IZ News Ticker

Keine Belege für religiöse Motive

Unruhen unter Flüchtlingen: Migrationsforscher Jochen Oltmer widerspricht simplen Thesen

Werbung

(iz). Seit dem letzten Höhepunkt der Flucht unzähliger Menschen aus den globalen Krisengebieten zu uns nach Deutschland kommt es in den Schlagzeilen klassischer Medien und des Internet zu apokalyptisch anmutenden Meldungen über Gewalt und Unruhen in Flüchtlingsunterkünften. Als sei es nicht genug, dass es überhaupt zu Konflikten und Tumulten kommt, nutzen einige Kritiker und Medien die Gelegenheit, um solche Situationen zu kulturalisieren. Für sie ist das Urteil einfach: Ein weiterer Beweis für die Inkompatibilität von Muslimen in der hiesigen Landschaft.

Hierzu sprachen wir mit Prof. Dr. Jochen Oltmer. Der studierte Geschichts- und Politikwissenschaftler arbeitet beim Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Dort ist Oltmer unter anderem Projektleiter. Zu seinen Schwerpunkten gehören Emigration, Asyl, Flucht, Migration und inländische Migrationspolitik. Oltmer sieht eher handfeste Gründe für vorhandene Konflikte und Tumulte. Auch müsse die Politik endlich das Problem hörbar ansprechen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Oltmer, Sie haben sich mit anderen Wissenschaftlern im Rahmen der Bundespressekonferenz zur Frage geäußert, wie es zu Konflikten in Flüchtlingsunterkünften kommt. Wie sieht die Lage aus?

Prof. Dr. Jochen Oltmer: Es ist wichtig in diesem Kontext deutlich zu machen, dass wir es in sehr vielen dieser Erstaufnahmeeinrichtungen mit schwierigen Konstellationen zu tun haben. Das heißt, eine große Zahl dieser Einrichtungen sind überbelegt – stellenweise mehrfach überbelegt. Das hat zur Folge, dass uns täglich Bilder von Platzmangel erreichen. Es gibt schwierige Bedingungen, was Essenausgabe, Ruhemöglichkeiten und Rückzugsmöglichkeiten angeht. Überhaupt ist die ganze Unterbringung betroffen.

Mittlerweile wird heftig die Unterbringung in Zelten diskutiert, darunter auch die Bedeutung dieser Zelte bei Konstellationen im Winter. Das sind relativ schwierige Bedingungen. Was dazu führt, dass es nicht selten in diesen Einrichtungen zu Spannungen kommt. Sie entsprechen dieser ganz spezifischen, und recht angespannten, Atmosphäre.

Islamische Zeitung: Sie haben in Ihrem Beitrag kritisiert, dass solche realen Probleme, die ganz anderen Faktoren geschuldet sein können, oft kulturalisiert werden. Also in einen kulturellen oder religiösen Kontext gestellt werden.

Prof. Dr. Jochen Oltmer: Ja, genau. Wir wissen eigentlich relativ wenig über die Menschen, die in diesen Erstaufnahmeeinrichtungen zu finden sind. Religionszugehörigkeit wird dort überhaupt nicht registriert. Religion ist kein Kriterium im Rahmen des Asylverfahrens oder der Registrierung. Daher kann auch gar nicht von den Behörden Wert darauf gelegt werden, dass religiöse Orientierungen in diesen Einrichtungen zusammengefügt oder auseinandergezogen werden.

In Hinblick auf resultierende Spannungen und die teilweisen Tumulte sind zwar Konflikte religiöser oder ethnischer Natur vermutet worden. Bislang hat es aber hier keine Bestätigung gegeben, dass diese Aspekte Hintergründe solcher Konflikte oder Tumulte sind. Von daher müssen wir vor allem auf die ganz spezifischen Lebensbedingungen schauen, die wohl an allererster Stelle dafür verantwortlich sind, dass es derzeit eine relativ angespannte Atmosphäre gibt.

Dazu gehört auch, dass sehr viele Menschen bekanntermaßen aus einem Kontext von Krieg und Bürgerkrieg kommen. Sie haben auch sehr lange, komplizierte und anstrengende Wege hinter sich gebracht. Hier haben sie nach einigen Wochen, wenn nicht gar Monaten, erstmals überhaupt Schutz gefunden. Das trägt am Ende neben dem erzwungenen Warten auf die nächsten Verfahrensschritte, die ja auch Wochen oder Monate brauchen, dazu bei, dass wir es mit einer besonderen Lage zu tun haben. Über die ist viel mehr zu reden als über Religion oder Nation beziehungsweise Staatsangehörigkeit.

Islamische Zeitung: Wir würden gerne einen Blick darauf werfen, wie die Themen Flüchtlinge und ihre erste Unterbringung diskutiert werden. Es gibt historische Vorbilder: die millionenfachen „Displaced Persons“ direkt nach dem Krieg sowie die Situation in den 1990er Jahren. Wie würden Sie anhand beider Erfahrungen die Behandlung des Themas einschätzen?

Prof. Dr. Jochen Oltmer: Wir haben ganz explizit über Erstaufnahmeeinrichtungen beziehungsweise -lager gesprochen. Das ist ein Punkt, über den hier gewiss gesprochen werden muss. „Lager“ ist ein Begriff, der nicht im amtlichen Sprachgebrauch verwendet wird. Man kann solche Einrichtungen auch als Lager bezeichnen, was ja auch immer wieder getan wird. Es bringt eine ganz spezifische Form der Unterbringung mit sich. Insofern ganz besonders, weil sie in der Regel zu einer Segregation derjenigen führt, die dort untergebracht werden.

Wir haben auch in diesem Kontext auf der Bundespressekonferenz darauf hingewiesen, dass es sehr wichtig wäre, möglichst schnell zu Dezentralisierungen zu gelangen. Zügig sollten Menschen in diesen Verfahren auf die Bundesländer und dann auf die Kommunen verteilt werden. Vor Ort sollten sie, wenn irgend möglich, in Wohnungen gebracht werden. Zumindest aber in Einrichtungen, die nicht sehr groß sind. Ergebnisse deuten an, dass so der Kontakt mit der Bevölkerung in Deutschland viel eher hergestellt wird. So wird auch von allen Beteiligten viel schneller ein Kontakt gesucht. Denkt man tatsächlich über etwas wie Integration nach, hat man hier viel früher einen Ansatzpunkt als in den großen Erstaufnahmeeinrichtungen.

Im 20. Jahrhundert, das auch eine Zeit der Lager war, ist auf das Lager immer auch als Fremdkörper geblickt worden. Das heißt, die Bevölkerung in der Umgebung hat das Lager als ganz besondere Form der Unterbringung verstanden – was sie ja auch ist. Sie erzeugen auch immer eine Distanz und eine Distanzierung. Dadurch entstehen laut Beobachtungen immer auch Formen der Stigmatisierung. So entwickeln sich schnell Perspektiven von Lagerinsassen als „die Anderen“, „die Fremden“. Hier unterliegen sie einem spezifischen, eigenen Regime, während man selbst zu den Einheimischen, dem „Wir“ gehört. Damit verbunden sind immer viele Vorstellungen von Menschen, die sich nicht um sich selbst kümmern können oder wollen. Es entstehen Urteile über Personen, die Leistungen des Staates in Anspruch nehmen. Der Weg zur Stigmatisierung als Schmarotzer ist da auch nicht weit. Das können wir in der Zeit nach dem Ersten wie nach dem Zweiten Weltkrieg ausmachen. Die Bewohner sind als Leistungsempfänger ganz spezifisch gekennzeichnet und eben auch als Arbeitsunwillige klassifiziert worden.

Was den Umgang mit der Flüchtlingsbewegung insgesamt angeht, kann man klar sehr ambivalente Perspektiven ausmachen. Einerseits haben wir – gerade im Vergleich zu den 1990er Jahren – eine sehr offene Aufnahme, Hilfsbereitschaft, Spendenbereitschaft und sehr viel ehrenamtliches Engagement. Auf politischer Ebene gibt es auf der Ebene der Kommunen, aber auch auf der des Bundes, recht offene Perspektiven. Allerdings sind sie in den letzten Tagen auch durch Schließungstendenzen gekennzeichnet. Wir erleben natürlich gleichzeitig – wie in den 1990er Jahren – viel an Fremdenfeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit bis hin zu Protesten oder gar Anschlägen. Wie mir scheint, gibt es im Gegensatz zu den 1990er Jahren bis vor Kurzem ein klares Überwiegen der Offenheit.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Prof. Dr. Oltmer, Sie erwähnten Eingangs den Aspekt der Begegnung. Bei der Diskussion um das Thema haben wir beinahe ein doktrinäres Maß an Abgrenzung erreicht. Es entsteht der Eindruck, dass sich beide Pole des Meinungsspektrums mit konkreten Vorschlägen schwertun. Erleben wir hier auch eine gewisse Sprachlosigkeit?

Prof. Dr. Jochen Oltmer: Ja. Wir haben es tatsächlich mit einer Sprachlosigkeit zu tun. Mich würde hier wieder die Frage interessieren, warum das so ist. Dass wir im politischen Bereich ein Lagerdenken haben, kommt ja nicht so selten vor. Dazu reicht ein Blick auf die Berichterstattung. Jede Diskussion über einen Gegenstand wird in Medien dann schon als „Streit“ mit Verve herausgestellt. Das erhöht den medialen Effekt. Ich halte das für überaus problematisch.

Hier wird noch ein Punkt wichtig: Vor dem Hintergrund einer sehr langen Nichtthematisierung sehe ich eine große Unkenntnis über die Frage, worüber wir eigentlich reden. Wir haben nun bekanntermaßen über Jahre und Jahrzehnte eine Nicht-Diskussion von Migration und Integration gehabt. Lange galt das als unnötig, weil Deutschland kein Einwanderungsland sei. Parallel dazu gab es die Perspektive, nicht über Integration – schon gar nicht über Einwanderung! – zu sprechen, weil sofort irgendwelche Fremdenfeinde aufstehen würden. Und manche Wähler könnten dies als Öffnung verstehen. Also bleibt das Thema besser in der Schublade oder irgendwelchen Hinterzimmern. So erreicht man, es überhaupt gar nicht erst zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden zu lassen.

Die Tatsache eines sehr langen Beschweigens von Migration, Einwanderung, Asyl und Flucht trug dazu bei, dass es hierzu sehr wenig Kenntnisse gibt. Dazu gehören Fragen nach den Hintergründen von Migration und Flucht. Oder nach dem, mit was wir hier eigentlich zu rechnen haben. Mit diesen Faktoren und Elementen müssen wir umgehen, auch politisch. Und wir sehen in der Politik sehr große Unkenntnis und Unsicherheit, die auch aus der besagten Nicht-Thematisierung herrühren. In gewisser Weise rächt sich das jetzt. Permanent sind wir jeden Tag mit neuen Adhoc-Maßnahmen konfrontiert. Bislang hat in den vergangen Monaten – oder Tagen – niemand über Konzepte gesprochen. Es gibt keine Konzepte, keine Strategien und – so könnte man es formulieren – keinen Überblick. Das führt zu kleinteiligen Ansätzen sowie eben auch zu Skandalisierungen.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Prof. Dr. Jochen Oltmer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Neueste Artikel von Sulaiman Wilms (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen