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Viel zu oft ist die Behauptung, Muslime seien ein Fremdkörper, ein Irrtum, der an den Fakten vorbei geht. Von Ali Özgür Özdil, Hamburg

„Und ich dachte, wir hätten uns integriert“

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(iz). Bilal ist vier Jahre alt, als er gemeinsam mit seinem Vater in einem Hamburger Dönerladen von einem türkischen Mitarbeiter angesprochen wird. Der Mann beugt sich zu dem kleinen Jungen und spricht mit ihm auf Türkisch. Doch Bilal reagiert nicht wie erwartet, sodass der Mann ihn verwirrt fragt: „Bist Du gar kein Türke?“ Bilal antwortet: „Ja, manchmal.“

Als Bilal 11 ist, fragt ihn jemand: „Du bist doch Türke, ne?“ Es ist natürlich eine rhetorische Frage. „Eigentlich bin ich Türkogiese“ antwortet Bilal, denn sein Vater stammt aus der Türkei und seine Mutter ist Deutsche portugiesischer Herkunft. Bilal selbst ist in Deutschland geboren und seit der Geburt deutscher Staatsbürger. Er denkt und träumt in Deutsch und beherrscht Deutsch viel besser als Türkisch oder Portugiesisch. Na ja, eigentlich spricht er kaum Türkisch oder Portugiesisch. Eigentlich kann er Englisch und Spanisch schon viel besser als die Sprachen seiner Eltern.

Bilal ist 13. Als er gerade aus dem Bus aussteigt, wird er von einem älteren Mann angerempelt mit den Worten: „Scheiß Türke!“ Ist Bilal eigentlich ein Türke? Eines weiß er inzwischen sehr gut: er ist kein Deutscher. Zumindest sagt ihm niemand, dass er ein Deutscher sei. Und wenn er kein Deutscher sein kann, dann muss er eben etwas anderes sein, also ein Türke. Denn von den Türken wird er als Türke angenommen, wohingegen er von Deutschen nie als einer von ihnen gesehen wird.

Melike (heute 12) ist die Schwester von Bilal und sie war auch einmal – so dachte sie zumindest – eine Türkogiesin. Aber während der Fußball-Europameis­terschaft 2008 hat man ihr deutlich gemacht, dass sie eine Türkin ist. Eine (deutsch-portugiesische) Klassenkameradin meinte zu ihr: „Warum feiern die Türken denn immer hier. Sollen sie doch in der Türkei feiern.“ Dann wurde sie Zeugin einer Aussage eines deutschen Klassenkameraden gegen einen türkischen Klassenkameraden: „Du Ibo, Du bist Türke und Türken sind dumm!“ Da fühlte Melike sich natürlich auch angesprochen. Während der großen Pause meinten fünf Freundinnen zu ihr: „Du verstehst das sicherlich nicht, aber Du bist Türkin und wir wollen nicht mit Dir spielen.“ Ist es verwunderlich, wenn junge Menschen, die solche und ähnliche Erfahrungen machen, sagen: „Wir sind Türken“?

Bilal und Melike sprechen nämlich inzwischen von „den Deutschen“, was ein Ausdruck dafür ist, dass sie sich nicht dazugehörig fühlen. Ich frage sie: „Seid ihr denn keine Deutschen?“ woraufhin sie erwidern: „Na ja, eigentlich schon, aber irgendwie auch nicht, denn die Deutschen meinen zu uns ja, wir seien Ausländer.“ „Ausländer“ steht hier für – obwohl in Deutschland geboren, obwohl mit deutschem Pass und obwohl deutschprachig – dennoch nicht deutsch; ein Problem, vor dem Millionen MigrantInnen mit deutschem Pass stehen. Und was hat das Ganze mit Integration zu tun? Integration hat etwas mit Partizipation zu tun. Nur die, die dazu gehören, können sich Beteiligen, und damit sie sich beteiligen, müssen sie dazu gehören. Wem das Gefühl vermittelt wird, dass er/sie – trotz der genannten Voraussetzungen, die er/sie erfüllt hat – nicht dazu gehört, kann resignieren und somit keine Potenziale entfalten. Dies betrifft vor allem die größte Migrantengruppe in Deutschland, das heißt die Türken oder die Muslime, falls man das ganze auf die Religion bezieht.

Integration in Deutschland

Bei den Themen „Islam“ und „Integration“ und vor allem, wenn diese beiden wie „Feuer und Pulver“ zusammengeführt werden, ist eine konfliktbeladene Debatte unausweichlich. So handelt es sich bei beiden oft um ungenau genannte Größen, die erst einmal einer kontextuellen Definition bedürfen. „Wann ist ein Muslim wo integriert?“ oder „wann ist ein Muslim wo nicht integriert?“ müsste die Frage jedes Mal lauten.

Ich möchte mich mit meinem – bei der Dimension, der wir hier begegnen – kurzen Beitrag bemühen, auf eine weniger verkrampfte Art dem Thema der Integration von Muslimen in Deutschland anzunähern. Oft genug wurde in dieser Debatte betont, dass a) Integration ein Prozess ist, dass b) Integration von beiden Seiten gewollt sein muss und dass c) Integration nicht gleichzusetzen wäre mit Assimilation, um erst einmal die Sachebene zu klären. Nun beobachten wir eine verspätete aber noch nicht verlorene Hoffnung auf Integration, was immer auch mit Integration gemeint ist. Es scheint damit aber etwas gutes und positives gemeint zu sein. Demnach müsste es doch eine Selbstverständlichkeit sein, die von allen gewollt wird.

Problematisch scheint mir dabei, dass mit einer einseitigen Forderung wie „die sollen sich anpassen!“ noch keine Voraussetzungen für eine Integration erfüllt sind, wenn die Fordernden selbst unwillig, ja sogar oft unfähig sind, zu integrieren. Mit „die“ ist häufig eine unbestimmte Menge von Menschen gemeint, denen man unterstellt, „anders“ als man selbst zu sein. Das könnten so gesehen auch Deutsche sein oder theoretisch auch Österreicher, Dänen, Niederländer oder Amerikaner. Schließlich ist das Fremde relativ.

Ich wurde einmal von Hamburger Oberstufen-SchülerInnen gefragt, was für die Integration der Muslime getan werden müsse. Das war eine durchaus ernst gemeinte Frage, sie suggeriert jedoch, dass Muslime nicht integriert seien. Man müsste meines Erachtens an konkreten Beispielen arbeiten, um die Problematik transparent zu machen. An pauschalen Beispielen erkennen wir lediglich, dass eine falsche Frage keine richtige Antwort erhalten kann.

An einem konkreten Beispiel wie dem Kopftuch möchte ich zwei Sichtweisen zeigen, die sich auf eine sehr einfache Weise auf ein so komplexes Thema beziehen. Während einer Lehrerfortbildung in Kiel vertrat ein Lehrer die Meinung, dass Frauen mit Kopftuch nicht integriert seien, eben weil sie ein Symbol trügen, das einen (selbst-)ausgrenzenden Charakter besitze.

Auf meine Frage, ob denn jene integrierte Deutsche, die zuvor kein Kopftuch getragen hat, aber mit der Annahme der islamischen Religion beginnt, es zu tragen, dadurch nicht mehr integriert sei, meinte er: „Ja.“ Daraufhin erwiderte ein anderer Lehrer: „Ich sehe das mit der Integration so, wie diesen Raum hier. Dieser Raum besteht aus verschiedenen Bestandteilen wie dieser Wand, diesem Fenster und dieser Tür. Ob dieses Fens­ter meint, einen Vorhang haben zu müssen oder nicht, es bleibt in seiner Funktion weiterhin ein Fenster.“ Mit ­anderen Worten, es ist in das Gebäude integriert.

Dieses Lehrerargument – man möge ihm entschuldigen, dass er die Frau mit einem Fenster verglichen hat – zeigt eine offene und tolerante Grundhaltung, wohingegen die erste Sicht sich durch Intoleranz auszeichnet. Wieder nur nebenbei: Die Parole „keine Toleranz den Intoleranten“ dient nicht selten dazu, den anderen für Intolerant zu erklären, um dadurch die eigene Intoleranz zu legitimieren.

Annäherungskultur

Ich mag es nicht, wenn Menschen sich nur beschweren, ohne Lösungsansätze zu liefern. Was wir benötigen ist eine Kultur der Annäherung. So wie wir zum Beispiel von einer Streitkultur sprechen, die die Menschen dazu befähigt, Meinungsverschiedenheiten auszutauschen, ohne sich verbal oder körperlich zu verletzen, benötigen wir eine Annäherung, die das legale beziehungsweise legitime akzeptiert und bei Gegensätzen nach Kompromissen sucht.

Jede Kompromisslosigkeit führt zu Konflikten. Wenn eine Mehrheit Konflikte mit Macht oder Gewalt löst, etwa indem sie die Minderheit gegen ihren Willen zwingt, ihr das Gefühl von Ohnmacht vermittelt, sie entmündigt, ist eine gegenseitige Akzeptanz nicht zu erwarten. Dabei darf es nicht allein nach den Interessen von Mehrheit oder Min­derheit gehen; der Maßstab für beide muss ­vielmehr die Gerechtigkeit sein. Wenn wir diese Gerechtigkeit auf das konkrete Beispiel der Moscheebauten in Deutschland anwenden, dann hätten wir einen Maßstab, an dem wir die verschiedenen Argumente und Positionen messen ­können.

Schlusswort

Ein muslimischer Lehrer aus Niedersachsen meinte über eine Folge von „Hart aber Fair“ (WDR), in der auch zwei muslimische TeilnehmerInnen zu Gast waren (Pierre Vogel und Özlem Nas): „Ich hatte den Eindruck, dass die Türkin mit dem Kopftuch eher integriert war als dieser Mann da“ (Anmerkung: der deutsche Muslim). Ist es möglich, dass es Türken gibt, die integriert sind und Deutsche, die es nicht sind?

Man denke da an die Debatte um die Beherrschung der deutschen Sprache, wo in dem einen oder anderen Sketch gezeigt wurde, dass es Türken gibt, die besser Deutsch sprechen als so mancher Deutsche. So verwundert es mich nicht, wenn Kabarettisten manche Themen viel transparenter vermitteln können als so mancher wortgewandte Politiker.

Sollte eine Wahl zwischen politischen Parolen und einer komödienartigen Vermittlung bestehen, entscheide ich mich für die Letztere. Als etwa Ralph Giordano in einem Fernsehduell (auf KStA TV) mit dem Dialogbeauftragten der DITIB Bekir Alboga seine Intoleranz gegen Kopftuch tragende Musliminnen zum Ausdruck bringt, indem er sie mit Pinguinen vergleicht, reagiert Alboga empört und bittet Giordano, die Würde dieser Menschen nicht zu verletzen.

Ein Komödiant hätte sicherlich gesagt: „Wieso, was haben Sie gegen katho­lische Nonnen in unserem Lande?“ Und ich meine, wir sollten fromme Nonnen wie orthodoxe Christinnen mit Kopftuch genauso akzeptieren – von denen es vielleicht sogar mehr in Europa gibt als Kopftuch tragende Musliminnen – wie auch die Satiriker und Polemiker. So beende ich meinen Beitrag, nein, nicht mit einem Spruch des Propheten, sondern als ein Muslim – der sich nie gefragt hat, ob er integriert sei oder nicht – mit einem Spruch von Voltaire: „Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass du es sagen darfst.“

Und wer mir das abnehmen mag, kann ruhig rufen: „Hurra, er hat sich ­integriert!“

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