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Vergessene Geschichte(n) aus dem Reich der Mitte. Von Frau Hong Gao, Frankfurt

Der Islam in China

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Der Islam ist neben dem Buddhismus und dem Daoismus (eine chinesische Religion, die auf der philosophischen Lehre Lao-Tses basiert) die drittgrößte Religion Chinas. Heute leben schätzungsweise zwischen 20 bis 200 Millionen Muslime in China. Die chinesischen Muslime sind „Sunniten“. Ihre Geschichte ist eng mit der ihres ganzen Landes verbunden.1

Die Geschichte des Islams in China begann im 7./8. Jahrhundert – in der kosmopolitischen Tang-Dynastie (618-907). Wann er genau nach China kam, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Arabische und zentralasiatische Händler und Handwerker kamen schon seit früherer Zeit hierher – über dem Seeweg aus dem Persischen Golf um die Malaiische Halbinsel an die Südostküste Chinas, aber auch auf dem Landweg aus Persien über die Seidenstraße nach Chang’an (dem heutigen Xi’an, der damaligen Hauptstadt Chinas).

Sie brachten ihre Kenntnisse über Handel, Handwerk, Küche, Musik, Astronomie und Medizin mit. Nach Angaben chinesischer Forscher wurde der Islam in der Zeit des Tang-Kaisers Gaozong (ab 651) nach China gebracht. Wan Kosu (der arabische Gesandte Sa’d ibn Abi Waqqas, ein Onkel des Propheten Muhammad) besuchte den chinesischen Kaiserhof. Sein Grabmal in der Huaischeng-Moschee in Guangzhou trägt eine Inschrift aus dem Jahr 742. Die Huaischeng-Moschee gilt somit als die älteste Moschee des Landes. 1343 wurde sie durch ein Feuer zerstört und später in chinesischen Stil mehrmals neu- beziehungsweise umgebaut.

Nichtchinesische Forscher tendieren jedoch dazu, die Einführung des Islams in China in einem späteren Zeitpunkt der Tang-Dynastie anzusiedeln. Fest steht, dass Moscheen in den Küstenstädten Guangzhou, Quanzhou, Hangzhou sowie in Chang’an zur Tang-Zeit gebaut wurden. Soldaten und Söldner aus Zentralasien kamen ebenfalls. Sie wurden von der chinesischen Armee angeheuert, um mit Erfolg gegen den aufständischen Parther An Lushan im Jahr 756 zu kämpfen. Unter den Song (960-1279) beherrschten Muslime den chinesischen Im- und Export nach Süden und Westen. 1070 lud der Song-Kaiser Shenzong 4.000 Männer aus Buchara (im heutigen Usbekistan) ein, um gegen das Liao-Reich zu kämpfen. Nach der erfolgreichen Grenzverteidigung ließen sich die Männer und ihre Familien nach und nach im Norden und Nordosten Chinas nieder.

Während der mongolischen Dynastie Yuan (1279-1368) genossen Muslime auf Anordnung der mongolischen Herrscher einen höheren gesellschaftlichen Rang als die Han (Hauptnationalität in China). Muslimen wurden Verwaltungsaufgaben im Finanzbereich anvertraut. Die arabische, persische und türkische Einwanderung erreichte damals ihren Höhepunkt. Der muslimische Architekt Yeheidie’erding (Amir al-Din) entwarf den Plan zum Bau der Yuan-Hauptstadt Dadu (dem heutigen Peking). Dabei bediente er sich der klassischen chinesischen Lehre der Architektur. Er beaufsichtigte auch die Bauvorgänge. Marco Polo erwähnte in seinem Reisebericht die muslimische Besiedlung in Yunnan (im Südwesten).

Unter der Ming-Dynastie (1368-1644) erlebte China in wirtschaftlicher Hinsicht eine Blütezeit. Politisch gesehen war dies jedoch eine relativ repressive Dynastie. 1385 wurden alle ausländischen Kaufleute aus der Küstenstadt Guangzhou ausgewiesen. Es geschah in dieser Zeit, dass die bereits mit Han vermischten Muslime sinisiert wurden. Sie nahmen die Han-Kultur an: Ihre Sprache, Kleidung und Name wurde der Han-Kultur angeglichen. Die heutigen Nachnamen Ma, Mo, Mu wurden abgeleitet beziehungsweise abgekürzt aus/von Muhammed, Ha von Hasan, Hu von Hussein und Sa von Said.

Die Mandschu – die Qing-Dynastie (1644-1911) – verfolgten eine Strategie, Zwiespalt zwischen Han, Muslimen, Tibetern und Mongolen zur eigenen Sicherheit und Expansion zu nutzen. Dies führte zu mehreren Unruhen und Rebellionen zwischen diesen Völkern. In Yunnan gab es die Panthay Rebellion (Du Wenxiu Rebellion, 1855-1873), und in Xinjiang und Gansu gab es die Dungan-Kriege (1862-1877). Viele Muslime wurden dabei getötet. 1884 erklärte die Qing-Regierung Xinjiang zu einer neuen Provinz Chinas. Dies war die letzte Dynastie des Landes.

1912 wurde die Republik China in Nanjing ausgerufen. Sun Yixian (Sun Yat Sen, 1866-1925) wurde zum Übergangspräsidenten gewählt. In seinem berühmten Manifest die „Drei Volksprinzipien“ (Sanmin Zhuyi, 1905 veröffentlicht) plädierte Sun für die Gleichstellung und Vereinigung der Han, Manchu, Tibeter, Mongolen und Muslime. China war zu jener Zeit von imperialistischen Mächten aus dem Ausland bedroht. Sun meinte, nur durch die Vereinigung der Nationen könne die Souveränität der Chinesen wieder hergestellt werden. Obwohl er seine Vorstellungen nicht durchsetzen konnte (er gab nach nur einem Monat seinen Präsidententitel an Yuan Shikai weiter), gilt er bis heute sowohl in der Volksrepublik China als auch in der Republik Taiwan als das Ideal eines gerechten Staatsoberhauptes. 1949 übernahm die kommunistische Partei die Macht in China und gründete die Volksrepublik China.

Ein großer Teil der chinesischen Muslime lebt heute in den nordwestlichen und westlichen Provinzen Xinjiang, Gansu, Ningxia, Qinghai sowie in Yunnan im Südwesten und in Shaanxi und Henan in Zentralchina. Der Rest von ihnen ist über das ganze Land verteilt. Anbei die Erklärung einiger chinesischer Begriffe zum Thema:

• „Moschee“ heißt „Qingzhensi“,

• „Qingzhen“ (die reine Wahrheit) ist das chinesische Synonym für „muslimisch“,

• „Qingzhenjiao“ (Religion der reinen Wahrheit) beschreibt den Islam,

• „Qingzhensi“ (Tempel der reinen Wahrheit) ist eine Moschee,

• „Qingzhen Shipin“ sind muslimische Speisen. [Das muslimische Essen ist im Übrigen unter den Chinesen wegen seiner hygienischen Sauberkeit sowie dessen Verzicht auf Schweinefett sehr beliebt.]

„Hui“ ist seit der Yuan-Dynastie die übliche Bezeichnung für chinesische Muslime. Seit der Zeit der Volksrepublik gibt es auch die Bezeichnung „Huizu“ (die Hui-Nationalität). Jedoch unterstützt die chinesische Regierung gegenwärtig den Begriff „Muslime“ (Musilin).

Yusuf Ma Dexin (1794-1874) war der erste Übersetzer des Qur’an. Als Muslim aus Yunnan ging er 1841 von dort auf die Pilgerreise nach Mekka. Er fuhr über dem Landweg unter anderem über Birma (heute Myanmar). Nach der Pilgerreise blieb er acht Jahre lang in Arabien, studierte auch an der Al-Azhar Universität in Kairo. Zurück in China nahm er an Panthay-Rebellion teil und wurde daraufhin von Qing-Regierung exekutiert. Neben seiner Übersetzung schrieb er weitere Bücher über Religion und Konfuzianismus. Im Laufe der Geschichte Chinas wurde Religion von Herrschern (bis auf eine Ausnahme der frühen Tang-Dynastie) offiziell nicht gern gesehen. Religion wurde von ihnen oft als fremdartig, geheimnisvoll oder gar bedrohlich empfunden. Gleichzeitig wurde sie zum Eigenzweck der jeweiligen Herrscher benutzt: Muslime wurden in der Song-Dynastie zur Verteidigung der Staatssicherheit zur Hilfe gerufen. Der Daoismus wurde in beinahe allen in von Han regierten Dynastien wegen Doktrin genutzt.

Heute ist der Islam in China zweifellos lebendig und einflussreich. Er verdient Respekt, Verständnis und Dialogbereitschaft – mehr als die chinesische Regierung ihm zur Zeit gewährt.2

Fußnoten:
1 Alle in diesem Artikel angegebenen Orts- und Personennamen, sowie Sachbezeichnungen in der chinesischen Sprache sind in der Pinyin-Umschrift geschrieben worden.
2 Siehe die massiven, anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in der von Uiguren bewohnten Provinz Xinjiang, wo den Muslimen nicht nur keine Anteile an der wirtschaftlichen Prosperität zugestanden werden, sondern deren muslimische Kultur akut bedroht ist – Anmerkung der Redaktion.

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