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Unsere Herzen zum Leben erwecken

Im gesegneten Fastenmonat werden die gewohnten Muster durchbrochen und die Spiritualität kommt zum Vorschein

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Foto: Syed Bilal Javaid, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Vor Kurzem erzählte mir ein Bekannter meines Mannes eine Anekdote darüber, wie man Ramadan auch falsch verstehen kann. Nachdem er einem alten Schulfreund sagte, dass er Muslim sei und der Ramadan komme, warf dieser ein: „Das ist doch der Monat, in dem ihr abends so viel essen müsst!“ Fügen wir dem Bilder aus Teilen der muslimischen Welt hinzu, in denen die Nacht zum Tag gemacht wird, Einkaufszentren zu „Shopping Festivals“ einladen und Lebensmittelpreise nicht selten um bis zu 20 Prozent steigen, drängt sich der Eindruck auf, dass so manch einer vergisst, worum es beim Fastenmonat eigentlich geht.

Sprachlich leitet sich „Ramadan“ vom Wort „ramad“ ab. Dieses beschreibt etwas, das intensiv von der Sonne erhitzt wurde. Und „ramda“ bezeichnet die starke Hitze der Sonne. Der Monat Ramadan wurde deshalb so bezeichnet, weil er die falschen Handlungen der Gläubigen verbrennt. Imam Al-Qurtubi schrieb über die Namensvergabe für diesen Monat: „Er (dieser Monat) wurde Ramadan genannt, weil er die falschen Handlungen der Leute durch rechtschaffene Taten verbrennt.“ Vom Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wurden folgende Worte überliefert: „(…) wer sich Allah annähert, indem er eine der (freiwilligen) guten Handlungen in diesem Monat verrichtet, soll die gleiche Belohnung erhalten wie für jede verpflichtende Tat zu jeder anderen Zeit. Und wer eine verpflichtende Handlung (in diesem Monat) verrichtet, soll die Belohnung für siebzig Verpflichtungen zu jeder anderen Zeit erhalten (…)“ (Ibn Khuzaima)

Zeit des Wandels
Selbstverständlich beruht im Ramadan das Handeln auf der Befolgung verpflichtender und empfehlenswerter, sowie der Vermeidung verbotener Dinge. Um aber von der transformierenden Natur des Fastens zu profitieren, müssen wir uns seines spirituellen Gehalts bewusst werden. Dieser Monat ist eine Zeit des Wandels und der Ausnahme. Zuallererst ist er eine erschütternde Erfahrung für unser Selbst. Diese Zeit durchbricht unsere normalen Lebensmuster. Das belebt unsere geistige (ruhani) Seite. Das Herz erwacht, weil man weniger isst und schläft. Es führt zur Stärkung der anderen Realität des menschlichen Selbst.

Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, unterrichtete uns darüber, dass das erste Drittel des Ramadan eine Gnade (arab. rahma) ist. Das zweite Drittel ist Vergebung (arab. maghfira). Darin werden alle falschen Handlungen, die Seine Diener begangen haben, vergeben. Und das letzte Drittel des Ramadan ist Freiheit vor dem Feuer.

Wir wissen aus anderen Überlieferungen, dass demjenigen, der im Ramadan in vollem Vertrauen fastet, seine Zunge im Zaum hält, sich von allem Verabscheuungswürdigen freihält, dem prophetischen Verhaltensmuster folgt, seine falschen Handlungen vergeben und er am ‘Id (dem Feiertag zum Ende des ­Fastenmonats) wie ein Neugeborener sein wird.

Im Ramadan werden die Teufel (arab. schaijatin) in Ketten gelegt. Jetzt können die Menschen ihre besten Eigenschaften an den Tag legen. In Europa, wo die meisten nicht fasten, ist dies nicht immer offenkundig. Aber es gibt Muslimen die Chancen, anderen das große Geschenk des Ramadan zu erklären. Wir können mit ihnen teilen, sie zu unserem Fastenbrechen einladen und so am Licht teilhaben lassen, das Allah uns gegeben hat.

Der Verzicht bricht Gewohnheiten auf
In seiner klassischen Meditation über den inneren Aspekt der fünf Säulen des Islam, „Der Weg Mhammads“, schrieb Schaikh Dr. ‘Abdalqadir As-Sufi, dass der Ramadan die „Erschütterung der Illusion des Getrenntseins und der Eigenständigkeit des Selbst“ bewirke, das sich in den Verhaltensmustern der Erwachsenen manifestiere. Es führe den Menschen in seine Kindheit zurück, in der er – für ihn klar ersichtlich – von jemand anderem versorgt wurde. „Dies ist das Mittel, die untersten Strukturen der Nafs zu brechen. Und zwar, durch die Erzeugung des spürbaren Bewusstseins, dass es Allah ist, Der uns versorgt.“ Sowohl das Fasten als auch die Zakat seien demnach ein Akt der Trennung von der weltlichen Realität. Sowohl die Nahrung als auch die unmittelbare Umgebung stellen eine Erweiterung der körperlichen Erfahrung dar. Maulana Rumi sagte: „Die ganze Welt ist die Brust.“ Dies ist die Erkenntnis aus Ramadan und Zakat, wenn der spirituell reife Muslim angesichts seiner inneren Erfahrung erwacht.

Keine „Innerlichkeit“
Der Schaikh macht zugleich deutlich, dass es keine abgehobene „innere Wahrheit“ des Fastens gibt, die sich von dem eigentlichen Akt trennen ließe. „Es ist sinnlos zu erwarten, dass die Erfahrung des Fastens etwas ‘Höheres’ darstellt, während die Weisheit des Fastens im eigentlichen Akt der Trennung liegt. Das heißt, nichts zu essen. Der Mensch erfährt eine innere Leere, die sich zuerst als Hunger oder Durst ausdrückt.“

In einem Hadith Qudsi (wenn Allah durch Seinen Gesandten in der ersten Person spricht) sagt der Herr der Welten: „Das Fasten gehört Mir.“ Es ist die Öffnung zur Wirklichkeit, ein Abschmelzen unserer körperlichen Aspekte und Hervortreten unseres Geistes. Je mehr unser niederes Selbst vermindert wird, desto mehr kann das Licht Allahs in uns erscheinen. Das Ramadanfasten bedeutet die Reduzierung der eigenen Person – und zwar auf eine ganz reale Art und Weise, zellulär wie in der Erfahrung. Im Verlauf wird den Fastenden bewusst, dass sie eine veränderbare und fluide Existenz haben, anstatt festgelegt oder eingegrenzt zu sein. Was immer unser Selbst als die ihm eigene Form versteht und in dieser kristallisiert – das islamische Fasten erschüttert es und die Öffnung der Herzen beginnt.

Imam Abu Hamid Al-Ghazali spricht von verschiedenen Stufen des Fastens. Neben dem primären (der Enthaltung von Essen, Trinken und sexueller Aktivität) gibt es weitergehende Formen. Die nächste Stufe ist „ein spezielles Fasten, das sämtliche Glieder des Körpers – wie Ohren, Augen, Zunge und Hände – von schwerwiegenden, falschen Handlungen fernhält“. Anas ibn Malik überlieferte, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Fünf Dinge brechen das Fasten eines Mannes: Lügen, üble Nachrede, Tratsch, Meineid und der lüsterne Blick.“

Eine der notwendigen Wegmarken des Fastens ist die Ausgewogenheit. Der Prophet sagte: „Viele, die fasten, haben nichts als Hunger und Durst.“ Für diese Aussage gibt es unterschiedliche Auslegungen. Allen gemein ist, dass das bloße Fasten, ohne weitere Verhaltensumstellung, gehaltlos ist. „Es ist daher wesentlich, die Lebensmittelaufnahme auf das zu beschränken, was man in einer normalen Nacht isst, wenn man nicht fastet. Es gibt keinen Nutzen im Fasten, wenn man so viel zu sich nimmt wie an einem normalen Tag und in einer normalen Nacht zusammen“, schrieb Imam Al-Ghazali. Es sei empfehlenswert, tagsüber so wenig wie möglich zu schlafen, sodass man Hunger und Durst fühlt und sich der Schwächung der eigenen Macht bewusst wird. Daraus ergibt sich eine Reinigung des Herzens. „Nachdem das Fasten gebrochen wurde, sollte das Herz wie ein Pendel zwischen Furcht und Hoffnung schwingen. Denn man weiß nicht, ob es angenommen wird und man dadurch Allahs Gefallen erlangen wird. (…) Dies ist die Art und Weise, wie jeder Akt der Anbetung beendet werden sollte.“

Obwohl wir im Ramadan gegenüber unserem Selbst streng sein sollten, ist es ratsam, freigiebig gegenüber Allahs Schöpfung zu sein. Ibn ‘Abbas, möge ­Allah mit ihm zufrieden sein, berichtete: „Der Prophet war der großzügigste aller Menschen. Er war im Ramadan noch freigiebiger, wenn Dschibril (der Erzengel Gabriel) ihn besuchte und mit ihm den Qur’an durchging. Dschibril kam zu ihm zu diesem Zweck in jeder Nacht des Ramadan. Während dieser Momente war der Gesandte Allahs noch großzügiger als der ungehindert wehende Wind.“

Der Einzelne ist gefordert
Wir sind aufgerufen, von allen Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und unnötigen Verstrickungen während des gesegneten Monates abzulassen. Es ist die Zeit für tiefe Anbetung und Hinwendung zu Allah. Es ist empfehlenswert, getrennte Beziehungen oder Verwandtschaftsgrade wiederzubeleben, die vernachlässigt wurden. Dies ist der Moment, in der der sanfte Wind der göttlichen Hilfestellung weht. Jede gute Sache, die wir im Ramadan angehen, wird – wenn Allah es will – Früchte tragen.

Wer es gewohnt ist, viel Fernsehen zu schauen oder kommerzielle Musik zu hören, ist gut beraten, diese Dinge im Ramadan aufzugeben. Sie lenken uns von der Erinnerung an Allah ab. Während dieser besonderen Zeit, wenn jeder Buchstabe des Majestätischen Qur’an, den wir rezitieren, belohnt wird, sollten wir uns mit der Rezitation beschäftigen, anstatt mit banalem Zeitvertreib.

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