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Venedig war eine Stadt, in der sich Ost und West begegneten. Von Richard Covincton

Die Herrin der Meere

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(iz) Das Glück Venedigs und das seiner einflussreichen Familien, wie beispielsweise der Familie Zen, war seit dem 8. Jahrhundert mit der islamischen Welt verbunden. Damals begannen Händler aus der Lagune ihren Handel mit Alexandria. In dieser Fabel der gegenseitigen Verbindungen war die Adria-Stadt das Tor zum muslimischen Osten. Gleichzeitig vermittelte sie damaligen Muslimen einen Geschmack, dass Europäer nicht nur Kreuzfahrer, sondern auch Händler sein konnten. Von den Verzierungen der Markus-Kathedrale bis zum Labyrinth der gewundenen Straßen vergleicht die Architekturhistorikerin Deborah Howard Venedig mit einem „kolossalen Souk“.

Innerhalb der Städte Alexandria, Konstantinopel, Damaskus, Aleppo, Trabzon und Täbriz schuf die Handelsrepublik Miniaturversionen ihrer selbst – kommerzielle Enklaven unter Leitung des Bailo (oder Konsul). Sie verfügten über Kirchen, Händler, Ärzte, Friseure, Bäcker, Köche, Schneidernund Silberschmiede.

„Im Ausland reisten venezianische Diplomaten durch die gesamte islamische Welt – vom Nil-Delta nach Syrien, von Konstantinopel nach Aserbaidschan“, schrieb Walter Denny, Professor für Kunst an der Universität von Massachsetts. „Und ihre ‘Relazioni’ oder Berichte an die Behörden der Stadt sind immer noch wichtige Dokumente muslimischer Politik, Geschichte, Wirtschaft und Kunst.“ Ohne Handel mit den Muslimen hätte Venedig gar nicht existiert. Statt einer mächtigen maritimen Republik, der „Serenissima“, die den mittelmeerischen Handel zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert bestimmte, wäre die Siedlung an der Lagune wahrscheinlich ein Fischerdorf geblieben.

Aber bekanntermaßen gab es Handel; möglicherweise den größten, den die Welt jemals sah. Seide, Gewürze, Teppiche, Keramiken, Perlen, Kristallkelche und Edelmetalle erreichten Venedig aus dem Osten, während Salz, Holz, Leinen, Wolle, Samt, baltischer Bernstein, italienische Korallen, feine Stoffe und Sklaven nach Ägypten, Anatolien, die Levante und Persien ausgeführt wurden. Das ganze war eine etwas einseitige Angelegenheit, denn der Handel mit Venedig war ein vergleichsweise kleiner Aspekt der Wirtschaft in den osmanischen und mamlukischen Gebieten. Nichtsdestotrotz war die Republik wichtig genug, dass sie als einzige christliche Stadt auf der Weltkarte von Ibn Khaldun verzeichnet war. Für die Serenissima jedoch machte der Handel mit Muslimen die Hälfte der Einnahmen aus.

Christliche Pilger kamen aus ganz Europa, um sich Reisegruppen ins Heilige Land anzuschließen. Sie hatten eine solche Bedeutung für die Wirtschaft, dass sie einzeln vom Dogen umarmt wurden. Die Abreisetermine wurden gelegentlich verzögert, sodass Gläubige hier mehr Geld ausgeben konnten. Auf anderen Galeeren sammelten venezianische Kaufleute Muslime in Tunis, Djerba und Alexandria ein und transportierten sie über die Levante in Richtung Mekka.

Der venezianische Reisende des 13. Jahrhundert, Marco Polo, brachte Erzählungen des fabelhaften Nahen und Fernen Ostens nach Hause. Aber es gab andere, weniger bekannte wie den 23-jährigen Alessandro Magno, dessen Tagebuch aus dem 16. Jahrhundert den Alltag Alexandrias und Kairo nachzeichnete. Auch wenn Magno im Wesentlichen ein Tourist war, verbrachten viele Edelleute Jahre mit dem Lernen des Arabischen und der Buchhaltung in weit entfernten Handelsposten ihrer Heimat. Andere bewunderten Arbeiten muslimischer Kunsthandwerker. Nach der Betrachtung von Metalleinlagearbeiten im Damaskus des 14. Jahrhunderts erklärte der sprachlose Händler Simone Sigoli: „Hättet ihr Geld in den Knochen eurer Beine, würdet ihr diese aufbrechen, um solche Dinge zu kaufen.“ Unzählige arabische Worte fanden auf diesem Wege Eingang in das Italienische, wie die Handelsbegriffe Doana (Zollbehörde) oder Tariffa (Zoll). Dazu zählten aber auch die Namen von Luxusgütern wie Sofa, Diwan oder Damasco.

Als wichtigstes europäisches Zentrum für das Verlagswesen druckte Venedig auch viele arabische Texte in lateinischer oder italienischer Übersetzung, darunter den „Kanon“, das medizinische Standardwerk des persischen Arztes Ibn Sina (im Westen als Avicenna bekannt) oder Aristoteles-Kommentare von Ibn Ruschd (Averroes).

Sogar der erste gedruckte Text des Qur’an wurde zwischen 1537 und 1538 in Venedig von lokalen Buchhändlern verlegt. Voller Fehler, erwies sich diese Ausgabe als Fehlschlag. Sie inspirierte aber im Jahre 1547 eine Ausgabe ins ­Italienische.

„Seit den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts druckten venezianische Verleger muslimische Abhandlungen über Medizin, Philosophie, Astronomie und Mathematik“, erläuterte Giandomenico Romanelli, Direktor des städtischen Correr Museums, einem umfangreichen Aufbewahrungsort für Kunst, Keramiken, Karten und Handschriften. Umfangreiche Ledereinbände waren Vorbildern aus Istanbul, Täbriz und anderswo entlehnt. Beim Verlagswesen, dem Handel, diplomatischen Beziehungen und Pilgerfahrten war Venedig „das Scharnier zwischen Ost und West“, sagt Romanelli. Der Schlüssel zum Erfolg des pragmatischen venezianischen Handels war, dass die Stadt sich niemals als überlegen betrachtete. Muslime wurden einfach als Bewohner einer weiteren Welt verstanden, mit denen es notwendig war, Handel zu treiben. Außerdem verhielten sich die Venezianer in religiösen Fragen wesentlich toleranter als der Rest Europas.

Jahrhunderte lang betrieben die Dogen einen diplomatischen Balanceakt, in dem sie die diversen Loyalitäten zu muslimischen Herrschern und der katholischen Kirche auszugleichen suchten. Selbst während der Kreuzzüge betrieben die Venezianer den Handel mit ihren muslimischen Partnern weiter. Tatsächlich verwandelte sich der 4. Kreuzzug bekanntermaßen für Venedig in eine Gelegenheit, das byzantinische Imperium und nicht die Muslime anzugreifen. Von Zeit zu Zeit schränkte der Papst Venedigs Handel mit den Muslimen ein. Aber die Venezianer – bemüht, ihre Unabhängigkeit von der päpstlichen Herrschaft zu bewahren – umgingen solche Verboten, indem sie ihren Handel via Zypern oder Kreta nach Ägypten umleiteten.

Mit den Osmanen, welche die Macht in der Levante von den Mamluken übernahmen, verband Venedig eher eine unruhige Beziehung aus Liebe und Hass. Denn anders als ihre Vorgänger, die Mamluken, strebte die Hohe Pforte nach der Kontrolle des gesamten östlichen Mittelmeeres. Aber trotz einiger bitterer Konflikte über Korfu, Zypern, Kreta und Morea gab es mehr Jahre des friedlichen Handels als des Krieges. Und am Ende war es Napoleon, nicht die Osmanen, der Venedig schließlich im Jahre 1797 eroberte.

Vor der Schaffung einer permanenten Unterkunft für Muslime im späten 16. Jahrhundert übernachteten reisende Händler und Kunsthandwerker in Herbergen nahe des Rialtos. Aber selbst, nachdem der Fondaco dei Turchi 1621 im Viertel Santa Croce eröffnet wurde, nächtigten dort in der Regel weniger als 100 Händler – darunter Türken, Bosnier, Albaner und Perser. Der Fondaco dei Turchi, ein imposantes dreistöckiges Gebäude mit einer doppelten Säulenreihe, die einen Innenhof umschließen, wurde den nahöstlichen Vorbildern, den Funduqs, nachempfunden. Über dem Warenlager im Erdgeschoss befanden sich die Unterkünfte, ein Bad und ein Gebetsraum. Muslimische Besucher konnten sich während des Tages frei bewegen, blieben aber während der Nacht auf den Fondaco beschränkt.

Der Einfluss der Kontakte mit der muslimischen Welt beschränkte sich bei Weitem nicht bloß auf Handelsgewinne. Er hinterließ auch seine architektonische Spuren und ist auch heute noch zu erkennen. Wenn man auf dem Platz vor der Sankt Markus Kathedrale steht, dann sind die Zeichen überall zu erkennen.

Zur Rechten befindet sich der Dogenpalast mit seinen herausstechenden Zinnen, die der Ibn Tulun Moschee von Kairo entlehnt wurden. Zur Linken liegt der Uhrenturm, der Torre dell’Orologie, der das gleiche Zifferblatt hat, wie es in einer Abhandlung von Al-Ghazari aus dem 13. Jahrhundert zu sehen ist. Nach hinten hin liegt das Caffé Florian, eine Institution aus dem 18. Jahrhundert. Es ist eine Weiterentwicklung seiner Vorläufer aus­ ­Istanbul. Und vorne, erinnern die hohen Kuppen der Kathedrale ans die Moscheekuppeln der Totenstadt von Kairo und in der gesamten arabischen Welt.

Die Cambridge-Dozentin Deborah Howard bekräftigt ihre Ansicht, wonach das venezianische Labyrinth aus Straßen, Innenhöfen und geheimen Gärten von der muslimischen Städteplanung inspiriert worden sei. Manche Außenfenster basierten auf skalierten Modellen von Mihrabs, Gebetsnischen, die aus dem Osten nach Venedig gebracht wurden. Viele dieser Paläste entstanden, nachdem venezianische Händler vergleichbare Häuser im Orient gesehen hatten und gerne auch so wohnen wollten.

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