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Soziale Ungerechtigkeit: Wie können wir nachhaltig helfen?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Schaikh Habib Bewley

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Foto: Shiraz Ahmed

(iz). Finanzen sind zu einem Problem geworden, welches die Aufmerksamkeit aller heutigen Menschen auf sich gezogen hat. Es gibt das bekannte Sprichwort, wonach „Geld die Welt am Laufen hält“. Die meisten verbringen das Leben mit der Suche danach. Es diktiert ihre Entscheidungen, bestimmt ihr Leben und ihre Umstände.

Unsere Bemühungen, Allahs Din voranzubringen, scheinen zumeist durch einen Mangel an Mitteln wirkungslos gemacht zu werden. Und unsere Aufmerksamkeit und Energie scheint immer von der dauerhaften Suche nach den nötigen Finanzen abgelenkt zu werden. Beinahe schon ist Suche nach den Mitteln zu einem definierenden Element von uns geworden. Der Antrieb und die ständigen Kampagnen für die Mittel, die wir brauchen, um das zu tun, was sich gut anfühlt. Für viele von uns scheint der Akt, die Leute dazu zu bewegen, etwas zu geben, bereits die Sache selbst zu sein, die eine große Leistung ist. Aber das ist kein Ziel, sondern nur ein Mittel auf dem Weg dorthin. Unser Ziel auf Erden besteht nicht darin, die Leute reich zu machen oder Armut auszurotten, sondern Allah und Seinem Gesandten zu gehorchen.

Die freiwillige Spende (arab. Sadaqa) ist eine enorme Sache. Sie belebt die Gemeinschaft und verbindet die Herzen ihrer Mitglieder. Ohne sie werden die einzelnen Elemente geschwächt und können beim kleinsten Anschein von Schwierigkeiten brechen. Ohne sie gibt es weder Liebe, noch Gemeinschaftsgeist. Wir brauchen Sadaqa und sie muss Teil unserer Identität sein. Allah sagt darüber im Qur’an: „Daher fürchtet Allah, soweit ihr könnt. Und hört zu und gehorcht und gebt Gutes für euch selbst aus. Und diejenigen, die vor ihrer eigenen Habsucht bewahrt bleiben, das sind diejenigen, denen es wohl ergeht.“ (At-Taghabun, 16) Und der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, meinte hierzu: „An jedem Morgen, der dem Sklaven Allahs aufgeht, kommen zwei Engel herab. Einer von ihnen sagt: ‘Oh Allah, belohne alle, die geben.’ Und der andere sagt: ‘Oh Allah, bringe Ruin für alle, die zurückhalten.’“

Es ist also nicht so, als bräuchten wir keine Sadaqa. Sie muss aber eine Form annehmen, die uns für unsere Projekte von ihr abhängig macht. Wir sollten beginnen, auf eine neue Weise zu geben. Beziehungsweise dies derart zu tun, wie es immer unseren Gesellschaften zugrunde lag, aber heute stark erodiert ist.

Diese Form des Gebens ist der Waqf oder Habous. Wir müssen uns selbst wieder an diese große Einrichtung des Dins erinnern. Sie ist eine Institution, welche die Kapazität dafür hat, die ökonomischen Leiden dieser Zeit zu lindern, wenn nicht gar umzukehren. Das wird sogar von nichtmuslimischen Beobachtern gesehen. In einem Artikel für das „Wallstreet Journal“ schrieben Charles Landow und Courtney Lobel, um die Wohlhabenden der USA zu motivieren, in die gesellschaftliche Infrastruktur zu investieren: „Dafür gibt es Vorläufer. In der osmanischen Ära gab es keinen Staatshaushalt zur Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen. Diese Lücke füllten mehr als 35.000 Privatstiftungen (…). Sie finanzierten öffentliche Projekte und städtische Dienstleistungen – von Wassersystemen und Schulen bis hin zu Krankenhäusern, Brücken, Straßen (…).“

Ein Waqf (was sich sinngemäß mit „Stiftung“ übersetzen ließe) ist eine bestätigte Sunna des Gesandten Allahs. Tatsächlich war die erste Handlung nach seinem Einzug nach Medina die Gründung eines Waqfes – nämlich für seine Moschee. Und wir wissen, dass diese Institution nicht auf Orte der Anbetung beschränkt blieb. Einer seiner nächsten Schritte war die Stiftung eines Marktes.

Muhammad ibn Abdallah ibn Hassan überlieferte, dass „der Gesandte Allahs den Muslimen ihre Märkte als eine Sadaqa gab“. Der Prophet machte diese Orte zu einem Waqf für die Muslime. Das heißt, sie waren nicht nur auf ausdrücklich „religiöse“ Ziele beschränkt.

Was ist eigentlich ein Waqf? Die beste Definition findet sich in einem Hadith. Als ‘Umar ibn Al-Khattab Land in Khaibar als Teil der Beute erhielt, ging er zum Gesandten Allahs und fragte diesen: „Gesandter Allahs. Das Stück Land, das mir in Khaibar gegeben wurde, ist der wertvollste Besitz, den ich jemals erhalten habe. Was schlägst Du vor, dass ich damit tun soll?“ Der Prophet entgegnete: „Wenn Du möchtest, kannst Du das Land in einen Waqf wandeln und seine Erzeugnisse spenden.“ So gab ‘Umar das Land als Sadaqa mit Bedingungen: „Es darf nicht verkauft, weggegeben oder vererbt werden. Die Erzeugnisse seiner Ernte sollen für die Armen, Verwandte, zur Befreiung von Sklaven, auf dem Weg Allahs, für Reisende und die Betreuung von Gästen benutzt werden. Es ist kein Problem, dass der derjenige, der das Land bestellt, sich das nimmt, was er braucht und von den Erzeugnissen isst, ohne sie zu verkaufen. Dann rief ‘Umar eine Gruppe der Männer von den Auswanderern (Muhadschirun) und den Helfern (Ansar) zu sich, um die Bedingungen zu bestätigen und sie bekannt zu machen.“

Das ist die grundlegende Definition eines Waqf und seiner Stiftung. Er besteht in der Beschränkung eines bestimmten Besitzes oder Eigentums – in diesem Fall eines Obstgartens – auf eine spezifische Gruppe von Empfängern, in diesem Fall die Empfänger von Zakat, sowie einigen anderen Kategorien. Gleichzeitig wird verhindert oder verboten, dass die Produkte seines Gebrauches irgend jemand anderem zugute kommen. Dieser Nutzen wird üblicherweise für immer vom Stifter, dem Waaqif, gegeben. Ein Verbrauchsgut – wie Lebensmittel oder eine Geldsumme – kann nicht als Waqf gegeben werden, weil sein Nutzen endet, sobald es verbraucht ist.

Der Waqf (pl. Auqaf) ist die höchste Form von Sadaqa. Anders als andere Formen der Großzügigkeit ist er dauerhaft. Er besteht fort. Seine Wirkungen bleiben spürbar, selbst wenn der Stifter schon lange unter der Erde begraben liegt. Es ist die Sadaqatun Dscharija, über welche der Gesandte Allahs sprach: „Stirbt eine Person, enden all ihre Handlungen mit Ausnahme von drei – ein dauerhafter Akt der Sadaqa, nützliches Wissen und ein rechtschaffenes Kind, das für sie betet.“

Die Tatsache ihres Fortbestandes erheben die Auqaf in den Augen Allahs und erhöhen Seine Zufriedenheit. Hierzu sagte der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Die Handlung, die Allah am meisten liebt, ist die mit der größten Dauer. Und sei es auch nur eine geringe Sache.“ Will man Großes in seinem Leben erreichen, dann gibt es nur wenig, was größer als ein Waqf ist. Diese Aussage eines osmanischen Herrschers wurde hierzu weitergegeben: „Wollt ihr uns nach unserer Zeit kennenlernen, dann betrachtet unsere Auqaf. Denn sie sind unsere besten Werke, die uns repräsentieren.“

Der Waqf war eine der Krönungen der muslimischen Kultur. Die Wohlhabenden sorgten sich um die Bedürfnisse der Leute und gaben entsprechend. Sie stellten sicher, dass ihre Institutionen und Städte umsorgt wurden und deren Bevölkerung gesund und gebildet war.

All die Madrassen und Universitäten, welche die Führung der großen wissenschaftlichen Fortschritte in Al-Andalus und Nordafrika innehatten, waren als Auqaf gestiftet. Ihr Unterhalt (inklusive Beleuchtung, Lehrergehälter, Bücher, Schlafquartiere und Stipendien für Studenten) wurden von den Stiftungen bereitgestellt. Für die Qarawijin-Universität in Fes gab es für jede Fachrichtung eine eigene Stiftung. Abdalhadi At-Tazi berichtete, dass zu seinen Lebzeiten 18 verschiedene Disziplinen auf diese Weise unterstützt wurden.

Jede Stadt war mit großen Bibliotheken ausgestattet, die – für alle Wissenssuchenden gratis – komplett durch die Stiftungen ausgestattet und unterhalten wurden. In dem Buch „Nafh At-Tib“ wurde überliefert, dass Abu Hajjan ibn Jusuf, ein großer Gelehrter Granadas, den Gelehrten Al-Maqri dafür kritisierte, dass er so viele Bücher kaufte. „Allah hat dir einen Verstand gegeben. Du solltest ihn benutzen. Jedes Buch, das ich lesen will, leihe ich mir einfach bei den Büchereien der Auqaf!“

Es gab unzählige Krankenhäuser, Apotheken und Kliniken. Alle behandelten die Kranken umsonst, denn ihr Unterhalt sowie die Gehälter wurden von Auqaf bezahlt, die ihnen angeschlossen waren. Die Stiftungen wurden auch geschaffen, um Straßen zu unterhalten, Waisen, Witwen und Geschiedenen zu helfen, freie Gasthäuser für mittellose Reisende zu betreiben, frisches Trinkwasser bereitzustellen, um der Jugend die Mittel für eine Ehe zu ermöglichen oder sogar für Diener, die Gegenstände zerbrachen. Und nicht nur Menschen wurden versorgt. Es gab sogar Auqaf, die sich um streunende Katzen oder alte Esel kümmerten. Solch ein Ort existiert noch heute in Fes.

Diese Dinge sind aus zwei Gründen erwähnenswert. Erstens sind die herrschenden Verhältnisse nicht die einzige Möglichkeit. Abhängigkeit – insgesamt vom Staat abhängig zu sein – ist kein gesunder Zustand für einen Menschen. Um unser wirkliches Potenzial zu entfalten, müssen wir uns schrittweise davon freimachen. Zweitens können wir damit beginnen, diesem Modell wieder zu folgen. Vieles kann zu einem Waqf gemacht werden, um erlaubte Dinge zu finanzieren. Es braucht nicht notwendigerweise eine große Summe, um anfangen zu können. Einige Obstbäume, eierlegende Hühner oder ein Fahrzeug – sie können alle ein Waqf werden.

Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wer ein Pferd als ein Waqf gibt, das auf dem Wege Allahs und in Bestätigung Seines Versprechens genutzt wird, dann wird sein Futter, sein Wasser, sein Mist und sein Urin am Tag der Auferstehung auf seine Waage gelegt.“ In unserer Zeit kann jemand beispielsweise recht leicht ein Auto kaufen und es als einen Uber-Wagen benutzen, wobei er die Einkünfte zwischen dem Fahrer und den gewünschten Empfängern aufteilt. Und fehlen uns selbst die Mittel, hindert uns nichts an einer Partnerschaft mit vielen anderen. Das ist die Art des Gebens mit dem größten Nutzen.

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