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Utopie oder ­Zukunft?

Der israelische Intellektuelle Omri Boehm ­plädiert für eine binationale israelisch-palästinensische Föderation

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Screenshot: YouTube

(iz). Spätestens seit Donald Trump vor einem Jahr Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, gilt die Zweistaatenlösung als tot. Währenddessen geht der israelische Siedlungsbau im Westjordanland weiter, während andererseits im Wochentakt Raketen aus dem Gazastreifen auf israelische Zivilisten abgefeuert werden. Gibt es noch Hoffnung für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts? Ja, sagt Omri Boehm, und zwar in einer binationalen Föderation mit Gleichberechtigung von Israelis und Palästinensern.

In seiner Danksagung am Schluss verrät Omri Boehm, dass er zu diesem Buch von Jack Miles ermutigt worden sei. Und das verrät einiges: denn der Religionswissenschaftler Jack Miles ist nicht nur einer der brillantesten Kenner der drei monotheistischen Religionen, sondern auch ein enthusiastischer Befürwortereiner Annäherung, ja: Synthese von Judentum, Christentum und Islam (siehe auch die Rezension seines Buches Gott im ­Koran in der IZ, Ausgabe Oktober 2019: https://www.islamische-zeitung.de/planet-und-sphaere/)

Mit dem gleichen Enthusiasmus plädiert der junge israelische Intellektuelle Boehm für seine Herzensidee: eine binationale Föderation von Israel und Palästina anstelle der Zweistaatenlösung, die in seinen Augen gescheitert ist. Nicht nur in seinen Augen, muss man sagen, denn tatsächlich ist der Nahostkonflikt in den vergangenen zwanzig Jahren seit der ­Intifada des Jahres 2000 noch erbitterter geworden.

Boehm rührt mit seinem Plädoyer gleichsam an das zionistische Tabu schlechthin, das Israel als einen „Staat von Juden für Juden“ definiert. Doch diese Definition habe nicht immer gegolten, ja, nicht einmal im ursprünglichen Zionismus; erst die Shoa, der Völkermord an den europäischen Juden durch NS-Deutschland, habe dazu geführt, Israel als Zufluchtsort der Juden in aller Welt und darum als ausdrücklich jüdischen Staat zu definieren.

Er führt beeindruckende Zeugen für seine These an: vom Ultrazionisten der Zwischenkriegszeit Wladimir Jabotinsky, der sich gleichwohl Palästina als binationalen Staat gedacht habe, über den Linkszionisten Martin Buber und die gemeinhin als Antizionistin verschriene Hannah Arendt bis hin zum 2010 verstorbenen britisch-jüdischen Intellektuellen Tony Judt. Dabei weiß er, dass er sich auf dünnes Eis begibt. In seinem für die deutsche Ausgabe aktualisierten Nachwort streift Boehm auch die Debatte um Achille Mbembe, die über das ganze Frühjahr 2020 hinweg das deutsche Feuilleton in Atem hielt. Die Mbembe-Debatte hatte sich unter anderem daran entzündet, ob man das Menschheitsverbrechen Holocaust mit der Apartheid in Südafrika oder eben auch der Behandlung der Palästinenser durch Israel nicht vergleichen, aber doch parallelisieren dürfe.

Boehm kritisiert, was er das „holocaustbasierte Nationalstaatsaxiom“ nennt, also das Narrativ, wonach das moderne Israel des Jahres 1948 aus dem brutalen Trauma der Shoa geboren sei, was geradezu einer heilsgeschichtlichen Aufladung gleichkomme: „mi’shoa le ‘tquma – vom ­Holocaust zur Wiederauferstehung“ nenne man dies auf Ivrit. Dieses Narrativ rechtfertige sowohl das Vorenthalten ­voller Bürgerrechte gegenüber arabischen Israelis, als auch das weitgehende geschichtspolitische Ignorieren der als Nakba bekannt gewordenen, teilweise gewaltsamen Vertreibung zahlreicher Palästinenser im Jahr 1948.

Boehm plädiert daher für eine geschichtspolitische Kunst des Vergessens: Nur wenn sich die israelischen Juden von der schmerzhaften und darum blickverengenden Fixierung auf das Urtrauma Holocaust lösten, würde ihr Blick frei für die Belange der Palästinenser und die immanente Widersprüchlichkeit der aktuellen israelischen Staatskonzeption. Denn „ein Israel“, schreibt er, „das einem ahistorischen, transzendenten Mysterium“ entspringe, stehe „über universalistischer Politik und moralischer Kritik“. „Als eine angeblich heilige Pflicht“ sei das Holocaust-Gedenken „zu einem goldenen Kalb geworden“; es vereine „Juden als Juden“ und bilde „ein mächtiges Instrument zur Rechtfertigung des Ausschlusses der Araber“.

Man kann nicht viel gegen Boehms Argumentation einwenden außer vielleicht, dass er die Gegenseite, nämlich den real existierenden muslimischen und arabischen Antijudaismus, den es ja gibt, komplett außen vor lässt. Israel hat sich ja nicht nur in Reaktion auf die Shoa so eingeigelt, sondern auch in Reaktion auf die Kriegserklärung, die ihm die Staaten der arabischen Liga im Mai 1948 gleichsam als Gründungsgeschenk überreichten und die bis heute fortwirkt.

Bezeichnend ist, dass das Buch im englischen Original A future for Israel, also „Eine Zukunft für Israel“ heißt, im Deutschen hingegen Israel – eine Utopie. Zukünfte sind möglich, Utopien irreal. Ob dies damit zu tun hat, dass die Staatsräson Israels, ein Staat von Juden für Juden zu sein, auch die Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland ist, sei dahingestellt; was bleibt, ist ein intelligentes, sehr lehrreiches und lesenswertes und fabelhaft intellektuelles Plädoyer für ein gleich­berechtigtes jüdisch-muslimisches, arabisch-israelisches Zusammenleben in einunddemselben Staatskörper, das Omri Boehm in die emblematischen Worte fasst: „Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Homer, der Bibel und dem Koran, zwischen Bialik und Darwisch, zwischen der Geschichte des Holocausts und der der Nakba zu finden ist machbar.“

Omri Boehm: Israel – eine Utopie. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Ullstein, 256 S., Preis: EUR 20,-

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Konstantin Sakkas

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