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Umwelt: Plastikmüll und Mikroplastik

Erschreckende Erkenntnisse neuer Forschungsarbeiten

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Foto: pixabay.com, Stefan Schweihofer

Castanet-Tolosan (dpa/iz). Wenn ein Land die Einfuhr von Plastikmüll stoppt, landet der Abfall eben anderswo: Umweltschützer kritisieren die Vermüllung vieler Länder mit Plastik auch aus Deutschland. Als China die Importe weitgehend gestoppt hat, seien zunächst Malaysia, Vietnam und Thailand in den Fokus gerückt, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Analyse der Organisationen Greenpeace und Gaia. Nachdem sie ihrerseits mit Beschränkungen reagiert hätten, sei mehr Abfall nach Indonesien und in die Türkei gegangen. Allein aus Deutschland seien 2018 pro Monat rund 10 000 Tonnen Plastikmüll in Indonesien und Malaysia gelandet, heißt es bei Greenpeace.

Allerdings zeigen die Zahlen auch, dass die Plastikmüll-Ausfuhren der 21 Haupt-Exportländer insgesamt von 2016 bis 2018 um rund die Hälfte zurückgegangen sind. Für Greenpeace-Experte Manfred Santen ist das kein Signal für Entwarnung: „Man muss fürchten, dass der Abfall nun irgendwo rumliegt und darauf wartet, bearbeitet zu werden“, sagte er.

Das Bundesumweltministerium teilte mit, Abfälle dürften nur zur Verwertung exportiert werden. Da der Markt globalisiert sei, sei Betrug „leider nicht ausgeschlossen“, es komme auf bessere Kontrollen an – die Möglichkeiten dafür hätten sich mit Inkrafttreten des neuen Verpackungsgesetzes verbessert. Nach internationalem Recht gelte für gute recycelbare, sortenreine Kunststoffabfälle als Wirtschaftsgüter das Prinzip des freien Handels, solange es keine Einfuhrbeschränkungen gibt.

Er habe in Malaysia in großen Mengen Abfälle gesehen, die diesem Kriterium nicht entsprächen, sagte Santen. „Das kann man nur zum Teil recyceln. Der Rest bleibt liegen, darum kümmert sich keiner.“ Ende April tagen die Vertragsparteien des „Basler Übereinkommens“ zur Kontrolle des Exports gefährlicher Abfälle. Der Naturschutzbund Nabu forderte ein Exportverbot für Plastikabfall niedriger Qualität in Länder mit geringen Entsorgungs- und Recyclingstandards. Mikroplastik kann in der Atmosphäre zu weit entfernten Regionen transportiert werden. Das haben Forscher mit Analysen in den französischen Pyrenäen nachgewiesen. Im Schnitt hätten sich dort 365 Mikropartikel pro Quadratmeter täglich abgelagert, berichten sie im Fachmagazin «Nature Geoscience». Bisher sei angenommen worden, dass Mikroplastik weit entfernte Regionen vor allem über Flüsse erreicht, die die Partikel ins Meer tragen. Ihre Analyse zeige nun, dass auch die Atmosphäre ein wichtiger Weg beim Transport in unberührte, abgelegene Regionen sein könnte, schreiben die Forscher.

Expertenschätzungen zufolge wurden allein im Jahr 2016 weltweit etwa 335 Millionen Tonnen Plastik produziert, 60 Millionen Tonnen davon in Europa großteils für Verpackungen, wie es in der Studie heißt. Hochrechnungen nach lande jährlich etwa ein Zehntel des hergestellten Plastiks in den Meeren – auf welchen Wegen, sei noch nicht im Detail geklärt. Analysen in Megastädten wie Paris und Dongguan im chinesischen Perlflussdelta hätten gezeigt, dass bestimmtes Mikroplastik über die Atmosphäre transportiert und in der Region abgelagert wird. Die vorliegende Analyse belege nun, dass die Partikel auch in weit entfernte Regionen getragen werden.

Die Forscher um Steve und Deonie Allen vom Forschungsinstitut Ecolab in Castanet-Tolosan hatten 2017/18 über fünf Wintermonate hinweg ein spärlich besiedeltes Gebiet in den Pyrenäen untersucht. Die Gegend liegt weit entfernt von Großstädten, Industriezentren und großen Landwirtschaftsflächen. Wie viel Mikroplastik abgelagert wird, hängt demnach nicht zuletzt von Wetterphänomenen wie Regen, Schnee und starkem Wind ab. Unter den im Mittel 365 abgelagerten Partikeln täglich pro Quadratmeter in dem gut 1400 Meter hoch liegenden Gebiet waren bis zu 750 Mikrometer (0,75 Millimeter) lange Fasern und Kunststoffpartikel mit bis zu 300 Mikrometer (0,3 Millimeter) Durchmesser.

Aus Modellrechnungen schlossen die Forscher, dass die Partikel von bis zu 95 Kilometer entfernten Quellen stammten. In diesem Bereich lägen kleinere Städte mit weniger als 25 000 Einwohnern, aber keine Großstädte wie Toulouse oder Saragossa. Mit den verwendeten Rechenmodellen lasse sich nur sehr eingeschränkt auf die Herkunft von Luftmassen schließen, gerade in dem vorliegenden, komplexen Terrain, gibt Volker Matthias vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht – Zentrum für Material und Küstenforschung (HZG) dazu zu bedenken. Die Aussagekraft halte er daher für sehr begrenzt.

Zu beachten sei zudem, dass es in wärmeren Jahreszeiten einen stärkeren Vertikaltransport in der Atmosphäre gebe. „Höher gelegene und wenig besiedelte Regionen sollten noch stärker durch die Deposition von Stoffen, die in größerer Entfernung in die Atmosphäre gelangt sind, betroffen sein“, erklärte Matthias, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. „Insofern wäre bei künftigen Studien eine längere Beobachtungsdauer wünschenswert.“

Der HZG-Forscher sieht Parallelen zum Transport von Sahara- und Vulkanstaub in der Atmosphäre. Wenn die Partikel durch Luftbewegungen einmal in größere Höhen gebracht wurden, könnten sie auch über größere Entfernungen transportiert werden. Fasern hätten durch ihre spezielle Form zudem geringere Sinkgeschwindigkeiten als kugelförmige Teilchen der gleichen Masse. „Ich halte es nicht für überraschend, dass auch verhältnismäßig große Mikroplastikpartikel über große Distanzen transportiert werden können“, sagte Matthias.

Kunststoffe sind langlebig, größere Teile werden zu immer kleineren zersetzt. Als Mikroplastik werden Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Dazu zählen etwa Reibekörper in Kosmetik und beim Waschen freigesetzte synthetische Fasern. Der im vergangenen Jahr vorgestellten Studie „Kunststoffe in der Umwelt“ zufolge kommen allein in Deutschland jährlich rund 330 000 Tonnen Mikroplastik zusammen – gut vier Kilogramm pro Kopf. An der Spitze der Verursacher steht demnach der Abrieb von Autoreifen: Rund ein Drittel der Mikroplastik-Emissionen entfallen darauf.

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