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Vom Häuten der Zwiebel

Heiß umkämpft und verzweifelt gesucht: Die Frage nach der Identität verbindet Europas Muslime und Nichtmuslime

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Foto: Pixabay

(iz). Zu den Auszeichnungen, an einem muslimischen Medienprojekt mitarbeiten zu dürfen, gehört auch, mit vielen – gerade jungen – Muslimen und Nichtmuslimen ins Gespräch zu kommen. Jeder dieser beeindruckenden, dynamischen Leute hat seine eigene Herkunft, seinen Ausblick auf das Leben und seine ganz eigenen Erwartungen an die Zukunft. Was sie in ihrer Mehrheit eint, ist das Bewusstsein, einer neuen Generation von Muslimen in Deutschland anzugehören.

Gesucht und gefunden
Die moderne (wenn nicht postmoderne) Frage nach „Identität“ spielte für unsere jungen Gesprächspartner nur insofern eine Rolle, als dass sie für sich entschieden haben, dass „deutsch“ und „muslimisch“ keine Ausschlusskriterien sind, dass sie ihre Existenz positiv annehmen und das Thema keine wichtige Funktion in ihrer Identität einnimmt. Ironischerweise sind es seit geraumer Zeit oft professionelle Stimmen, die die Frage nach „Identität“, oder gar nach einer „multiplen“ oder „hybriden“, in jeder möglichen Variante durchspielen. Das kann sogar berufsbildend sein und wird dann in Form von Doktorarbeiten, Buchtiteln, Slogans von Symposien und Studiengängen verwurstet.

Und, je fragmentierter unsere europäischen Gesellschaften sind, desto häufiger ist das Wort als Bestandteil der ideologischen Sinnstiftung zu hören. In Europa ist aus der Neuen Rechten bereits eine „Identitäre Bewegung“ entstanden, deren Eckpfeiler gerade auch in der Ablehnung des Anderen, hier vor allem des Muslims, besteht. Auch unter Muslimen ist gelegentlich, wenn nicht Verwirrung, aber doch Debattenbedarf zu erkennen. Das spiegelt sich beispielsweise beim sensiblen Thema „Kopftuch“ wider, wenn Musliminnen ein Kleidungsstück als integralen Teil ihrer Identität beschreiben.

Grundlegendes
Im Arabischen wird das Wort „Hawija“ häufig für Identität benutzt. Was wir heute darunter verstehen, lässt sich aus „huwa“, „er“ oder „es“, ableiten. Im modernen Arabisch steht es in Verbindung mit dem Personalausweis beziehungsweise einer Identitätskarte; und gilt auch für biometrische Details wie Geburtsdatum, Biografie und Familienverbindungen. In der Philosophie verwendet man es zur Beschreibung der Natur oder Essenz einer Sache. Ein anderes Wort ist „Schakhsijja“, das sich als Persönlichkeit, Person, Charakter oder Figur übersetzen lässt.

Ein weiterer, hiermit in Verbindung stehender Begriff ist „Nafs“; das erfahrende Selbst. Im Qur’an wird die Nafs in drei Kategorien beschrieben: das vorwurfsvolle Selbst; das Selbst, das zum Schlechten aufruft sowie dasjenige, das im Frieden ist. In anderen Worten, die Nafs kann entsprechend ihrer Stimmungen und ihres Verhaltens in einen dieser Zustände geraten oder sich auch permanent darin befinden.

Paradoxerweise, so der Imam und Gelehrte Dr. Asadullah Yate, lasse sich sagen, dass, je größer die Persönlichkeit einer Person und je profunder ihre Identität ist, desto weniger sie „Individualität“ im modernen Sinne habe; je größer die Persönlichkeit, desto kleiner die Sichtbarkeit des Egos/der Nafs. In einem Hadith Qudsi heißt es: „Ich bin in der Meinung Meines Sklaven über Mich.“ Wenn der Diener die Unermesslichkeit seines Herren verstehe, dann begreife er die Bedeutungslosigkeit seiner Nafs.

Je mehr der Sklave die Eigenschaften des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, annehme, desto mehr verabschiedeten sich seine Individualität und sein Ego in die Obskurität. „Untersucht man die Bücher über die großen Männer und Frauen des Islam“, so Dr. Yate, „dann sind es nicht ihre persönlichen Züge, die als wichtig aufgezählt werden, sondern beispielsweise viel mehr ihre Handlungen, ihre Schriften, ihre Lehren, ihr Mut, ihre Großzügigkeit, ihre Furcht vor Allah sowie ihre Unverbundenheit mit den Dingen der Welt.“

Nach Ansicht des Gelehrten sind jedoch das Land, aus dem eine Person stammt, und die dazugehörigen Gebräuche evident. Ein umfassendes Verständnis von der Identität eines Muslims finde sich, so Dr. Yate, in der Aussage eines der größten unterrichtenden Schaikhs dieser Zeit: Der Charakter einer Person ist die Kristallisation von Ereignissen, die um eine Lichtquelle kreisen. In anderen Worten, der Kern einer Person ist das Licht ihres Herzens, das von den Turbulenzen ihres Egos beeinflusst wird. Diese wiederum entstammen ihrerseits aus den persönlichen Ereignissen ihrer individuellen Geschichte. Wird diese Turbulenz als das gesehen, was sie ist, wird ein Muslim nicht die „Persönlichkeit“ von jemandem bewundern, sondern vielmehr betrachten, in welchem Maße sein Licht in seinen Handlungen zur Realität wird.

Selbst und Bild
Schaikh ‘Abdalhaqq Bewley beschreibt die Entstehung von „Identität“ als Entwicklungsgeschichte: „Ausgehend vom Augenblick der Geburt wird die individuelle Identität eines Menschen unausweichlich aufgebaut. Jeder hat gewisse, bestimmende genetische Elemente, die seine physische Form und grundlegende Eigenschaften des Temperaments festlegen. Sie fallen mit den vielen Erfahrungen zusammen, die das frühe Leben ausmachen und das führt dazu, dass jedes Individuum ein mehr oder weniger festes Bild von seiner Identität hat. Dieses Selbstbild, die angenommene Identität, wird dann zum ‘Ich’, durch das jeder Mensch mit der Welt in Kontakt tritt.

Üblicherweise geschieht das auf eine mehr oder weniger freundliche Weise und die individuelle Identität der betreffenden Person wird auf eine vernünftige, gesunde und sichere Weise geschaffen. Manchmal geschieht es nicht nach diesem Muster und die Identität einer Person entsteht nicht ordentlich beziehungsweise erwächst beschädigt. Das führt gelegentlich zu negativen Folgen, während das Leben fortschreitet.“

Häuten der Zwiebel
Auf einen Titel des Schriftstellers Günter Grass bezugnehmend prägt IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger das Gleichnis einer Zwiebel und entwirft so ein Bild von „Identität“. Anstatt in Widersprüchen zu denken oder Probleme zu sehen, habe der Mensch unterschiedliche Identitätsschichten, die nicht gegensätzlich seien. Wichtig sei, was sich im Kern befinde. Und das, bei allen Unterschieden, sei bei praktizierenden Muslimen der religiöse und spirituelle Kern, die islamische Einheitslehre. Nach außen hin aber sei es völlig normal, dass, je nach Umstand des Augenblicks, verschiedene Schichten an die Oberfläche träten.

Die in Osnabrück arbeitende und lehrende Islamwissenschaftlerin Dr. Silvia Horsch-Al Saad äußerte sich vor einiger Zeit dazu gegenüber der IZ. Für sie stehe an erster Stelle als wesentliches Merkmal einer islamischen Identität der Bezug zu Allah. „Das ist der größere Maßstab, an dem man sich orientiert, statt an Menschen, von denen man meint, dass sie die eigene Gruppe darstellen. Man sollte das nicht verwechseln mit einer kulturellen Zugehörigkeit, die ohnehin immer sehr stark konstruiert ist – und im Falle einer türkischen oder arabischen Kultur in Deutschland noch mehr konstruiert ist, da sie sich ja außerhalb der jeweiligen Länder befindet“

Ein Problem?
Angesichts dieser vielschichtigen Gelassenheit im Umgang mit dem Thema stellt sich nun doch die Frage: Warum die ganze Aufregung? Haben wir nicht überhaupt die Gewissheit, dass es allein Allah ist, Der für sich eine feste Identität beanspruchen kann? Ist nicht alles andere, inklusive der Mensch und sein Selbst, permanent im Fluss?

Ilja Trojanow, Schriftsteller und Muslim, gab sich im IZ-Gespräch gelassen. „Ich komme aus Bulgarien, was an sich schon – im modernen Slang – sehr ‘multikulti’ ist.“ Ihm sei erst später bewusst geworden, nachdem er nach Indien gezogen sei und sich viel in Arabien aufgehalten habe, „wie orientalisch Bulgarien ist“. Die bulgarischen Bräuche, die Kultur und Mentalität seien geprägt durch orientalische Einflüsse. Als Beispiel dafür beschrieb er die auch in seinem Geburtsland beliebten Geschichten von Nasreddin Hodscha. So seien sufische Weisheiten zu einem Teil des bulgarischen Alltags geworden. Als bloß modernes Gedankenspiel will der Schriftsteller die Frage nach Identität aber nicht abgetan wissen. Bei früharabischen oder frühchinesischen Autoren habe es immer die Faszination über die Frage „Wie sehen uns die anderen?“ gegeben. „‘Wer sind wir und wie sind wir?’ war immer ein großes Thema.“

Auf der Suche
Wie Schaikh Bewley oben andeutet, ist die frühe Phase des Menschen der Augenblick, in dem sich zumindest ein Teil seiner Identität bildet. Daher ist es nicht nur kein Wunder, dass derzeit enorm hohe Summen von institutioneller Seite investiert werden, um die Identitätsbildung ausgewählter, junger Muslime zu beeinflussen. Es ist auch der Bereich, in dem sich Versäumnisse für die muslimische Community langfristig negativ bemerkbar machen.

In der Vergangenheit kam es häufig zu Brüchen in einer positiven muslimischen Identität, weil viele Eltern noch die Absicht hatten, irgend wann einmal „nach Hause“ zurückzukehren. In dieser Phase wurde der Jugend oft vermittelt, ihr Islam sei an die ethnische Herkunft der Eltern gebunden. Das führte dann folgerichtig auch zu Verwerfungen, wenn die Betreffenden sich aber hier heimisch fühlen wollten und, im Konflikt mit den Eltern, so auch ein gespaltenes Verhältnis in und mit ihrem Din entwickelten. Glücklicherweise hat hier längst eine positive Veränderung eingesetzt.

Der Publizist Eren Güvercin schließlich pflegt einen recht nüchternen Umgang mit dem Thema: „Ich als junger Muslim, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, finde diese ganzen Identitätsdebatten, wonach wir zwischen zwei Kulturen stünden, relativ nutzlos und öde. Sie haben mich nie interessiert. Ich pfeife drauf.“

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