ihre Publikationen zum Thema bekannt wurde, dass in der muslimischen Lehre die Meinung vorherrschend ist, dass Männer ihren Frauen gegenüber eine Verantwortung zur sexuellen Erfüllung haben.

Aber nicht nur zeitgenössische Autoren schreiben darüber. Auch so überragende Gelehrte wie Imam Al-Ghazali, der den Ehrentitel „Beweis des Islam“ erhielt, widmeten sich der Beziehung zwischen Mann und Frau. Das Recht der Frau auf die vollkommene Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse wurde auch theoretisch vom Imam al-Ghazali begründet: „Die Gewährleistung der ehelichen Treue ist die Pflicht des Mannes. Wenn er ihre sexuellen Bedürfnisse nicht befriedigen kann, wird das ihre eheliche Treue gefährden.“ Im Islam gilt die Frau also nicht als Werkzeug zur Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse des Mannes, sondern als das gleichberechtigte Subjekt der Geschlechtsverhältnisse mit der Anerkennung ihres Rechts auf angemessene Anerkennung ihrer ehelichen Bedürfnisse.

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