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Unbekannte Europäer im wahrsten Sinne des Wortes. Von Sulaiman Wilms, Berlin

Von der Wolga bis nach Hellas

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(iz). Hören oder lesen wir von „europäischen Muslimen“, dann nehmen unsere vorgefassten Ansichten ohne Umschweife Besitz von diesem Begriff, ohne eine vorurteilsfreie Sichtweise zu ermöglichen. In hitzigen Debatten sind dies nicht selten die von den allgegenwärtigen Islam-Experten zu höheren Weihen erhobenen Euro-Muslime – auch wenn diese ihrerseits mit Islam und Muslimen nur selten etwas zu tun haben wollen. Also eine Art Light-Version unserer Religion? Oder handelt es sich – banal formuliert – eben um jene Menschen, die als Muslime hier auf diesem randständigen Winkel der eurasischen Landmasse zu Hause sind?

Dabei tun sich alle Seiten (alleine schon begrifflich) hier schwer zu sagen, was denn ein „europäischer Muslim“ sei. Für manche schließt dies, weil sie im Widerspruch zur nicht-rassistischen muslimischen Tradition denken, jene Menschen aus, deren Vorfahren irgendwann einmal von einem anderen Kontinent einwanderten. Ist aber demnach im Gegenzug jeder Muslim, der in Europa lebt, auch per se schon ein „europäischer Muslim“? Auch wenn man dies in Zeiten einer uferlosen Globalisierung und eines latenten Rassismus bejahen möchte, hilft eine Konzentration auf das Verständnis des klassisch-muslimischen Denkens früherer Tage weiter.

Sprache schafft die Identität des Menschen

Nach Ansicht des großen Europäers Ibn Al-’Arabi, der im spanischen Murcia zur Welt kam, ist es die Sprache, welche die Identität eines Menschen ausmacht. Oder, um den bekannten Satz zu zitieren: „Araber ist, wer Arabisch spricht.“ Folgen wir dieser Logik, dann müssen wir – wie es beispielsweise das Verhalten der Osmanen zeigt – die Identität eines Menschen mit seiner Sprachbeherrschung in Verbindung bringen. Demnach ist jeder ein Europäer, der eine europäische Sprache spricht und sich in ihren denkerischen Traditionen bewegt.

Lassen wir die dritte, immer wichtiger werdende Gruppe der „europäischen Muslime“ außer Acht, nämlich jene, die sich bewusst für den Islam entschieden haben, dann bleiben jene „Europäer“ übrig, die traditionell – wie ihre arabischen oder türkischen Glaubensbrüder auch – Teil der weltweiten muslimischen Gemeinschaft waren und sind. Dabei ist es wichtig, sich von der hartnäckigen Vorstellung zu lösen, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sprachlichen Familie – in diesem Falle überwiegend die slawische, illyrische, finno-ugrische oder kaukasische – überhaupt einer rassischen Einordnung gleichkommt.

Brückenbauer

Sie (beispielsweise die Menschen an der mittleren Wolga, die Muslime auf dem Balkan oder die Bewohner des nördlichen Kaukasus) sind aber nicht nur als faktische Muslime in diesem Teil der Welt von Bedeutung, sondern auch, weil sie die irrige Vorstellung aus dem Weg räumen helfen, der Islam sei eine Religion ausschließlich „für die Orientalen“ oder „von Fremden“. Und diese alt eingesessenen Muslime unseres Kontinents können auch als Wegbereiter der neuen, europäischen Muslime gelten, weil sie über ihre Geschichte und ihr Erbe (wenn sie denn noch wirkliche Bindungen zum Islam aufrecht erhalten) den Schritt hin zu einem unverstellten Verständnis von Islam und dessen überzeitlichen Inhalten in ihrer eigenen Gestalt nachvollziehbar machen.

Was ist Europa?

Die Debatte – wenn nicht gar der Streit – um Gegenwart und Zukunft des Islam in Europa greift nicht selten auf sehr metaphysische Fragen zurück. Diese sind für die entsprechenden Akteure insofern wichtig, um die künstliche Abgrenzung zwischen Europäern und Muslimen am Leben zu erhalten. Und so wird die angebliche Trennung zwischen beiden auch dadurch bestärkt, dass man den Islam – entgegen sämtlicher historischer und kulturgeschichtlicher Erkenntnisse – als etwas fremdes auf diesem Kontinent einstuft.

Jedoch ist die Definition, wo „Europa“ aufhört und wo es endet, nicht nur eine nie endgültig geklärte, sie veränderte sich je nach politischen und religiösen Gegebenheiten teils beträchtlich. Während der Antike (als deren eigentliche Erben sich zurecht die frühen, mediterranen Muslime bezeichnen dürfen) – auf die sich leider nicht nur trockene Pedanten des 19. Jahrhunderts, sondern auch zeitgenössische Konservative ad nauseum berufen – fand ein erheblicher Teil der „zivilisatorischen Entwicklung“ in Kleinasien statt. Ironischerweise eben jenes Gebiet, dem man heute mit dem Verweis, es sei nicht europäisch (oder zumindest nicht genug), den versprochenen Zutritt in die EU verweigern will. Und auch das Christentum, dessen sämtliche Wurzeln und Frühgeschichte dem Nahen Osten zu verdanken sind, also keine „europäische Religion“ im eigentlichen Sinne, stellte in seiner universalen und nicht-rassischen Denklogik diese künstlichen Trennlinien sehr lange nicht auf. Haben doch große Kirchenväter beispielsweise in Nordafrika, auf dem Balkan oder eben in Kleinasien ihre Heimat gefunden.

Erst mit der Renaissance, und nach Jahrhunderten von Hungersnöten, Pest und Glaubenskriegen verschob sich der Schwerpunkt des Kontinents immer mehr nach Norden und Westen. Diese Verschiebung war weniger einem zivilisatorischen oder gesellschaftlichen Aufblühen geschuldet, sondern der Realität von verbesserter Militärtechnologie und einem ungestillten und noch frischen Drang, den Rest der Welt in Form von Kolonien und Protektoraten zu unterwerfen.

Orientierungen

Legen wir aber den Maßstab von OSZE und Europarat an, dann zählen zu den europäischen Muslimen nicht nur die migrantischen Muslime und ihre Nachkommen (wenn sie auch eine sehr gewichtige Rolle zu spielen haben) und die wachsende Zahl der neuen Muslime, sondern auch die Millionen Muslime des Balkans, Osteuropas und des „europäischen“ Teils Russlands bis zum Ural.

Dabei sind die Zuordnungen sicherlich hinterfragenswert. Warum, so könnten wir fragen, dürfen Finnen und Esten, die der finno-ugrischen Sprachfamilie zuzuordnen sind, Teil der EU sein, die weitaus westlicheren Bosnier aber nicht? Und warum sind die Muslime der mittleren Wolga, die bereits um die erste Jahrtausendwende herum einen umfangreichen Kontakt mit dem europäischen Westen, aber auch mit dem Khalifat von Bagdad unterhielten, nicht genauso „Europäer“ wie die Skandinavier – Nachkommen der Wikinger und Normannen, die bis zur Reformation vor allem durch Raubzüge von sich Reden gemacht haben?

Beispiel Russland

Bevor oder zeitgleich zu ihren christlichen Landsleuten, die orthodoxen Kirchen am mittleren Lauf von Oka und Wolga bauten, hörten die Wolgabulgaren die Rezitation des Qur’an. Um das 9. Jahrhundert herum bekannten sich immer mehr Einwohner in der Region zum Islam, aber es war die Bezeugung eines bulgarischen Königs, der sein Volk in den neuen Glauben brachte. 921 entsandte der König eine Delegation zum abbasidischen Khalifen in Bagdad. Im folgenden Jahr antwortete Bagdad mit einer Gesandtschaft an die Wolga, die vom berühmten Reisenden Ahmad ibn Fadlan angeführt wurde. Der bulgarische Monarch bat den Oberherr der Gläubigen um Gelehrte, damit die neuen Muslime in den Islam und die arabische Schrift eingeführt werden konnten.

Das muslimische Königreich hatte Jahrhunderte lang Bestand und konnte sich trotz der Expansionsbemühungen seiner christlichen Nachbarn im Westen behaupten. Die wichtigsten Städte Bulgar und Suvar lebten von ihrer Funktion als Schnittpunkt zwischen dem Handel von Russland, Skandinavien, Byzanz, den Abbasiden und Zentralasien.

Seinen Untergang erlebte es allerdings nicht russischen Fürstentümern, sondern durch die Horden von Dschingis Khan. Wenn auch politisch und militärisch geschlagen, war die überlegene Zivilisation der Wolgabulgaren doch anziehend für die neue tatarische Herrschaft in Russland. Diese nahmen den Islam an – angefangen mit Berke, dem Enkel Dschingis Khans und zweiten Beherrscher der Golden Horde.

Nach seiner Auflösung im 15. Jahrhundert bildete sich in seinem nördlichen Teil das Khanat von Kazan. Es musste sich 1552 der militärischen Überzahl der Armeen Iwans des Schrecklichen geschlagen geben. Im sowjetischen und post-kommunistischen Russland erhielt das Gebiet den Namen „Tatarstan“, obwohl dieser Begriff irreführend ist. Denn die wolgabulgarische Bevölkerung wurde nur im sprachlichen Sinne „tatarisiert“ und blieb europäisch.

Heute sind es nicht von ungefähr die muslimischen Tataren Russlands, die als „Europäer“ und Bürger Russlands dabei sind (vielleicht auch stellvertretend für die Muslime Westeuropas), einen mittleren Weg zwischen nihilistischem Extremismus und einer sinnentleerten Esoterik zu finden.

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Sulaiman Wilms

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