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Unsere Lebenspraxis wird ausgehöhlt, wird sie nicht durch einen spirituellen Kern getragen. Von Sumaya Mohamed-Wegenstein

Aus Liebe zu unserem Schöpfer

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(iz). Warum betet der gläubige Mensch zu Allah? Warum fasten wir, warum sind wir sorgfältig bemüht, Nützliches von Schädlichem zu trennen, „Gutes zu tun und Schlechtes zu verwehren“? Was soll unse­re Ausrichtung auf Gott (im Arabischen auf Allah) „bewirken“, was ist unsere „Triebfeder“ dafür? Wollen wir einen „Umsturz“, wollen wir „die Welt retten“, wollen wir uns selbst und unsere Nächsten zu besonders „reinen“, besonders „guten“, „besonders besonderen Menschen machen“?

Falls wir dies wollen, liegen wir als Gläubige, als Muslime falsch. Nicht will der Muslim (der sich Allah Überantwor­tende oder Hingebende) etwas anderes, als Allahs Wohlgefallen erlangen – und was motiviert einen dazu, jemandes Wohlgefallen anzustreben, wenn nicht Liebe? Ist nicht die Liebe das Bindeglied überhaupt, das Menschen miteinander und sodann gemeinschaftlich in der ­göttlichen Vollkommenheit vereint? Ist nicht Liebe die Triebfeder, die uns zu großen Taten anspornt. In ihrer allerniedrigsten Form ist es die Selbstliebe, die den Menschen „beflügelt“ und antreibt. Man sieht es an der Eigenliebe am deutlichsten, was jegliche Beschneidung und Beschränkung der Liebe auf geringeres als Allah anrichten kann. Dies bewirkt – nach vorübergehender Expansion – letztendlich eine Art „Implosion“, den Zusammenfall aller Energie „aufgrund zu geringem Innendrucks“ – zieht Depression nach sich und überlässt das Individuum der totalen Vereinzelung und dem Untergang.

Alles was lebt, strebt nach Vervollkommnung. Jede Blume, jeder Baum, jedes Tier und jedes Mineral, auch ­jedes für das Gros des Lebenden schädliche Element. Alles strebt wie von „Geisterhand“ geführt in eine ihm ­entsprechende und das Gesamte bereichernde beziehungsweise ausbalancierende Vollkommenheit hinein. Als Mensch, dessen Herz mit der Gnade der Erkenntnis Allahs gesegnet ist, kann man sagen: Die ­gesamte Schöpfung verherrlicht den Schöpfer und ist Ihm untertan, gehorsam.

Im Gegensatz zu aller anderen Schöpfung ist der Mensch zusätzlich in Besitz von Erkenntnis- und somit Unterscheidungsfähigkeit zwischen „nützlich“ und „schädlich“, was seine eigene Ausrichtung betrifft. Im muslimischen Glauben wird diese Erkenntnisfähigkeit, wie beispielsweise Imam Abu Hamid Al-Ghaza­li ausführlich dargelegt hat, dem Organ des Herzens zugeordnet und Er hat dem Herzen „schärfere Erkenntnisfähigkeit als dem Auge“ zugesprochen. Die Grund­lage dafür wiederum ist Liebe, die Imam Al-Ghazali als „Hinneigung zu dem, dessen Wahrnehmung Lust bereitet“ definiert. Aus der Erkenntnis, dass das „inne­re Gesicht stärker ist als das äußere“ folgerte er, dass „die Lust des Herzens zu den erhabenen göttlichen Gegenständen, die es erschaut, (…) vollkommener und größer und die Neigung der gesunden Natur und Vernunft zu ihnen stärker sein“ muss, als diejenige Lust und Neigung, die durch die fünf Sinne erweckt wird.

Sowohl in der Sprache des Heiligen Qur’an als auch in der der großen muslimischen Weisheitslehrer gibt es im Arabischen für das, was wir im Deutschen unter „Liebe“ zusammenfassen, verschie­dene Begriffe. Um einen kleinen Einblick darein zu erhalten, in welcher Inten­sität sich Muslime mit dem Thema der Liebe befasst haben, wenden wir uns ­Muhjiddin Ibn Al-’Arabi zu, dem „Wiederbeleber der Religion“ (auch der „größte Meister“, Schaikh Al-Akbar) genannt. Er hat die Formen der Liebe – neben der Einteilung in die Kategorien der göttlichen, spirituellen und natürlichen (physischen) Liebe – in vier Qualitäten heraus­gearbeitet, welche auch im Edlen Qur’an genannt und umschrieben werden.

Als Qualitäten nannte er:
Die „jähe Liebesleidenschaft“ (Hawa), die ihr „Gefäß“ (das menschliche Herz) aus dem verborgenen Wesen heraus erreicht wie ein „herabfallender Stern“. Sie hat drei mögliche Auslöser: den Blick (Bazar), das Hören (Sama’) und die Gefälligkeit (die einem erwiesen wird – welche die schwächste Form darstellt, da sie durch Verächtlichkeit schnell getrübt werde). Hawa ist jedoch auch diejenige Liebesneigung, die danach verlangt, mit dem Gesetz in Einklang gebracht zu werden, stellt sie doch eine Gefahr für den Menschen dar (Sure As-Sad, 26), sich durch eine momentane Regung von der umfassenden Weisheit des göttlichen Gesetzes zu entfernen. Kein „Spielball unserer Liebe“ sondern „Gegenstand der göttlichen Liebe“ sind wir ­aufgerufen zu sein und wir sind aufgefordert, diese „jähe Liebesneigung“ hintanzustellen, wenn sie „einer Seinsweise entspricht, die nicht im Einklang mit den göttlich festgesetzten Vorschriften steht“. Dennoch ist diese Gefühlsregung nicht per se zu verurteilen, habe der Mensch doch die Wahl, sie nach seinem Ermessen „an vielfältige Gegenstände zu knüpfen“ und „an zahllosen Wesen auszulassen“.

Die ursprüngliche Liebe (Hubb), die etymologisch mit dem Wort „Samen“ verwandt ist, sich also auf eine ganz elementare Form der Liebe bezieht. Durch sie „verfeinert das Wesen seine unmittel­bare Liebesneigung (Hawa), indem es sich einzig dem Weg Allahs unter Ausschließung aller anderen anschließt.“ Sie führt die Liebesneigung aus ihrer möglichen „Verästelung“ dem ursprünglichen Fluss der klaren und reinen (Gottes-)Liebe zu. Der Begriff „Hubb“ ist wohl dieje­nige Beschreibung der Liebe, die im Qur’an am häufigsten Gebrauch findet (Al-Baqara, 165; Al ‘Imran, 10 u.v.m.) und sie umschreibt jegliche Anbindung des menschlichen Kerns an ­Gegenstände, Zustände, Personen, alles Weltliche, Vergängliche sowie auch an Allahs. Es ist die Form der Liebe, die in ihrer Lauterkeit den Prüfstein für die Echtheit der Treue zu Allah darstellt denn „im Augenblick der Wiederauferstehung (…) wird ihnen einzig die Liebe zu Gott blieben (…), weil ihre Liebesneigung, übertragen auf die jenseitige Welt, sich nunmehr auf Gott allein richtet“.

Die überschwängliche Liebe (Ischq). Diese wird von Ibn Al-’Arabi gewissermaßen als „Steigerungsform“ der ursprünglichen Liebe (Hubb) dargestellt. Sie „hat das Vermögen, den Menschen vollkommen zu durchdringen und ihn für alles außer dem geliebten Wesen blind zu machen. Die innerste Wirklichkeit einer derartigen Liebe ergießt sich noch in die kleinsten Elemente des Körpers, seine Organe, des Geistes. Sie strömt in ihm wie Blut in den Adern und dem ­Gewebe (…) tränkt alle Gelenke des Körpers und bringt es fertig, sich seinem Dasein anzu­gleichen, indem sie alles seine Aspekte (…) in ihrem Innersten berührt, bis nichts mehr in ihm bestehen kann, das noch auf etwas anderes verweist (…).“ Es ist die Form der Liebe, die der Zulaikha, der Frau des Putiphar in ihrer Liebe zu Joseph zugeschrieben wird (Sure 12).

Die Treue, die Verankerung der ­Liebe (Wadd). Die Bedeutung des Wort­stamms ist „einer Sache beständig innezuwohnen“ (Wadd =Pfahl), sie „in der Erde zu verankern. Sie besteht in der „Beständigkeit“ (auch Verankerung) „der ursprünglichen Liebe (Hubb), der überschwänglichen Liebe (Ischq) und sogar auch der jähen Liebesneigung (Hawa)“. „Wenn das (zur Liebe veranlagte) ­Wesen beständig ist (…) Wenn es ungeachtet angenehmer oder unerfreulicher Begleit­umstände unablässig unter deren Einfluss steht, wenn sich dieses Wesen an der Trennung oder Entfernung vom Geliebten (…) weder stört, noch sich an ihr freut, wenn es (…) unentwegt in der Abhängigkeit vom Geliebten wohnt (…), dann werden alle diese (vorher genannten) Haltungen von dem Namen der „Beständigkeit in der Liebe (Wadd)“ erfasst. (Zitate aus Muhjiddin Ibn Al-’Arabi, „Abhandlungen über die Liebe“, Seite 106-115)

Sowohl unser Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, als auch viele nachfolgende Muslime waren beseelt, ergriffen und in ­ihrem Handeln bestimmt von der ­Gottesliebe. Der Gesandte Allahs hat sie an unzähligen Stellen erwähnt und dem Muslim die Liebe zu Allah sowie zu Seinem Gesandten und den uns nahestehenden Men­schen angeraten.

Große Sufis, wie zum Beispiel die berühmte Rabia Al-Adawijjah, waren von dieser Gottesliebe durchdrungen und ­erfüllt. Oben genannte Rabia sei durch Basra mit einer Fackel in einer Hand und einem Wasserkessel in der anderen gelau­fen und erklärte, „ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Allah aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete, sondern nur noch um Seiner ewigen Schönheit willen!“

Wenn wir die Liebe im Islam behandeln, sollten wir wohl noch die „Rahma“ erwähnen, die im Deutschen gängig mit „Barmherzigkeit“ übersetzt wird und welche dem entspricht, was die Griechen als drittes Element der Liebe (neben Eros und Agape) als „Caritas“ bezeichneten. Diese ist das fürsorgliche, behütende, auch immer verzeihende und das Gegen­über nährende Element der „Liebe“, welches entweder vom Schöpfer ausgeht und Seinen Geschöpfen zugewandt ist, (Gottes zweiter Name nach „Allah“ ist im ­Islam „Ar-Rahman“ – der ­“Barmherzige“) oder dann von Geschöpf zu Geschöpf fließt. „Rahma“ ist eine Qualität der Liebe, die etwas Schwachem und Schutzbedürftigem zugewandt wird. Sie kann deshalb nicht vom Menschen auf ­seinen Schöpfer bezogen werden und wurde wahrscheinlich auch aus diesem ­Grunde vom „großen Meister“ Ibn Al-’Arabi an dieser Stelle nicht erwähnt. Über die längste Zeit der muslimischen Geschichte hinweg wurde dem Element der Gottesliebe sowie auch dem Bereich der Wissenschaften, die diese zu ihrem Kernanliegen machten – dem Tasawwuf (Sufismus) – höchste Wertschätzung und Sorgfalt entgegengebracht. Nie wäre man auf die Idee gekommen, dieses Kernstück des Glaubens nicht an erste Stelle jeglichen Tuns und Denkens zu setzen und diejenigen, die sich innerhalb der Gemeinschaft um seine „Pflege“ kümmern, rundweg zu verunglimpfen. Nie wäre man darauf gekommen, einen (religiösen) Dialog oder Disput führen zu wollen, in dem die Liebe zu Allah und zu Seinem Gesandten nicht zentrales Thema wäre, nie hätte man sich bei Handlungen und Entscheidungen – wohl sogar bis in die „sündenbefleckten Herrscherhäuser“ hinein – ganz ohne Parameter der Gottesfurcht und Gottesliebe im eigenen Herzen orientiert.

Obwohl diese Parameter heutzutage im großen, sicher im politischen Bereich schwer ins Wanken geraten ist, kann man dennoch auch heute noch in den muslimischen Ländern und Gemeinschaften starke Spuren dieser liebenden menschlichen Nähe zu Allah spüren, die jedem Ding, jedem Ereignis aus seiner Wertschätzung als Ausdruck göttlichen Willens heraus Akzeptanz zu schenken vermag. Liebe zu Allah verleiht dem Menschen das Gefühl des Aufgehoben-Seins in einem – bei aller temporären Unvollkommenheit – letztendlich vollkommenen Sein. Sie lässt im Menschen Geduld und Dankbarkeit in allen Lebenslagen wachsen, Freude am Anblick Seiner Schönheit, die er in aller Schöpfung zu erkennen vermag, Barmherzigkeit mit ­aller Schöpfung. In der stetigen, erneuer­ten Hinwendung zu Seiner Vollkommenheit wird der Mensch in die Lage versetzt, ein immer vollkommeneres Benehmen (Ihsan) zu entwickeln und es auf alles Lebendige anzuwenden.

Nur unter dieser Voraussetzung ist auch die Scharia (der „Weg zur Tränke“) zu verstehen und zu begreifen. Sie ist Wegleitung des Allah liebenden Menschen zu seinem Herrn und zur Quelle des eigenen, reinen Seins. Stellt den „Rahmen“ dar, den ein Mensch braucht, der sich den erhabensten der Wege gewählt hat, weil Allah sich ihn dazu auserwählte. Sie ist als liebende göttliche Anleitung für solche Menschen gedacht, die Ihn lieben und um dieser Liebe willen nach Seiner Nähe, nach der „Quelle“ allen Seins streben und dafür bereit sind, sich selbst, ihre Triebseele und ihre momentanen Regungen hintanzustellen.

Keinesfalls kann die Scharia als „Geset­zeskodex“ begriffen werden, der alleine mit weltlichem Ziel gesellschaftliche ­Belange zu regeln wünscht, die die Muslime gar für „Weltherrschaftsansprüche“ instrumentalisieren möchten und andere Menschen damit „zwangsbeglücken“ wollten. Nicht ist der Islam eine Ideolo­gie und darf niemals als solche begriffen werden. Nicht werden wir Muslime ­Erfolg haben, solange wir uns nicht ­wieder vorrangig um unsere Liebe zu ­Allah und unserem Gesandten kümmern, um die Qualität unseres Verhaltens Ihm gegenüber sowie gegenüber unseren Mitmenschen.

Nicht werden wir heil werden und nicht werden wir siegen – über niemanden, zuallerletzt über unser eigenes Ego -, wenn nicht durch die Liebe zu Allah, die unseren Atem, unser Sprechen, ­unser Sehen, unser Hören, Fühlen und Handeln zu durchdringen hat.

Mögen wir uns als Muslime darin ­unterstützen, den Mut zur Liebe zu Allah und seinem Gesandten wieder zu beleben, zum Sprechen und Handeln darin und so dieses große und heilbringende Potential auch wieder nach außen zu tragen.

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Sumaya Mohamed-Wegenstein

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