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Unsere Migration im Ramadan

Der Strom des muslimischen Lebens in Südafrika speist sich aus vielen Quellen. Allen ist gemeinsam, dass sie in Bewegung sind. Von Shameelah Khan

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Foto: Yaseer Booley

Migration
Die Welt ist ein Kessel
Und wir darin gemischt
Zeit ist eine Illusion
Kein Zustand ist starr

Und so zu Abermillionen
Laufen, schwimmen, brechen
Wir über die Grenzen, entfliehen
Kriegen, Bösem, und Hunger, um

Ein neues Zuhause zu schaffen in
Was einer Leere ähnelt
Ohne unsere Geschichten
Oder die Fabeln unserer Rasse

Um uns brüllen die Bewohner
Die nie fruchtlose Erde sahen
Oder Tyrannei, oder solch Schmerz
Der uns aus dem Gehege zwingt

Aus grausamen Geschichten in Länder
Deren Erde uns nicht aufnehmen
Vermag. Doch wir sind wie Pollen
Wir sind fruchtbar, und wir trauern.

Ben Okri

(iz). Ramadan in Südafrika zu verstehen, heißt, die Komplexitäten seiner Migrationsgeschichte zu begreifen. Es heißt zu verstehen, dass Sklaverei ab 1652 zum Modell der Arbeitsorganisation wurde, das von der Niederländischen Ostindienkompanie eingeführt wurde. Es begann mit der Ankunft von Jan van Riebeeck am Kap der Guten Hoffnung. Jenseits der verschiedenen Khoisan-Gemeinschaften in der Region blickten die Holländer auf andere Teile der Welt, um passende Sklaven zu finden, die sie dorthin einführen konnten. Sie fanden sie in verschiedenen portugiesischen Gemeinschaften, Konvois aus Batavia (dem heutigen Indonesien), Madagaskar, vielen Arbeitern aus Indien sowie west- und ostafrikanischen Ländern. Es wurde aufgezeichnet, dass die Zahl der Sklaven zwischen 1720 und 1790 von 2.500 auf 14.500 anstieg. Zu dem Zeitpunkt, als die Sklaverei von Briten international abgeschafft wurde, lebten 60.000 Betroffene in der Kapprovinz. Von Generationen der Sklaverei bewegte sich Südafrika dann in ihre grausamste Form: Apartheid. Das war ein System der institutionalisierten, rassistischen Segregation von 1948 bis 1994.

Südafrika, das von seiner Kolonialgeschichte lebt, lädt zu einer vielschichtigen Erfahrung des Ramadan ein. Er umfasst viele Häuser, sehr viele Kulturgruppen, sehr viele ethnische Gruppen…, um das Narrativ einer singulären Ramadanerfahrung zu umfassen. Ich könnte niemals die Erfahrungen eines jeden Hauses erklären. Aber ich muss den Ramadan jeder Gruppe in Südafrika anerkennen, weil wir alle aus der Zeit kommen, als unsere Vorfahren auf Schiff verfrachtet und Sklaven genannt wurden.

Es wäre weder poetisch, noch prosaisch, diesen gesegneten Monat auf ­meine individuelle Erfahrung ohne die Anerkennung zu reduzieren, dass Ramadan jeden im Land widerspiegeln muss. In Südafrika hat Ramadan das Gesicht der Zulu, Sotho, Xhoso, Ndebele, Venda, Tswana, Swazi, Pedi, Farbigen, Kap­malaien, Inder, Somalier, Malawis, ­Simbabwer, Portugiesen, Engländer, Afrikaaner, Marokkaner, Spanier … und die Liste ließe sich fortsetzen. Mein Land zu verstehen, bedeutet, die Komplexität und die Feinheiten seiner Menschen zu verstehen.

Mein Ramadan sah über die Jahre niemals gleich aus oder fühlte sich gleich an. Vor zwei Jahren verbrachte ich den Fastenmonat bei einer Familie in Kapstadt, die wie meine eigene wurde. In diesem Ramadan lernte ich, Rührei im englischen Stil für das Suhur zuzubereiten. In dieser Zeit machte ich morgens und nachmittags Suppe mit den Frauen der Gemeinschaft, die dann an die Armen ausgegeben wurde. In diesem Ramadan erlebte Kapstadt die Wut der Stürme und des Meeres. Allahu Akbar, Häuser in den Townships wurden in Minuten hinweggespült. Zur gleichen Zeit surften die Teenager auf den Wellen bei Seapoint.

Im letzten Jahr erlebte mein Ramadan eine andere Art Storm. Es gibt einige Moscheen in meinem Land, insbesondere in Johannesburg, die Frauen den Zutritt und die Teilnahme am Tarawwihgebet untersagen. Als Frauen in der Gemeinschaft hatten wir genug davon, von religiösen Räumen ausgeschlossen zu bleiben, auf die wir ein Anrecht haben. In diesem Fastenmonat lernte ich die wahre Stärke und Solidarität von muslimischen Frauen kennen, die Schulter an Schulter dem Patriarchat widerstehen. In diesem Jahr haben die gleichen Moscheen ihre Türen für Frauen geöffnet. Kleine Siege für Musliminnen!

In diesem Jahr sah mein Ramadan wie mein Zuhause aus. Er fühlte sich warm an. Er sah aus wie Samosas und Snacks, ein südafrikanischer Standard am Iftar-Tisch. Es sieht aus wie warmer Tee und die Kokoskekse (Koeksister), eine kapmalaiische Tradition. Er sieht aus wie das Haus meiner Großmutter im Eldorado-Park an Samstagabenden, als ich jahrelang neben ihr im Abendgebet stand. Er sieht aus wie Falooda und Boeber, zwei süße Milchgetränke. Er sieht aus wie die kühle Morgenluft zur Suhur-Zeit, als meine Schwester und ich Geschichten vom Vortag austauschten, als wir bei Datteln, Obst und Wasser saßen.

Gegenwärtig schreibe ich diesen Text in einer Auszeit für Frauen auf einer Farm, wo wir in Stille sitzen und die innere Migration durch Meditation, Dhikr und Reflexionen in unseren Tagebüchern unternehmen.

Wir bleiben lange in der Nacht auf, rezitieren Allahs Namen und suchen Schutz vor dem Schmerz der zurückliegenden oder kommenden Tage. Ramadan verschiebt sich manchmal. Hier bin ich, mit mir bekannten und unbekannten Frauen. Aber die Fremdheit im gleichen Raum trennt uns nicht, wenn wir ein Bewusstsein davon haben, wer wir als Frauen sind und warum wir uns an diesem Ort getroffen haben. Wir setzen uns Ziele für die Migration und am Morgen müssen wir sie erneuern. Es gibt schwarze Frauen, indische Frauen, farbige Frauen, malaiische Frauen … alle sind hier anwesend. Alle in diesem Ramadan anwesend im Prozess der ­Zurückgezogenheit.

Südafrikaner sind immer in einem Zustand der Migration. Der Ramadan war immer ein Bewusstsein dieser Migration. Manchmal sind unsere Wanderungen als Muslime in diesem Land schmerzhafte und zu anderen Zeiten werden wir an die Segnungen dieses Monats erinnert. Diese Wanderung waren niemals einfach für uns, denn sie zwang uns in einen Zustand der Bewegung. Als meine Großeltern während der Apartheid ihr Haus in Fietas verlassen und dabei zuschauen mussten, wie die faschistische Regierung das Gebäude einebnete, wanderten sie zu einem neuen Ort aus, wo sie neue Rituale schufen, neue Arbeitswege zurücklegten. Aber Ramadan erinnerte sie immer an ihre wahre Migration. Selbst dann, selbst in Bürgerkrieg, politischer Unruhe und erzwungener Umsiedlung galt die wahre Migration ihrem Herrn:

„Wandern wir nicht aus,
Von Geburt zum Tod?
In den Schößen unserer Mütter
Eine Reise der Barmherzigkeit
Rahma?“

In seinem Buch „Purification of the Heart“ (2012) erinnert uns der amerikanische Gelehrte Schaikh Hamza Yusuf daran, dass Ramadan ein Monat der Reinigung ist. Er führt uns in sein Geheimnis ein: die verborgene Migration. Der Ort, an den wir gehen, wenn wir allein sind mit unseren Ängsten, gequälten Geschichten, Sünden, Leiden, Wünschen und Leiden und inneren Bedürfnissen. Im Ramadan geht es um den Mond, da dieser seine eigene Migrations-Wandlung durchläuft. Die Bezeugung des Neumonds heißt, das „Erscheinen“ zu bezeugen. Es geht darum zu sehen, wie die kosmologische Verschiebung im Universum eine Gruppe Menschen in Hunger versetzt, wenn der Körper zur Wiederherstellung reist. So wie wir in Zeiten der Trauer Häuser wiederherstellen, stellen wir auch das in uns Gebrochene wieder her. Schaikh Hamza spricht hier von der Wahrnehmung des „Lichts“. Wir bezeugen die Phasen des Mondes, denn wir sind in einem konstanten Zustand des Lichts: „… alles, was wir in der Schöpfung sehen, ist auf reflektiertes Licht zurückzuführen. Und alles Licht kommt von Gott. Die Entstehung des Neumondes mitzuerleben, ist voller Metaphern. Das Wort Hilal (Halbmond) ist eng verwandt mit einem arabischen Wort, das sich auf Geburt (Istihlal) bezieht. Was wir also sehen, ist die Geburt des Lichts. “

Mein Werk migriert zum Werk des großen Schaikh Dr. Abdalqadir As-Sufi in seinem Buch „Safar“. Er reflektiert darin auch über die Sura At-Takwir (81, 1-2): „… ich schwöre bei den Sternen, die durchlaufend, untergehend sind, und bei der Nacht, wenn sie die Dunkelheit heraufzieht, und bei dem Morgen, wenn er am Werden ist. Gewiss, er ist doch das Wort eines edlen Entsandten, der Kraft und Ansehen beim Herrn des Thrones hat. Ihm wird Gehorsam entgegengebracht und er ist vertrauenswürdig.“

Schaikh Dr. Abdulqadir reflektiert hier über die Situation, in der Allah immer wieder offenbart, wie dynamisch die Schöpfung in ihren vielfältigen Bewegungen ist. Alles ist in Bewegung – im Wandel. Die Pflanzen, die Berge, der Kosmos, der Körper, die Rasse, die Identität, die Kultur, der Zeitbegriff … Anbetung Allahs. „Dies ist der tatsächliche Zustand, in dem sich der Mensch befindet.“

Es ist unsere Pflicht, in dieser Welt in Bewegung zu sein, ansonsten verfallen wir in Schweigen und Trauern. Natürlich ist Trauer Teil des Wachstumsprozesses, aber manchmal – wegen der Geschichte dieses Landes – werden wir zu häufig durch unsere Trauer zum Verstummen gebracht. Und vergessen daher in diesem Monat unsere innere Reise. Wir vergessen, dass die echte Migration nicht immer eine politische, eine sozioökonomische, eine koloniale oder eine kapitalistisch-globalisierte Wanderung ist, sondern eine spirituelle.

Und so schließe ich mit den Worten des Schaikhs: „Das ist eure Pflicht. Ihr müsst vom Schlafwandeln dieses Zeitalters aufwachen; erkennen, realisieren und sehen, was Allah mit der Welt tut. Was die Schöpfung ist. Ihre Schönheit zu sehen und ihre schreckliche Majestät, die jenen geschieht, welche sich von Allah abwandten. Und ihr müsst verstehen, was dort geschieht, wo ihr hingeht.“

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