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Vom Elfenbeinturm zur Willkommenskultur

Themenschwerpunkt Buch: Islam als Teil der deutschen Bücherwelt. Ein Bericht aus Leipzig

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(iz). Die Leipziger Buchmesse 2018 und ihre bürgerschaftliche Verlängerung, das größte europäische Lesefest „Leipzig liest“, spiegelten die Vielfalt des geschriebenen Wortes in Form von Belletristik, Sachbuch, Lyrik, Fantasy, Hörbuch, Film, Musik und Performance wider. Integraler Bestandteil seit Jahren ist auch eine immense Beteiligung islamischer Verlage und muslimischer Autoren. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse wurde dieser Bereich nun noch um einige Nuancen erweitert. Neben Verlagen aus den Metropolregionen Deutschlands und muslimischen Ländern präsentierten sich auch Buch-Projekte aus bevölkerungsschwächeren Bundesländern wie Sachsen-Anhalt.

Der gebürtige Syrer Ammar Awaniy aus Magdeburg präsentierte tagsüber auf dem Messegelände und abends in der verschneiten Stadt bei „Leipzig liest“ sein Buch „Fackel der Angst. Von Homs nach Magdeburg“. Der tatarische Historiker und Stereotypen-Forscher Dr. Marat Gibatdinov präsentierte zusammen mit seinem deutschen Kollegen Dr. Mieste Hotopp-Riecke gleich drei Buchneuheiten als deutsch-tatarische Koproduktionen. Das neueste Buch „Beyond the Tartaros. A Muslim World in the Heart of Europe“ – eine gemeinsame Publikation tatarischer Historiker mit deutschen WissenschaftlerInnen – stellt genau das in den Mittelpunkt, was derzeit wieder einmal hysterische Medien- und Politikdiskurse füllt, nämlich die schlichte Aussage, dass der Islam seit Jahrhunderten zu Europa gehört wie die zwei anderen monotheistischen Weltreligionen auch. Da ist es wegweisend, wenn mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung in diesem Jahr der französische Schriftsteller Mathias Énard ausgezeichnet wurde. Sein Roman „Kompass“ zeige, so die Jury, wie die islamische, christliche und jüdische Tradition ineinandergriffen. Doch nicht nur unter der alteingesessenen Bevölkerung Mitteldeutschlands, sondern auch unter zugewanderten oder nach Europa geflüchteten Menschen ist diese lange Geschichte noch recht unbekannt. Da gibt es durchaus einen Erkenntnisgewinn bei Treffen von syrischen und tatarischen Autoren auf der Buchmesse Leipzig.

Den Büchern des gebürtigen Syrers Awaniy und der tatarisch-deutschen Autoren-Teams ist dabei eines gemein: Wichtig war nicht nur das zwei- oder dreisprachige Produkt, sondern vor allem das interreligiöse beziehungsweise internationale Projekt, der gemeinsame Weg zum Buch. Und diese Wege zum jeweiligen Buch begannen in Magdeburg: Die Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung (lkj) als auch das Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT) pflegen seit Jahren engen Kontakt zu Migrantenselbstorganisationen und Islamischen Gemeinden Mitteldeutschlands einerseits sowie der Akademie der Wissenschaften Tatarstans und deutschen Universitäten andererseits. Ein Wissenstransfer vom akademischen Elfenbeinturm in die NGO-Landschaft hinein und umgekehrt sowie der Bedarf einer vielfältiger gewordenen Gesellschaft nach fachlicher Expertise ergänzten sich, so Gibatdinov.

Im letzten Jahr sagte Esra Kücük, Mitgründerin der Jungen Islam Konferenz: „Wenn es Europa heute nicht gäbe, wäre das genau der Zeitpunkt, Europa neu zu erfinden.“ Damit habe sie Recht, findet der Historiker Gibatdinov, doch solle man sich von vornherein nicht auf EU-Europa beschränken und den autochthonen Islam des Balkan und Russlands mitdenken, Austausch fördern, den Euro-Islam-Diskurs in Ost und West verbinden. Dass dies extremistische Perspektiven auf die Muslime weder in Russland noch in Deutschland gänzlich verhindern könne, sei trotzdem klar. Aber jeder Direktkontakt zwischen Alteingesessenen und vermeintlich „Fremden“ würde Stereotypen aufbrechen helfen.

Sowohl Awaniy als auch Gibatdinov wunderten sich etwas über die teils heftigen Debatten um die Teilnahme rechter Verlage an der Buchmesse, die explizit islamfeindliche Positionen vertreten. Linksradikale als auch rechtsradikale Verlage stehen jedoch nunmal für die pluralistische Verlagslandschaft in Deutschland, wobei sich die Rechten mit ihren Positionen selbst ins Abseits gestellt haben. Während auf dem gesamten Messegelände und auf dem Lesefest islamische Verlage und muslimische Autoren selbstverständlicher Bestandteil der Leselandschaft waren und keinerlei Sicherheitsmaßnahmen sich aufdrängten, agierten die Rechtsaußen-Verlage in Halle 3 in einem selbst geschaffenen Klima von Einschüchterung und verkniffener Aggressivität.

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, zugleich Mitautor des Buchs „Mit Rechten reden“, wies im Gespräch mit dem Deutschlandfunk darauf hin, dass „Zensur“ nur vom Staat ausgeübt werden kann. Als Dialogpartner in einem Gespräch habe er als Redner nicht die Gewalt, einen anderen in seiner Meinung zu zensieren. Man könne den anderen in solchen Situationen aber darauf hinweisen: „Wer beklagt, dass seine Meinungsfreiheit unterdrückt wird, wenn man ihm eine Meinung entgegenhält, dann ist faktisch er es, der die Meinung desjenigen unterdrücken will, der ihm widerspricht.“ Die Leipziger Stadträtin der Partei DIE LINKE, Juliane Nagel, argumentierte: „Die rechten Netzwerke, die am Wochenende auf der Buchmesse ihre Muskeln spielen ließen, sind es, die die Meinungsfreiheit bedrohen, weil sie bestimmten Gruppen von Menschen das Recht auf freie Meinungsäußerung aberkennen. Weil ihre Denkweisen radikal gegen Menschenrechte und Demokratie gerichtet sind.“

Awaniy und Gibatdinov, der syrische Magdeburger und der tatarische Forscher, wollen nächstes Jahr wiederkommen. Dann mit einem gemeinsamen Buch. Zusammen mit den deutschen Kolleginnen und Kollegen von lkj, ICATAT und dem Brandenburg-Preußen-Museum werden 35 deutsch-islamische Kulturgeschichten aus Mitteldeutschland erzählt. Vorher jedoch wird Awaniy sich von Magdeburg aus auf den Weg nach Tatarstan machen, denn das Interessante gilt ja schließlich den Wegen zum Buch, auch wenn sie weit sind.

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