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Vierzig Überlieferungen

Über die Besonderheit der „Arba’in“ von Imam An-Nawawi. Von Malik Özkan, Bremen

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Nach dem Qur’an zählen die prophetischen Äußerungen (die Ahadith, oder auch Hadithe) zu den wichtigsten Quellen der islamischen Lebensweise. Neben den großen Sammlungen von Gelehrten wie Imam Al-Bukhari oder Imam Muslim und vielen anderen, erfreuen sich gerade bei einfachen Muslimen die so genannten „Arba’in“ (oder „Vierzig“) großer Beliebtheit in ihrem religiösen wie spirituellen Alltagsleben. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte über die Überlieferung von vierzig Hadithen: „Wer vierzig Hadithe in Fragen des Dins für meine Umma bewahrt, den wird Allah am Tag des Jüngsten Gerichts in der Gesellschaft der Lehrer des Fiqh und der Leute des Wissens wieder auferwecken.“ Wichtig wäre an dieser Stelle zu erwähnen, dass, solange die traditionelle muslimische Wissensvermittlung Bestand hatte, prophetische Überlieferungen nicht aus Büchern – die die Funktion von Gedächtnisstützen in diesem Bereich hatten – gelernt wurden, sondern von Lehrern und Lehrerinnen genommen wurden.

Imam An-Nawawi

Eine der beliebtesten unter diesen Sammlungen1 ist sicherlich die des syrischen, schafi’itischen Gelehrten Imam Abu Zakarija Muhjiddin Ibn Scharafaddin An-Nawawi. Bekannt geworden ist sie in Deutschland unter dem Titel „Hadith für Schüler“ (übersetzt von ‘Abdullah Bubenheim).2 Imam An-Nawawi wurde 631 nach der Hidschra (1233 nach christlicher Zeitrechnung) im Dorf Nawa bei Damaskus geboren. Sein Name leitet sich von seinem Geburtsort Nawa ab. Er genoss, wie so viele in seiner Zeit, eine umfassende islamische Ausbildung. Schon vor dem Erreichen der Pubertät konnte er, wie viele normale Menschen zu jener Zeit auch, den gesamten Qur’an auswendig und war auch mit komplizierten Aspekten des islamischen Rechts [Fiqh] vertraut. Seine Eltern erkannten sein Potenzial und schickten ihn zu Lehrern nach Damaskus. Sobald er seinen Lehrstoff meisterte, wurde er selber zum Lehrer für andere. Imam An-Nawawi starb im Jahre 676 nach der der Hidschra im Alter von 45 Jahren.

Seine Positionen zu rechtlichen Fragen nach der schafi’itischen Madhhab gelten als Autorität. Als Richter (Qadi) suchten ihn die Menschen um Rat und für die Lösung von Streitigkeiten auf. Die Gelehrten, die Elite der Gesellschaft, aber auch die einfachen Menschen respektierten ihn wegen seiner Furcht vor Allah, seiner Gelehrsamkeit und seines ausgezeichneten Charakters. Er trug einfache Kleidung und nahm einfache Nahrung zu sich. Er hatte einen hohen Rang unter den herausragenden Gestalten des Islam zu seiner Zeit. Jemand sagte über ihn: „Imam An-Nawawi vereinte drei lobenswerte Eigenschaften in seiner Person. Wenn jemand auch nur eine von diesen drei hätte, würden ihn die Menschen als Quelle für Rechtleitung sehen. Erstens verfügte er über Wissen und verbreitete es. Zweitens hielt er sich von weltlichen Neigungen fern und drittens rief er zum Guten auf und zur Vermeidung des Falschen.“

Zu seinen vielen Schriften zählen unter anderem:

• Eine weitere Hadith-Sammlung, die sich heute noch größter Beliebtheit erfreut, das „Rijad As-Salihin“ (die Gärten der Rechtschaffenen), welches sich vorwiegend mit dem persönlichen Verhalten, Spiritualität und Lebensführung beschäftigt.

• Ein Kommentar (Scharh) des Sahih von Imam Al-Bukhari.

• Ein zusammenfassendes Handbuch des islamischen Rechts nach der schafi’itischen Rechtsschule.

• Eine Einführung in die Wissenschaft von den Hadithen.

• Eine Sammlung von Bittgebeten des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben.

Das Buch

Die ursprüngliche Absicht des Imams war es, diese Hadithe und ihre Erläuterungen den Muslimen auf eine Art und Weise zu präsentieren, dass sie nützlich für die Allgemeinheit sind. Seine Absicht war es niemals, bloß 40 prophetische Aussagen aufzuschreiben. Vielmehr wollte er sie mit einem Minimum an Fiqh und linguistischen Kommentaren versehen, die er für notwendig erachtete, damit die Menschen diese wichtigen Aussagen nicht falsch verstehen konnten. Dies war sehr wichtig, denn zwei große, frühe Gelehrte des Islam warnten bereits damals vor einem falschen Umgang mit dem prophetischem Quellenmaterial. Ibn ‘Ujaina sagte: „Ahadith sind eine Irreführung, außer für diejenigen, die Fiqh (hier ist ‘Verstand’ gemeint) haben“, und Ibn Wahb: „Jeder Mann des Hadith, der keinen Imam im Fiqh hat, geht in die Irre. Hätte Allah uns nicht durch Malik und Al-Laith gerettet, wären wir alle in die Irre gegangen.“

Aus einer Lektüre der Hadith-Literatur wird deutlich, dass die Gefährten des Propheten, die herausragende Gestalten des Fiqh waren, ihren Islam durch das Mittel des Taqlid erhielten, der die Weitergabe des Islam von einer Generation an die nächste sicherstellte. Taqlid bedeutet, dass die Menschen etwas mit dem Auge des Herzens sehen, was so überwältigend ist, dass sie ihm folgen – sei es bewusst oder unbewusst. Während dies keine Entscheidung ist, den Intellekt zu vernachlässigen, wird das Phänomen heute ungerechtfertigt als „blinde Nachahmung“ bezeichnet. Viele Muslime gehen davon aus, dass wir heute über mehr „Weisheit“ verfügten, weil wir in einem „aufgeklärterem“ technisch-wissenschaftlichem Zeitalter leben. Dies kann zumindest bezweifelt werden, ist das Maß der Aufgeklärtheit doch die edle Lebensführung des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und seiner Gefährten in Medina.

Für sie war die Begegnung mit dem Propheten so überwältigend, dass sie sich selbst nach ihm ausrichteten, manchmal auch in den kleinsten Gewohnheiten und Handlungen. Wie alle Eltern beobachten, ist dies ein wichtiger Teil des Prozesses, durch den Kinder lernen, wie sie erwachsene Menschen werden können. Dies kommt von dem eigentlichen Wesen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Wissen besteht nicht nur in der Anordnung von Lehrsetzung. Übertragung besteht nicht nur in der Weitergabe eines Lehrsatzes an jemand anderen. Die Absicht Imam An-Nawawis mit seinem Buch, welches er erst begann, nachdem er ein Bittgebet verrichtet hatte, war es, vierzig Hadithe zu sammeln, die die Essenz des Dins enthalten. Nicht nur war es dem Imam wichtig, sicherzustellen, dass alle aufgeführten Hadithe einen absolut korrekten Charakter haben, er versah sie auch mit einem erleuchtenden Kommentar. „Wer Sehnsucht nach der Nächsten Welt hat, für den ist die Kenntnis dieser prophetischen Offenbarungen nützlich“, schrieb er im Vorwort zu seiner Sammlung.

1 Eigentlich enthält sie 42 Hadithe

2 Diese Ausgabe hebt sich vor anderen Übersetzungen hervor, weil sie auch die für das Verständnis wichtigen Kommentare enthält.

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