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Unser Leben ist eine Reise zu Allah

Reflexion über die gleichzeitig zeitlosen und doch hochaktuellen Bedeutungen der Hadsch

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Foto: Fadi El Binni of Al Jazeera English

Während der gesegneten ersten zehn Tage das Monats Dhu’l-Hidscha wird die große Pilgerfahrt nach Mekka, die Hadsch, begangen. Millionen Muslime werden dann nach Mekka und seine ­Umgebung gekommen sein, um die alten Rituale zu wiederholen, die im Zusammenhang mit dem Propheten Ibrahim, Friede sei mit ihm, stehen.

Die Hadsch wird in diesem Jahr zwischen Ende August und Anfang September stattfinden. Die Berechnung der Pilgerfahrt basiert auf dem Mondkalender. Sie ist ein kulminierender Augenblick, aber auch das Signal für einen Neuanfang. Sie ist der besiegelnde Moment im jährlichen Ablauf der Rituale, die das ­Leben eines Muslims bestimmen.

Beginnend mit dem Fasten am ‘Aschura-Tag (am zehnten Tag des ersten Monats, Muharram) setzt sich der „spirituelle Kalender“ im Rabi’ Al-Awwal fort. Hier ereignete sich die Geburt des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Der Reflexion dieses Tages folgt das freiwillige Fasten im Radschab. Das ist auch die Phase, in welcher wir der Nachtreise und der Himmelfahrt des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gedenken.

Auf diesen folgt der ebenfalls gesegnete Scha’ban. Auch hier ist eine freiwillige Enthaltsamkeit angeraten. Seine 15. Nacht ist eine der Augenblicke des Jahres, die sich besonders für intensive Anbetung und die Anrufung Allahs eignet. Auf ihn folgt der gesegnete Ramadan, die Zeit des einmonatigen Fastens und der nächtlichen Anbetung. Ramadan macht Platz für den Schawwal, in dem die Vorbereitungen für die Hadsch beginnen. In ihm wird ein sechstägiges Fasten, am besten in Folge, nahegelegt.

Während des kommenden Dhu’l-Qada setzen sich die Vorbereitungen für die große Pilgerfahrt fort. Die ersten zehn Tage des Hadschmonats wurden auch als die tugendhaftesten Tage des Jahres beschrieben. Dann sind Fasten, Bittgebete, Dhikr und andere Handlungen der Anbetung besonders angeraten. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Es gibt keine Tage, in denen rechtschaffene Taten mehr Tugend besitzen als diese zehn Tage.“

In diese Phase fällt der Tag von ’Arafat, der neunte Tag von Dhu’l-Hidscha. Über ihn unterwies uns der Gesandte ­Allahs: „Es gibt bei Allah keinen einzelnen Tag, der tugendhafter ist als der Tag von ’Arafat.“ Sein Rang manifestiert sich selbst in der Schwere von Gottes Verzeihung währenddessen. Zusätzlich gibt es Vergebung für jene, die dann fasten. „Es gibt keinen Tag, an dem Allah Seine Diener mehr vom Höllenfeuer befreit als am Tag von ’Arafat.“

Diese Momente dienen als Meilensteine für die Diener auf ihrem Weg zu ­Allah. Der Ablauf eines jeden Jahres wird durch die Hadsch markiert. Sie dient als Erinnerung für uns, dass wir uns unserem Schicksal angenähert haben. Allah sagt darüber: „(…) nehmt ausreichend Versorgung. Und die beste Versorgung ist Rechtschaffenheit.“ (Al-Baqara, 197) Allah erinnert uns daran, dass dieser Lebensweg einzigartigen Proviant benötigt. Und dass die Hadsch ein Symbol ist, die uns an diese größere Reise gemahnt.

Wie erwähnt steht die große Pilgerfahrt für neue Anfänge. Wer sie erfolgreich abschließt, kehrt in spiritueller Hinsicht von allen vorherigen falschen Handlungen heim. Das basiert auch auf den prophetischen Worten: „Wer die Pilgerfahrt nach Mekka verrichtet, frei von irgendeiner unzüchtigen oder verkommenen Handlung, lässt seine falschen Handlung zurück und kehrt im Zustand der Reinheit zurück, in der er sich befand, als seine Mutter ihn zur Welt brachte.“

Nach Abschluss wissen wir, dass uns das neue Jahr bevorsteht. Diese Erkenntnis ermutigt uns, innezuhalten und nachzudenken – über unsere Leistungen und Mängel des vergangenen Jahres. Es ist eine gute Gelegenheit, Allah für das Erreichte zu danken und gleichzeitig zu verstehen, was zu unseren Schwächen führte.

Diejenigen, die mit einer erfolgreichen Hadsch gesegnet wurden, erkennen so, dass sie eine der wesentlichen Vorbereitungen für ein neues Leben geleistet haben: das Jenseitige. Daran erinnerte uns der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Eine angenomme Hadsch ist besser als die Welt und was in ihr ist. Die passende Belohnung für eine angenommene Hadsch ist nichts anderes als das Paradies.“

Es ist passend, dass ein solch mächtiges Ereignis ein gleichnamiges Kapitel im Qur’an erhalten hat. Ich würde gerne über zwei Verse dieser Sure reflektieren. Im ersten spricht Allah den Propheten Ibrahim, Friede sei mit ihm, an: „Und rufe unter den Menschen die Pilgerfahrt aus, so werden sie zu dir kommen zu Fuß und auf vielen hageren Reittieren, hager gemacht durch die lange Reise. Aus jedem entfernten Ort kommend.“ (Al-Hajj, 27)

Er wird aufgefordert, der Menschheit zu erklären, dass Allah ein geheiligtes Haus etabliert hat. Sie müssen eine ­Pilgerreise zu ihrem Besuch unternehmen. Diese gewaltige Ankündigung übersteigt Zeit und Raum. Als er den Befehl erhält, sagte Ibrahim: „Wie kann ich das der ganzen Menschheit erklären, wenn meine Stimme sie nicht erreicht.“ Allah entgegnete: „Du wirst den Aufruf machen und Ich werde ihn der Menschheit überbringen.“ Es wurde überliefert, dass Allah ein Absenken der Berge veranlasste. Ibrahims Stimme erreichte alle Ecken der Welt. Und er wurde von jedem gehört, dem die Pilgerfahrt bestimmt war. Dieser Aufruf hat die fernsten Enden der Erde erreicht. Denn wir bezeugen jährlich die große Versammlung der Hadsch. Und die Leute kommen aus allen vier Himmelsrichtungen.

Dieses große Treffen zeigt uns das wahre Potenzial der Menschheit. Frieden und Brüderlichkeit sind möglich, die wir während der Hadsch bezeugen können. Schwarz und Weiß, Reich und Arm – alle kommen in einer Situation zusammen, in der die Unterschiede von Rasse, Ethnie sowie sozialer und ökonomischer Klasse beiseite geschoben werden. Gleichzeitig tritt der Vorrang der gemeinsamen Sehnsucht nach Allah selbst in den Vordergrund. Dieses schöne Bild der Demut vor Gott ist passend. Denn der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, unterrichtete uns: „Allah betrachtet nicht eure körperliche Form, noch euren Reichtum. Vielmehr wertet Er eure Herzen und eure Taten.“

Auch wenn dieser friedliche Zustand nur wenige Tage dauert und nur zwei bis drei Millionen Menschen betrifft, zeigt er uns, dass wahre Brüderlichkeit möglich ist. Unsere Herausforderung liegt im Finden von Wegen, wie wir dies erweitern können. Eines der größten Mittel dafür besteht in der Erinnerung der Wichtigkeit, Allah in unserem Leben allem anderen voranzustellen. Der wahre Geist des Din wird Frieden steigern. Um diesen jedoch zu erreichen, müssen wir unser Verlangen unterdrücken, unsere religiösen Lehren zur Rechtfertigung unserer weltlichen Leidenschaft zu benutzen.

Unsere Wünsche nach Reichtum, Macht, Herrschaft und Status sind vielleicht die größten grundlegenden Auslöser für unsere Neigung zum Krieg. Oft wird diese Leidenschaft im Namen von Religion gerechtfertigt. Jedoch führt wahre Religion ihren Besitzer zu einer spirituellen Pilgerfahrt: einer Hadsch zu unserem Herrn. Um diese Reise erfolgreich zu vollenden, braucht man wahrlich einen umfassenden Vorrat an Gottesfurcht. Eine wirkliche Reise zu Gott, wie die Hadsch, würde die bestehenden Unterschiede zusammen mit dem leidenschaftlichen Wettstreit für Vormacht unterwerfen. Ein tieferes Verständnis der prophetischen Rechtleitung macht Religion zu einer Heilung und nicht zu einer Ursache für Krieg.

Heute steht die Menschheit definitiv an einer Wegscheide. Um weitergehen zu können, müssen wir entweder die hohen Ideale aufrechterhalten, mit denen Allah die Propheten sandte. Oder wir geben dieses Erbe auf und schreiten auf einem Pfad weiter, der uns von Gott in irgendeiner bedeutenden Weise trennt. Wie alle Indikatoren zeigen, führt dieser Weg in unsere kollektive Zerstörung.

Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass meine Worte im offenen Widerspruch dazu stehen, was viele Atheisten vertreten. Sie behaupten, unser Überleben hänge von der Trennung von „irrationaler Fiktion“ wie Religion ab. Ein Scheitern führe demnach zu einer unerträglich blutigen Zukunft. Ich halte dem entgegen, dass nicht Religion, sondern „atheistische“ Kriege und die Säuberungsaktionen des letzten Jahrhunderts für das Abschlachten von Millionen verantwortlich waren.

Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot, die insgesamt weit über fünfzig Millionen Menschen töteten – und ihre Bewegungen waren insgesamt atheistisch. Gleichfalls haben die intellektuellen Grundlagen des Faschismus wenig mit traditioneller Religion zu tun. Vielmehr folgen sie sehr oft säkularen oder offen atheistischen Philosophen. Diese trugen direkt oder indirekt zu Ideen bei, die zum megalomanischen Massaker durch die Regime von Mussolini und Hitler beitrugen. Wir könnten hinzufügen, dass die Reihe von Kriegen, Invasionen und militärischen Interventionen der Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch nicht durch religiöse Betrachtungen angetrieben waren.

Die „aufgeklärte“ und entfremdete Wissenschaftslogik und -methodik, für die viele Atheisten angeblich stehen, dient als Basis des gegenwärtigen moralischen und ethischen Systems. Das ist die eigentliche Logik und Methodik, die zur Schaffung der Wasserstoffbombe, Napalm, weißem Phospor, „Daisy Cuttern“ und anderen Instrumenten der Massenvernichtung führte. Entwickelt und effektiv eingesetzt durch die progressiven Söhne des menschlichen Verstandes. Im Lichte der jüngsten Geschichte klingen die lauter werdenden Rufe nach einem glaubenslosen Ansatz – als beste Chance für eine Überwindung der wachsenden Hindernisse auf dem Weg des menschlichen Fortschritts – sehr hohl.

Die Hadsch zeigt, dass religiöse Lösungen für unsere Probleme möglich sind. Frieden ist machbar durch Allah – und Brüderlichkeit. Diese Möglichkeit muss allen Menschen erklärt werden. Jedoch liegt es an uns Muslimen, ein attraktives und lebendiges Modell zu schaffen. Das, was wir heute erstreben und verkörpern müssen ist das Beste unseres ethischen Systems. Und wir müssen uns auf eine spirituelle Pilgerfahrt begeben, wie wir es mit den Riten der Hadsch tun.

In einem anderen Vers zur Pilgerfahrt heißt es: „Und müht euch für Allah ab, wie der wahre Einsatz für Ihn sein soll. Er hat euch erwählt und euch in der Religion keine Bedrängnis auferlegt, dem Glaubensbekenntnis eures Vaters Ibrahim: Er hat euch Muslime genannt, zuvor und in diesem (Qur’an), damit der Gesandte Zeuge über euch sei und ihr Zeugen über die Menschen seid. So etabliert das Gebet, zahlt die Zakat und haltet an Allah fest. Er ist euer Schutzherr. Wie trefflich ist doch der Schutzherr, und wie trefflich ist der Helfer!“ (Al-Hadsch, 78)

Ich möchte mich auf eine kleine Passage aus diesem viel längeren Vers beziehen: „(…) dem Glaubensbekenntnis eures Vaters Ibrahim.“ Sie erinnert uns daran, dass der Islam kein neuer Din ist. Er beruht auf den Fundamenten, die von Ibrahim gelegt wurden. Daher wurzelt der Glaube und die Praxis der Muslime tief im reichen Boden des prophetischen Erbes. Über die strikte Einheit sagt Allah im Qur’an: „Und Wir haben zu jeder Gemeinschaft einen Gesandten entsandt: ‘Dient Allah und meidet die falschen Götter.’“ (An-Nahl, 36)

Gleichermaßen reichen die Handlungen der Muslime bis vor den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zurück. Wobei einige Besonderheiten dieser Handlungen auf die eine oder andere Weise verändert wurden. So etablierte Ibrahim die Hadsch. Und wir wissen, dass das rituelle Pflichtgeben und die verpflichtende Wohlstandsabgabe Zakat vom Propheten Jesus praktiziert wurden. Auch war das Fasten bei den früheren Gemeinschaften bekannt.

Daher sollten die Muslime ihren Din nicht als etwas Neuartiges begreifen. Vielmehr ist er eine Kulminierung der prophetischen Lehren, die mit Ibrahim begannen. Sie sollten ihre spirituellen Bemühungen auch als eine Bewahrung derselben verstehen. Wenn diese verloren gehen, verschwindet ein großer und nicht zu ersetzender Teil unseres menschlichen Erbes. Daran festzuhalten, in einer Zeit des großen Angriffes, benötigt den Mut Ibrahims. In seiner Jugend hatte er den Mut, den Götzendienst seines Volkes herauszufordern. Indem er ihre Idole zerstörte, konnte er die wertlose Natur ihrer Weltanschauung bloßzulegen.

Wenn aus den obigen Gründen das 20. Jahrhundert als das „Jahrhundert des Massenmordes“ bezeichnet werden kann, so kann es auch „das Jahrhundert des Selbst“ genannt werden. Der wütende Egoismus und Narzissmus, der durch die Anbetung des Selbst entfesselt wurde, hat unzählige Menschen von Allah hinweggeführt.

Das größte Mittel zur Zerschlagung dieses Idols ist guter Charakter. Denn er wird immer zu einem Engagement für andere führen. Auch in dieser Hinsicht dient Ibrahim als Vorbild. Er wurde als ein „eigenes Volk“ beschrieben. Eine der Bedeutungen dieser Aussage ist, dass sich in ihm die guten Charaktereigenschaften fanden, die normalerweise unter allen Mitgliedern eines Volkes verteilt sind. Er verkörperte Mut, Nachsicht, Treue gegenüber den Eltern, Dankbarkeit gegenüber Allah, Annahme Seiner Befehle, Anbetung, Weisheit in der Bezeugung von Wahrheit und Opferbereitschaft für zukünftige Generationen.

All jene Eigenschaften werden gebraucht in unserem Bemühen zur Vertiefung unseres Dienstes an Allah und Seiner Schöpfung. Ein freier Geist, ein umfassender Charakter und Tiefe unseres Glaubens bereiten die Versorgung, die für die Bewahrung unserer Menschenwürde nötig ist. Jeder von uns kann dieses Potenzial von Ibrahim anzapfen. Und er muss den Mut dafür in sich finden, will er einen bedeutsamen und gesunden Beitrag für unsere gemeinsame Zukunft leisten. (Zaytuna Institute)

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Imam Zaid Shakir

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