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Unter deutschen Dächern: Interview mit Metin Kurt, dem Vorsitzender der „Union der türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa e.V.“ (ATIB) in Osnabrück

"Wir nutzen auch der Mehrheitsgesellschaft"

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(iz). Muslime sind allzu oft ein Abstraktum. Wenn überhaupt wird zumeist nur über sie in verallgemeinernden Begriffen und Problematiken gesprochen. Daher ist es umso dringlicher, immer wieder auf die real existierenden Menschen zu verweisen, die sich hinter den Schlagzeilen verbergen. Ein Beispiel hierfür ist die lokale Osnabrücker ATIB-Gemeinde, die sich den stereotypen Zuschreibungen unserer Tage entzieht. Neben der Organisation der religiösen Aufgaben engagiert sich die türkisch geprägte Gemeinde in der Suchtprävention – in Zusammenarbeit mit der Osnabrücker Polizei.

Islamische Zeitung: Was bietet die Osnabrücher Moschee-­Gemeinde ihren Mitgliedern?

Metin Kurt: Wir bieten in unserem Verein Seminare und Tagungen an. Natürlich können die Mitglieder oder Besucher unseres Vereins auch in der Moschee beten. Sie haben ferner die Möglichkeit, Qur’anunterricht und religiöse Unterweisung zu bekommen. Wir organisieren auch Familientage, Sportfeste, nationale und religiöse Zeremonien oder die Pilgerfahrt nach Mekka. Im Fastenmonat Ramadan gibt es in unseren Vereinsräumen jeden Abend warmes Essen, zu dem neben allen Muslimen auch alle Nichtmuslime herzlich eingeladen sind. So kommen zum Beispiel Kirchen- und Rathausvertreter, ja sogar Obdachlose zum Abendessen. Die Jugendlichen unserer Gemeinde haben einen eigenen Jugendverband und eine Fussballmannschaft (SV Hilalspor), die seit über 15 Jahren in der Kreisliga mitspielt. Außerdem bieten wir Schülernachhilfen an. Jeden Samstag erhalten die Jugendlichen im Vereinslokal einen Werte- und Normenunterricht, der ca. zwei bis drei Stunden dauert. Hier lernen die Kinder ausdrücklich die Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum. Wir versuchen, die Jugendlichen mit konstruktiven Gesprächen von Alkohol- und Drogenkonsum und Kriminalität fern zu halten. Die Kinder bis 14 Jahren haben die Möglichkeit, jeweils an den Wochenenden und in den Ferien Qur’an- und Religionskunde zu erhalten. Die Frauen haben auch einen eigenen Raum, wo sie sich hauptsächlich am Wochenende treffen. Sie gehen wöchentlich in ein Schwimmbad, das für zwei Stunden nur für sie gemietet ist. Bei den Wohltätigkeitsveranstaltungen präsentieren die Frauen Spezialitäten aus Anatolien. Die Senioren sind gewissermaßen unsere Dauergäste. Sie sind jeden Tag von morgens neun Uhr bis abends zehn Uhr hier. Vor kurzem haben wir mit der deutsch-türkischen Gesundheitsstiftung ein Seminar für die Senioren veranstaltet. Dort hatten sie die Möglichkeit, einem Arzt über 2 Stunden wichtige Fragen zum Thema Medizin und Gesundheit zu stellen. Mit älteren und eloquenten Personen besuchen wir in der Regel auch Familien, die im Streit sind oder psychologische Hilfe benötigen. Sofern wir diesen Leuten – egal ob Mitglieder oder Nichtmitglieder – helfen können, tun wir es. Unsere Angebote richten sich daher nicht nur auf die Mitlieder.

Islamische Zeitung: Steht der Verein jedem offen?

Metin Kurt: Jeder Mensch ist hier willkommen. Die Nationalität oder Religion spielt überhaupt keine Rolle. Wir haben in unserem Verein daher auch Albaner, Serben, Kurden, Türken, Turkmenen, Uzbeken und viele andere Nationalitäten.

Islamische Zeitung: Steht Ihr Gemeindehaus auch für Besichtigungen offen?

Metin Kurt: Unsere Türen stehen jedem offen. Wenn vorher Bescheid gesagt wird, können wir uns besser mit Informationsmaterialien auf unsere Gäste vorbereiten. Da wir alle ehrenamtlich tätig sind, ist es besser, vorher Termine zu vereinbaren, weil es sonst sein kann, dass viele von uns zu dem Zeitpunkt arbeiten oder nicht hier sind. Zum „Tag der offenen Moschee“ [jedes Jahr am 3. Oktober, Anm. d. Red.] werden wir von Deutsch sprechenden Jugendlichen unseres Vereins unterstützt, die bei der Übersetzung behilflich sind. Besuche und Besichtigungen finden wir sehr wichtig, damit Klischees sowie Berührungsängste abgebaut werden und eine partnerschaftliche Atmosphäre entsteht. Für unsere Besucher haben wir vor einigen Monaten deutschsprachige Broschüren und CD’s herstellen lassen. Die positive Resonanz und Rückmeldungen verdeutlichen uns, dass das eine richtige Entscheidung war. Je mehr man uns kennen lernt, desto mehr erkennt man, dass unsere Gemeinsamkeiten überwiegen.

Islamische Zeitung: Was tun Sie für die Integration in die deutsche ­Gesellschaft?

Metin Kurt: Wir haben in der Vergangenheit Deutsch- und Türkischkurse anbieten können, die von der Stadt finanziell unterstützt wurden. Dies könnte bei einer erneuten Hilfelstellung durch die Stadt wiederholt werden. Ansonsten bieten wir Nachhilfe sowie Werte-, Normen- und Ethikunterricht an. Ich möchte darauf hinweisen, dass der gegenseitige Respekt und die Liebe (türkisch: „Sevgi“) zu anderen Menschen ein elementarer Bestandteil unserer Vereinsarbeit ist.

Islamische Zeitung: Was sind Ihre vorrangigen Ziele?

Metin Kurt: Wir möchten, dass die türkische Minderheit in Osnabrück und Umgebung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft in Wohlbehagen lebt. Als gesetzes- und verfassungstreue Bürger möchten wir Frieden in diesem Land leben. Denn Frieden in diesem Land heisst auch Frieden für uns, für jeden einzelnen. Der Ausspruch „wir sitzen alle im selben Boot“ passt hier am besten. Wir wollen als eine vorbildhafte Gemeinschaft gelten. Wir möchten die Jugendlichen erziehen, damit sie der Gesellschaft nützlich und nicht schädlich sind. Indem wir unsere Jugendlichen vor Drogen- und Alkoholkonsum sowie Kriminalität bewahren, nutzen wir auch der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ein Mensch mit Bildung, Erziehung, Kultur und einer gefestigten Identität ist ein vorbildlicher Mensch. Das möchten wir erreichen. Jemand ohne diese Besonderheiten ist es leider nicht. Dies wollen wir vermeiden.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Kurt, vielen Dank für das Gespräch! o Interview und Übersetzung: Yasin Bas

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