IZ News Ticker

Viele US-Juden trauen Trump nicht

Der Präsident übersieht, dass die meisten jüdischen Wähler sich vorrangig als Amerikaner definieren

Werbung

Foto: The White House, Joyce N. Boghosian, via flickr | Lizenz: Public Domain

Was Trump als innenpolitisches Erbe hinterlässt: Wie eine Hypothek lastet auf dem Präsidenten der sprunghaft gestiegene Antisemitismus während seiner Amtszeit. Laut Anti-Defamation League sind antisemitische Übergriffe 2019 um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Von Thomas Spang

Washington (KNA). Fünf Prozent der Stimmen sind mehr als die Differenz, mit der Kandidaten bei den US-Präsidentschaftswahlen gewöhnlich Florida gewinnen. Seit Jahrzehnten werden die 29 Wahlmänner hier mit deutlich geringeren Abständen an den Sieger vergeben; zuletzt 2016 mit weniger als einem Prozent. Was erklärt, warum Donald Trump die rund 650.000 jüdischen Wähler im Sonnenstaat ins Visier genommen hat.

Obwohl mehr Juden in den von Demokraten dominierten Staaten New York und Kalifornien leben, haben Amerikaner jüdischen Glaubens laut Ira Sheskin vom „Jewish Demography Project“ der Universität Miami „nirgendwo mehr politischen Einfluss“ als im „Swing State“ Florida. Und sie wählen. 95 Prozent haben sich für die Wahl registrieren lassen, die Hälfte davon ist über 65.

Mehr als 80 Prozent von ihnen leben im Süden Floridas, eine beträchtliche Zahl in der Nachbarschaft der Präsidenten-Villa von Mar-a-Lago in Palm Beach. In Trumps Vorstellung verhalten sich Juden, wie er sich einmal beschwerte, „illoyal“ gegenüber ihrem Glauben, wenn sie Demokraten wählen. Denn kein Präsident habe „so viel für Israel getan“ wie er.

Er übersieht dabei, dass die meisten Wähler jüdischen Glaubens sich in erster Linie als Amerikaner definieren, denen Israel so sehr am Herzen liegt wie US-Katholiken Rom. Für die Mehrheit steht die Nahost-Politik, wie das „Jewish Electorate Institute“ feststellt, weit hinter den Themen Pandemie-Krisenmanagement, Wirtschaft und Gesundheitsversorgung. Nur sechs Prozent halten das Thema Israel für besonders wichtig.

Für die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem bekam Trump vor allem Beifall von den evangelikalen Christen, die auch das sogenannte „Abraham-Abkommen“ zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain für wichtiger halten als die jüdischen Wähler. Frustriert hat den Präsidenten auch, dass seine allzu offenkundige Nähe zu Israels Premier Benjamin Netanyahu in dem jüdischen Wählersegment nichts bewegt.

2019 ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Pew, dass 42 Prozent der US-Juden Trumps offensive Parteinahme für Israel nicht gutheißen. Dass US-Juden „eine rechtsgerichtete US-Nahostpolitik unterstützen“, sei ein „totaler Mythos“, so der Präsident der liberalen jüdischen Organisation „JStreet“, Jeremy Ben-Ami.

Aktuell findet Trump nur nennenswerte Unterstützung bei den orthodoxen Juden. Doch die machen nur zehn Prozent der US-Juden aus. Zu wenig, um wahlentscheidend zu punkten. Daran ändern auch die 50 Millionen Dollar nicht, mit denen der Milliardär Sheldon G. Adelson Trump unter die Arme greift.

Traditionell wählen amerikanische Juden Demokraten, die ihnen sozial- und gesellschaftspolitisch näher sind. Schon vor knapp 100 Jahren stimmten mehr als 70 Prozent für den unterlegenen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Smith, 82 Prozent votierten 1932 für Franklin D. Roosevelt. Und die jüdischen Stimmen für Demokraten steigerten sich in den 1940er-Jahren sogar auf über 90 Prozent.

Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Mike Bloomberg trägt seinen Teil dazu bei, dass es so bleibt. Er ließ für Joe Biden in Florida 100 Millionen Dollar springen. Ein Teil davon fließt in die Konsolidierung der jüdischen Stimmen.

Dort wiegt schwerer, was Trump als innenpolitisches Erbe hinterlässt: Wie eine Hypothek lastet auf dem Präsidenten der sprunghaft gestiegene Antisemitismus während seiner Amtszeit. Laut Anti-Defamation League sind antisemitische Übergriffe 2019 um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Zwei Drittel der US-Juden geben an, sich unter dem Präsidenten, der sich von seinen medialen Unterstützern als „der Auserwählte“ und „König von Israel“ feiern lässt, weniger sicher zu fühlen, als noch vor einem Jahrzehnt.

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Neueste Artikel von Sulaiman Wilms (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen