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Vernetzte Gesellschaft: „Die Gefahren sind längst da“

Experten sehen Nachholbedarf beim Umgang mit Digitalisierung

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Foto: Pixabay

Zwei Tage lang diskutierten Forscher und Praktiker in Bonn über die digitale Gesellschaft. Kritische Töne bildeten dabei keinen Gegensatz zur Freude am Digitalen. Auch an konkreten Forderungen fehlte es nicht.

Bonn (KNA). Es ist eine eindrucksvolle Gegenüberstellung: Das eine Bild zeigt eine Menschenmenge auf der Via della Conciliazione während der Papstwahl 2005. Auf dem anderen Bild verfolgen ähnlich viele Menschen die Papstwahl 2013. Während bei der Wahl Benedikts XVI. kaum ein Handy zu sehen ist, leuchtet bei der Franziskus-Wahl über dem Kopf fast jedes Wartenden ein Display. Zwischen den Aufnahmen lag die Einführung des iPhones (2007) – und die massenhafte Verbreitung von Smartphones. Die Fotos dokumentieren den gesellschaftlichen Wandel, der damit einherging.

Um diese Veränderung ging es auch bei den „Bonner Gesprächen“, zur denen die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) an diesem Wochenende eingeladen hatte. Das Bildungssystem könne mit vielen aktuellen Entwicklungen nur schwer Schritt halten, sagte bpb-Präsident Thomas Krüger. Dass Überwachung etwa durch Sensorik kaum öffentlichen Protest auslöse, deute auf einen Nachholbedarf hin.

Das zeige auch der strategische Einsatz von Social Media durch Extremisten jeglicher Couleur, ergänzte Yvonne Hofstetter, Buchautorin und Geschäftsführerin des Unternehmens „Teramark Technologies“. Der Staat verliere sein Gewaltmonopol an kleinere Gruppen, warnte sie: „Der ‘Islamische Staat’ beispielsweise ist auch ein Internetphänomen.“

Von Science-Fiction-Szenarien wollte Hofstetter indes nichts wissen. „Die Frage ist nicht, wann Künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernimmt. Die Gefahren sind längst da – aber viel subtiler.“ Ein Beispiel dafür seien Frequenzen, die manche Unternehmen inzwischen in Fernsehwerbung mitsenden. Der Zuschauer nimmt sie nicht wahr, wohl aber das Smartphone, das neben ihm auf dem Sofa liegt – und dem werbenden Unternehmen wiederum rückmeldet, wer wann diese Werbung gesehen hat.

Da Geräte inzwischen ständig online und miteinander vernetzt seien, brauche es ein neues Bewusstsein für „das Internet“, sagte der Leiter Forschung am Grimme Institut in Marl, Harald Gapski. Früher sei es als Werkzeug begriffen worden; heute müsse es eher als Umwelteinfluss betrachtet werden.

Unternehmerin Hofstetter wandte sich allerdings dagegen, allein die Technik für Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen. Ein Gegenbeispiel sei die wachsende Zahl von Menschen, die Nachrichten ausschließlich über Soziale Medien beziehe. „Das ist so, wie Fernsehwerbung für Nachrichten zu halten“, mahnte die Expertin.

Im schlimmsten Fall drohe eine Fragmentierung der Gesellschaft, wenn jeder Nutzer nur noch die Inhalte wahrnehme, die ihn in der eigenen Meinung und in altbekannten Interessen bestärkten: „Der Souverän wird zerschlagen in Millionen Einzelmeinungen.“ Hofstetter verwies auf Hannah Arendt (1906-1975), die in ihrer politischen Theorie den Wert von Pluralität und dem Austausch verschiedener Perspektiven betonte. Hofstetter: „Auch Donald Trump hat die Sozialen Medien geschickt genutzt – und sich als derjenige inszeniert, der im Meinungschaos einfache Lösungen hat.“

Politische Bildung müsse Grundkenntnisse darüber vermitteln, was etwa Big Data und Künstliche Intelligenz überhaupt sind, darüber waren die Experten sich einig. Zudem solle der Wert von informationeller Freiheit wieder deutlich gemacht werden, forderte Gapski. „Belanglose“ Daten gebe es nicht mehr, da sämtliche Daten in andere Bezüge gesetzt und interpretiert werden könnten. So ließen sich auch scheinbar harmlose Daten im Hinblick auf Kreditwürdigkeit oder Gesundheitsprognosen auswerten.

Viele Technologen wünschten sich inzwischen eine ethische Regulierung, hat Hofstetter beobachtet. Die Gesellschaft müsse eine entsprechende Politik allerdings einfordern, betonte sie. Bislang sei vielen Menschen egal, was mit den Daten geschehe, sagte Armin Grunwald. Der Karlsruher Professor für Technikphilosophie leitet das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag. Die meisten nutzten Apps schlichtweg deshalb, weil sie bequem seien. Insofern brauche es womöglich eine Strömung wie die Öko-Bewegung in den 1970er Jahren, so Grunwald: „Ohne die würde es heute auch keine Umweltpolitik geben.“

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