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Versagen Muslime bei den Uiguren?

Interview: Menschenrechtsaktivistin Dilnur Reyhan beklagt Fehlen von Solidarität. Von Filip Noubel

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Bild: ikuha-ouighour Globalvoices.org

(Globalvoices.org). Die 11 Millionen Uiguren, die in der westchinesischen Provinz Xinjiang leben, sind eine muslimisch-türkische Minderheit. Sie wird von Peking angegriffen und ihrer grundlegendsten Menschenrechte – einschließlich der Religions- und Bewegungsfreiheit – beraubt, seid Xi Jinping die Macht in China übernahm.

Obwohl ausführlich dokumentiert, hat die Situation der Uiguren nur sehr begrenzte Unterstützung erhalten – auch in überwiegend muslimischen Ländern. Um das zu verstehen, habe ich mit Dilnur Reyhan gesprochen. Sie ist eine uigurische Wissenschaftlerin, die in Frankreich lebt und am Pariser Institut für orientalische Sprachen und Kulturen (INALCO) lehrt. Reyhan ist darüber hinaus Gründerin und Leiterin des European Uyghur Institute. Die NGO fördert die Anliegen der Uiguren sowie deren Kultur.

Dilnur Reyhan ist eine ausgesprochene Community-Aktivistin, die sich der Verteidigung von Menschen- und Frauenrechten verschrieben hat.

Frage: Filip Noubel Trotz der massiven Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang gibt es wenig oder keine Solidarität seitens der Regierungen von muslimischen Ländern. Sie haben dieses Problem erstmals 2019 im Ramadan angesprochen, als Sie die Muslime zur Reaktion aufforderten. Haben sich die Dinge seitdem geändert?

Dilnur Reyhan: Ich habe diesen Kommentar im letzten Ramadan in einer französischen Tageszeitung veröffentlicht – aus einem Gefühl der Verzweiflung und Enttäuschung. Beinahe keine der Regierungen der muslimischen Welt haben das geringste Zeichen der Solidarität mit den Uiguren an den Tag gelegt. Umso enttäuschender war die völlige Gleichgültigkeit der Bevölkerung muslimischer Länder – außer in der Türkei.

Hass auf den Wesen unter muslimischen Bevölkerung hat die normalen muslimischen Bürger unterschiedlicher Länder bis zu dem Punkt blind gemacht, dass sie nichts mehr aus den westlichen Medien glauben; sogar, wenn sie Konzentrationslager für Muslime aufdecken. Auf der einen Seite nutzt China unsere muslimische Identität, um seine Lager zu rechtfertigen. Auf der anderen weigert sich die Mehrheit der Muslime, daran zu glauben, und unterstützt so die chinesische Politik.

Nicht viel hat sich geändert, außer im Falle von Katar. Denn die meisten muslimischen Ländern hängen ökonomisch von China ab sowie vom Technologietransfer. Die meisten haben darüber hinaus auch keine gute Vergangenheit bei Menschenrechten und schützen nur selten die Rechte ihrer eigenen Minderheit. Und schließlich wird China häufig als positives Gegengewicht zum Westen gesehen.

Wir haben jedoch den Fall von Personen wie dem türkisch-deutschen Fußballspieler Mesut Özil gesehen, die das Thema öffentlich angesprochen haben. Dies könnte bedeuten, dass Meinungsführer die öffentliche Meinung stärker sensibilisieren könnten.

Frage: Wie bewerten Sie die Haltung der westlichen Regierungen? Sehen Sie da Fortschritte bei Fragen zu Menschenrechtsverletzungen in Xinkiang?

Dilnur Reyhan: Die Haltung westlicher Staaten ist ein klein wenig besser als die muslimischer. Mindestens 22 haben China gebeten, seine Konzentrationslager zu schließen, während 50 Staaten, die Hälft davon muslimische, China ihre geschlossene Unterstützung versichert haben.

Wegen des gegenwärtig chinesisch-amerikanischen Handelskrieges zeigt Washington eine recht feste Haltung gegen die anti-uigurische Politik Chinas. Das gilt insbesondere für Sanktionen gegen chinesische Unternehmen und Vertreter, die für diese Lager verantwortlich sind. Aber auch durch Gesetze zum Schutz der Menschenrechte von Uiguren. In Australien zeichnen sich ähnliche Wandlungen in der Politik an.

Frage: Können Sie Bündnisse mit Mitgliedern und Aktivisten in China, Hongkong und Taiwan eingehen?

Dilnur Reyhan: Die Uiguren in der Diaspora sind solidarisch mit den Demokratiebewegungen in Hongkong und Taiwan. Die Menschen in Hongkong verbanden ihre Bewegung mit den Fragen der Uiguren auf einer Demonstration 2019. Eine der Vertreterinnen der Hongkonger Demokratiebewegung, Denise Ho, die in Asien ein Popstar ist, unterstützte das Europäische Uigurische Institut sogar mit einem Video, in dem die Öffentlichkeit aufgefordert wurde, unsere Organisation zu unterstützen. In Taiwan kooperieren Studentenführer und uigurische Exilanten. Die verbinden die Diaspora mit der Demokratiebewegung.

Frage: Uigurische Kultur und Identität in Xinjiang sind schwerwiegend bedroht. Welche Mittel des Werkzeuge stehen den Menschen in dieser Situation zur Verfügung?

Dilnur Reyhan: Seit der Einrichtung dieses erweiterten Netzwerks von Konzentrationslagern durch China in der uigurischen Region nehmen die Aufgaben der uigurischen Diaspora erheblich zu. Einerseits arbeiten politische Organisationen daran, die westlichen Länder dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die China zwingen würden, die Lager zu schließen. Andererseits sind Schutz und Wahrung der uigurischen Sprache und Kultur in der Diaspora von entscheidender Bedeutun. So wurden in den letzten drei Jahren fast überall muttersprachliche Schulen eingerichtet.

Unsere Organisation ist ein gutes Beispiel: Wir haben 2009 unsere Aktivitäten als Studentenverein zur Förderung der uigurischen Sprache und Kultur in Frankreich begonnen. Zehn Jahre später hat sich der Kontext in der uigurischen Region, aber auch in der Diaspora verändert. Wir erweitern unsere Aktivitäten zur Wahrung der uigurischen Identität in Europa, wo vermutlich etwa 10.000 Uiguren leben.

Im Rahmen einer CC-Lizenz veröffentlicht.

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