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„Vielfalt ist das Erfolgsrezept unserer Art“

Neues Buch über den Kampf gegen Verschwörungsmythen. Von Leticia Witte

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Foto: Freepik.com

Michael Blume ist Antisemitismusbeauftragter von Baden-Württemberg. In seinem neuen Buch entlarvt er Verschwörungsmythen und gibt Tipps, wie man gegen sie vorgehen kann. Der Band zeigt: Die Lage ist nicht hoffnungslos.

Bonn (KNA). In der Corona-Pandemie haben sie Konjunktur, aber verschwunden waren sie nie: Verschwörungsmythen. Sie muten oft wirr an. Dass sie auch sehr gefährlich sein können, zeigt der Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, eindrücklich in seinem neuen Buch. Es ist seit Donnerstag im Handel erhältlich und trägt den Titel „Verschwörungsmythen – woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“.

Blume spannt einen Bogen von der Antike bis zu US-Präsident Donald Trump. Er widmet sich dem antisemitischen Rothschild-Verschwörungsmythos und der Ideologie der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Darüber hinaus streift er die Gedankenwelt des Philosophen Martin Heidegger und das mörderische Vorgehen von Hitler und Stalin. Auch beleuchtet er die Rolle verschiedener Medien bei der Verbreitung von Mythen.

Dass Blume den Begriff „Verschwörungstheorie“ ablehnt, machte er schon in seinem Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“ deutlich. Ohnehin baut der neue Band weiterführend auf dem 2019 erschienenen Vorgänger auf.

Um einen Verschwörungsglauben aufzulösen, setzt Blume auf die sachliche Entlarvung. Und dazu dient eben auch die Ablehnung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ zugunsten von „Verschwörungsmythos“ oder „Verschwörungsfantasie“: Dass es sich um eine Theorie handeln solle, sei „zu viel der Ehre“. Denn Theorien seien wissenschaftlich überprüfbar, Mythen nicht. Deren vermeintliche Glaubwürdigkeit stamme aus „schierer Verbreitung und lediglich gefühlter Plausibilität“.

Bei dem Glauben an eine angebliche antisemitische, endzeitliche oder wie auch immer geartete Verschwörung gehe es oft um Emotionen und Ängste aufseiten der Anhänger, aber auch der Verbreiter. Denn diese seien darauf angewiesen, ihre Anhänger in geschlossenen Kreisen zu halten und Debatten mit Andersdenkenden zu unterbinden.

Ideologen propagierten ein Freund-Feind-Schema. Dessen Macht breche jedoch zusammen, wenn die Anhänger Zeit zum Nachdenken bekämen oder in engeren Kontakt zu Andersdenkenden gerieten. Deshalb zielten Verschwörungsgläubige wie Adolf Hitler nicht auf Mitdenker, sondern Mitläufer, so Blume.

Am Beispiel rechtsgerichteter und anderer populistischer Parteien erläutert Blume, dass schon die pure „Entschleunigung“ durch Regeln im Parlament – Debatten mit Rednern unterschiedlicher Fraktionen und mehrere Lesungen – zum Zerfall radikaler Bewegungen führen könne. Wer „erfolgreicher“ sein wolle, müsse seine Anhänger „ständig in Erregung“ halten.

Blume schreibt, dass formal hohe Bildung nicht vor dem Glauben an Verschwörungsmythen schütze. Das gelte für Anhänger oder Gründer jüngerer Gruppen wie „Heaven’s Gate“ oder dem „Sonnentempler“-Orden sowie für führende Nationalsozialisten: Viele seien akademisch gebildet gewesen und hätten teils einen Doktortitel gehabt.

Blumes Verdienst ist es, spannend und verständlich über sein Thema zu schreiben, aus seiner praktischen Arbeit zu berichten und den Leser auch direkt anzusprechen. Und deutlich zu machen, dass er niemanden verurteilen, sondern aufklären möchte. Zusätzlich gibt er Ratschläge für den Umgang mit Verschwörungsgläubigen.

So müsse man sich klar machen, dass es meist ein emotionales Thema sei: Anstatt mit jemandem über seine „Theorien“ zu diskutieren, könne man fragen, welche Emotionen und Ängste sich dahinter verbergen. Sinnvoll könne es zudem sein, auf seriöse Bücher, Podcasts und Blogs zu verweisen.

In Fällen, in denen zu befürchten sei, dass ein Betroffener zu einer Tat schreiten werde, rät Blume zur Beratung mit Ausstiegsprofis. Und falls man es mit Erwachsenen zu tun habe, müsse man sich dem Umstand stellen, dass sie Verantwortung für ihr Denken trügen – und sich selbst als Angehöriger oder Freund schützen.

Blume betont, dass das Vorgehen gegen Verschwörungsmythen nicht der „Bewältigung“ von Vergangenheit diene. Stattdessen gehe es um die Zukunft – gerade, wenn junge Menschen betroffen seien. Die zentrale Botschaft sei: Menschen sind verschieden und dabei gleichwertig. Und: „Vielfalt ist das Erfolgsrezept unserer Art.“

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