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Vater aller Dinge – Zerstörer alles Guten?

Der Historiker Langewiesche analysiert Europas Kriege

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Foto: Public Domain

(KNA). Krieg ist eine Gestaltungskraft ersten Ranges. Das schreibt der Historiker Dieter Langewiesche in einer Analyse über Europas Kriege. Er beobachtet, dass der Begriff des gerechten Kriegs wieder hoffähig wird.

„Der Krieg ist aller Dinge Vater“, schrieb der griechische Philosoph Heraklit. Der antike Historiker Thukydides charakterisierte den Krieg als einen „gewalttätigen Lehrer“ – Urteile, die heutzutage angesichts der ­Millionen Toten der Weltkriege zynisch erscheinen könnten. Angemessener klingt da der Philosoph Immanuel Kant, der den Krieg als „Zerstörer alles Guten“ bezeichnete – ihn allerdings dann doch für gerechtfertigt hielt, wenn er Fortschrittsbremsen lockern und eine republikanische Weltgesellschaft voranbringen könnte.

„Das unermessliche Leid, das Kriege immer wieder aufs Neue über Menschen gebracht haben, hielt sie nicht davon ab, immer wieder aufs Neue ihre Zukunftshoffnungen mit dem Instrument des Krieges verwirklichen zu wollen“, schreibt der emeritierte Tübinger ­Historiker Dieter Langewiesche in seinem neuen Buch „Der gewaltsame Lehrer“ über „Europas Kriege in der Moderne“. Es geht nicht um Kriegstaktik, Feldherren und Schlachtenlärm. Die Grundfrage seiner umfassenden Studie lautet: Warum haben die Gewalterfahrungen seit der Französischen Revolution und Napoleon nicht zu einer Ächtung des Krieges geführt?

Die Antworten sind bisweilen verstörend, gerade weil sie nicht nach den Opfern fragen und auch nicht differenzieren, wer konkret Nutzen aus Krieg und Gewalt zog. Der ­Autor beschreibt den Krieg als eine große Triebkraft der Geschichte: Ohne Kriege keine erfolgreichen Revolutionen; ohne Kriege keine Nationalstaaten und ohne Kriege keine weltweite Dominanz Europas, keine Kolonialreiche, aber auch keine Entkolonialisierung nach 1945. „Revolution und Krieg wollen Zukunft schaffen“, so der Historiker: etwa die Gleichheit im Rahmen der Französischen Revolution oder – nach den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich – 1871 ein Deutsches Reich. Selbst der europäische Run auf Afrika wurde als Zivilisierungsmission gedeutet.

Langewiesche konzentriert seine Analyse auf die Entstehung der Nationalstaaten seit dem 19. Jahrhundert: Die Idee der Nation habe sich zu einer „umfassenden Fortschrittsverheißung“ entwickelt. Ausgrenzung war die Kehrseite: Nur wenn nach außen hin Grenzen gezogen werden, lassen sich nach innen Teilhaberechte durchsetzen, beschreibt der Historiker einen Dualismus. Krieg schuf ­Nationalgefühl: „Im Krieg entfaltet die Nation am stärksten eine Vorstellung von sich selbst“, betont er. Und: „Im Krieg verwandelt sich die Nation in eine Gemeinschaft auf Leben und Tod.“

Intensiv setzt sich der Historiker mit der Kriegsführung auseinander: Während innerhalb Europas zumindest der Anspruch formuliert wurde, Gewalt durch Spielregeln einzuhegen und etwa zwischen Zivilisten und Soldaten zu unterscheiden, galt das für die Kolonialkriege der Europäer nicht: Die Vernichtung der Indianer in Nordamerika oder der Genozid an den Nama und Herero in Deutsch-Südwestafrika zeigen, dass sie sich fernab der Heimat kaum Regeln unterwarfen. Der Vernichtungskrieg der Wehrmacht und der SS im Osten brachten dieses Modell des Krieges dann nach Europa zurück. Nach solch unfassbaren Kriegsgreueln hat Europa aus Sicht Langewiesches ein historisch neues Modell entwickelt: die Nationalstaaten in einer Europäischen Gemeinschaft zu zähmen. Konflikte innerhalb der Union werden durch Verhandlung, Regeln und Ausgleich gelöst. Dieser Weg lässt­ ­Langewiesche auf einen „Ausstieg Europas aus seiner Kriegsgeschichte“ hoffen. Was allerdings nicht heißt, dass sich europäische Staaten nicht weiterhin außerhalb der EU an Kriegen beteiligen – möglicherweise auch durch eine gemeinsame europäische Armee.

Aus Sicht des Autors ist bedrohlich, dass seit den 1990er Jahren die Idee vom gerechten Krieg zurückgekehrt sei. Begründet werde das mit humanitären Argumenten – wie beim Kosovo-Krieg der Nato gegen Serbien mit Außenminister Joschka Fischers Worten „nie wieder Auschwitz“. Auch das von ­Völkerrechtlern in Folge des Genozids in Ruanda diskutierte Recht auf humanitäre Intervention geht in diese Richtung. Langewiesche attestiert dieser Renaissance des „gerechten Krieges“ teilweise quasi religiöse Züge – wenn etwa beim Kampf gegen „islamistischen“ Terrorismus von der „Achse des Bösen“ die Rede ist.

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