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Vom In-der-Welt-sein

Psychologie: Transformierende Befreiung statt Paralyse der Analyse. Eine Einführung von Abdalhamid Evans

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Foto: Freepik

(MFAS). Das Thema des menschlichen In-der-Welt-seins ist enorm. Hier kreuzen sich Religion, Philosophie und Psychologie. Ich kann nicht umhin, grobe Verallgemeinerungen zu machen. Sie sollten als poetisch und weniger als wissenschaftlich aufgefasst werden. Ich fange mit dem an, was als das letzte Wort in Sachen In-der-Welt-sein gelten kann und das gleichzeitig die beste Eröffnung ist. „(Alles) Lob gehört Allah, dem Herrn der Welten, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen, dem König am Tag des Gerichts. Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe. Leite uns den geraden Weg, den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden!“ (Al-Fatiha, Sure 1, 1-7)

Der klassische Kommentar der letzten drei Zeilen dieser Sure besagt, dass die Gruppe, welche Zorn erregten, sich auf jene Juden bezieht, welche die Propheten ignoriert und das Gesetz vergöttlichten. Und die Gruppe der Irregehenden meint solche Christen, die das Gesetz ignorieren und ihren Propheten vergöttlichen.

Von hier aus möchte ich beginnen, das menschliche In-der-Welt-sein zu erkunden. Und gleichzeitig möchte ich den Versuch anstellen eine Perspektive zu eröffnen, aus der sich eine Sichtweise entwickeln kann, die unserem Leben mehr Bedeutung verleiht. Das Entstehen der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft war eines der herausragenden Kennzeichen des 20. Jahrhunderts. Jede hat den Anspruch auf eine genaue Beschreibung der inneren Prozesse des Menschen. Wie bei jedem theoretischen Rahmen trägt eine Schule den Stempel ihres Gründers. In diesem Zusammenhang können wir sehen, dass die wichtigsten Psychologieschulen Parallelen zu den führenden religiösen Gruppen hat. Um es mit den Worten von Ibn ‘Arabi zu sagen: „Wenn Du ein Modell des Universums aufstellst, machst Du nur ein Modell von Dir selbst.“

Psychologie in ihrem modernen Sinne ist ein europäisches und später ein amerikanisches Phänomen. Die Globalisierung von Kultur – ebenso ließe sich von Nicht-Kultur sprechen – bedeutet, dass diese Definitionen in allen Teilen der Welt zu finden sind. In Reflexion einer chronologischen Abfolge prophetischer Lehren von Musa und ‘Isa, Friede sei mit ihnen, bis zum letzten Gesandten, Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, erkennen wir, dass die westliche Psychologie eindeutig erkennbaren Mustern folgt. Unsere ­Betrachtung mündet in der Dallas-Schule. Sie reflektiert den Beitrag von Dr. Schaikh Abdalqadir as-Sufi und basiert auf einer Reihe von Arbeiten, die unter seinem Familiennamen geschrieben ­wurden. Sie repräsentiert eine islamische Perspektive.

Freud
Siegmund Freuds Doktrin enthalten einige Hauptelemente. 1. Der Ödipuskomplex, die Wahrnehmung, dass das Element der Fantasie eine stärkere Rolle in der Prägung des Menschen spielt als das Ereignis. 2. Die Behauptung einer Existenz des Unbewussten. Es definiert den Menschen in Begriffen seiner niedrigsten Elemente und Antriebe. 3. Dass die Gesellschaft „Recht“ hat. Es liegt am Individuum, sich anzupassen. Das Ausmaß seiner Unfähigkeit markiert den Umfang seiner Neurose oder Krankheit.

Es wurde seit Längerem erkannt, dass die Psychoanalyse ihrer Natur nach nicht transformierend ist. Sie ist nicht befreiend. Der Psychoanalytiker Philip Rieff beobachtete: „Eine Therapie, die so informativ ist wie die Analyse, kann (…) alle transformativen Therapien hemmen. In mancherlei Hinsicht ist die analytische Therapie offenkundig anti-transformativ … Nachdem er gezahlt hat, muss der Patient auch seine Schuld an Dankbarkeit dem Therapeuten gegenüber entrichten.“ Mit der Zahlung befreit er sich von der Notwendigkeit des Wandels. Er zahlt für das Privileg des Weitermachens. Man mag das eigene Rätsel lösen, das befreit einen nicht von Veränderung. Man kann dies Paralyse durch Analyse nennen.

Jung
Es ist nicht überraschend, dass viele aus Freuds innerem Zirkel weggingen. Carl Jung galt ursprünglich als Freuds Kronprinz und natürlicher Erbe. Sie trennten sich unter verbitterten Umständen. Ausgelöst wurde das durch Freuds Weigerung, sich der Anwendung seines eigenen Prozesses – aus Furcht vor Autoritätsverlust – zu unterwerfen.

Jungs Arbeit – analytische Psychologie im Gegensatz zur Psychoanalyse – stellt im gewissen Maße die spirituelle Fähigkeit des Menschen wieder her. Ihr Rahmen verblieb größtenteils in der freudianischen Sprache und ihren Definitionen. Er weitere diese aus, weil er sie zu eng fand, um menschliche Erfahrung zu reflektieren. Sprache und Definitionen sind mächtige Werkzeuge, die erheblich die Grenzen und Erwartungen der Leute – und Gesellschaften – festlegen.

Während Freud den Menschen in seiner Pathologie oder seines abnormales Verhaltens festlegte, formulierte er eine menschlich-psychische Typologie der Gegensätze: Introvertiert und extrovertiert, Denken und Fühlen, Wahrnehmung und intuitive Erkenntnis. Im jungianischen Rahmen wird Gesundheit inklusive geistiges Wohlbefinden zu einer Frage des Gleichgewichts. Er bewegte sich weg vom Konzept des Unbewussten hin zu einem kollektiven Unterbewusstsein. Jung erkannte, dass es erkennbare Archetypen im Spektrum menschlicher Möglichkeiten gibt. Diese Idee korrelierte mit Goethes Konzept eines Urphänomens.

Eine der Schlüsseleigenschaften der frühen psychologischen Schulen ist ihr Versuch einer korrekten Wissenschaftlichkeit. Sie betrachten den Menschen als Objekt. Und zwingen ihn in die engen naturwissenschaftlichen Kriterien von Messen und Beweisen. Sie trennen den Menschen von seiner gelebten Umwelt. Seine Sorge, Furcht und fehlende Sicherheit in der Welt gelten als Unfähigkeit zur Anpassung an diese. Es ist der Fehler des Einzelnen. Der gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Status wird niemals in Frage gestellt.

Boss
Der Schweizer Psychologe Dr. Medard Boss studierte kurz unter Freud wie unter Jung. Beide befriedigten ihn nicht. Er fand, dass deren theoretischer Rahmen nicht der gelebten menschlichen Erfahrung entsprach. Seine Einsicht war, dass man das menschliche Wesen nicht in ein Gestell zwingen könne, das es ihm verbietet menschlich zu sein.

Er war unzufrieden mit sogenannten Fakten von Subjekt und Objekt, Seele, Körper und  Außenwelt, den innerpsychischen Einheiten von Es, Ich und Über-­Ich etc. Nichts davon reflektierte eine Erfahrung seines Lebens. Boss war angezogen vom Konzept des Menschen als „Dasein“, das der Philosoph Heidegger vertrat. Er unternahm den Schritt, stieß alle bisherigen Theoriegebäude ab und studierte unter Martin Heidegger. Dessen Schüler, Mitarbeiter und Freund sollte Boss bis zum Lebensende bleiben.

Medard Boss’ Hauptwerke „Daseinsanalyse und Psychoanalyse“ und „Grundriss der Medizin“ sind noch für heutige Wissenschaftler von herausragender Bedeutung. Der Schweizer forderte philosophische Grundannahmen heraus, die jedem wissenschaftlichen Bemühen zugrundeliegen. Er zwingt uns zu einer Neu-Untersuchung der eigentlichen ­Basis dessen, wie wir real in der Welt funktionieren. „Jede ‘reine Tatsache’ ­einer Wissenschaft in einem bestimmten Zeitalter wird vorab durch die vorwissenschaftlichen Begriffe dieses bestimmten Zeitalters in Bezug auf den grundlegenden Charakter der Welt im Allgemeinen bestimmt“, beobachtete Boss.

Seine eigene Art in der Psychotherapie ließ ihn schlussfolgern, dass die mechanistische Weltanschauung, in der per Definition Patient und Therapeut gefangen sind, nicht angemessen ist. Die Aufgabe des Verstehens der „Welt“ des Patienten wird durch sogenannte wissenschaftliche Terminologie und Methoden behindert. Für ihn war es nötig, neu zu beginnen.

In seiner Beschreibung menschlicher Wahrnehmung gibt es keine Notwendig­keit für das Konzept des Unterbewussten. Sie erlaubt uns ein Verständnis von menschlicher Wahrnehmung und Verhalten mit größerer Klarheit, als es die theoretischen Modelle Freuds oder Jungs tun. Die mechanistische Sicht hat Gültigkeit bei bestimmten Dingen und bei einem bestimmten Maß an Fokussierung. Sie kann aber nicht auf Verhalten und Bewusstsein angewandt werden, ohne dabei die Essenz desjenigen zu verlieren, dem das Ereignis widerfährt – dem Menschen selbst.

Für Medard Boss beginnt Therapie mit einem grundsätzlichen Perspektivwechsel. Innerhalb der geteilten Aufmerksamkeit der therapeutischen Begegnung hält der Therapeut die Tür der Wahrnehmung zum Zustand oder den Umständen des Patienten offen. Und erlaubt es diesem, hindurch zu treten, um seinen Zustand in einem neuen Licht zu sehen. Und um sein Bewusstsein zu beanspruchen oder erneut zu beanspruchen.

In gewisser Weise ging für Boss das gesamte Spektrum von der Neurose bis zur Psychose auf die Vorstellung zurück, „in der Mentalität des Anderen gefangen zu sein“. Aufgabe von Therapie sei es, sich aus der Falle zu befreien und zum eigenen Gefühl von Authentizität zu gelangen. Diese könne in Verhalten umgesetzt werden, welches auf ein Erreichen des eigenen, höchsten Potentials gerichtet ist.

Dallas
Boss baute eine Brücke. Sie erlaubte, oder erzwang sogar, eine radikale Neueinschätzung der medizinischen und psychologischen Theorie und – impliziert – ihrer Praxis. Aber sie bleibt eine Brücke. Wie wir nach einigem Nachdenken beobachten können, gibt es keinen anderen Ort, zu dem wir die daseinsanalytische Weltsicht tragen können außer zur Tür des Islam. Sie gehen ineinander über. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass es bis zur Verständigung des Islam in Europa durch das Werk von Schaikh Abdalqadir, und spezifischer seine Arbeiten unter seinem Familiennamen Ian Dallas, dauern sollte, bis Boss’ Werk in einem deutlicheren Licht betrachtet werden kann.

Heideggers Begriff des „Daseins“ umfassend und gleichzeitig darüber hinausgehend, eröffnet er uns einen wirklichen Weg – im Gegensatz zum rein theoretischen. Es ist die lebbare menschliche Realität vom Menschen als Diener und Sachwalter (arab. kalif) des Schöpfers. Der Mensch ist nicht länger ein anderes Objekt in einer materiellen Welt. Seine persönliche Realität wie seine soziale Form wird zu einem einheitlichen Ereignis. Das persönliche Problem ist nicht länger verschieden vom sozialen. Beide sind Sichtweisen auf das gleiche Phänomen unter verschiedenen Fokusgraden.

Uns erneut mit einer authentischen Tradition verbindend, umgeht Dallas Freud und führt uns direkt zu Goethe und Nietzsche. So sehr Freuds Vision von Transformation entleert ist, ist Nietzsches Werk genaugenommen eine Entdeckung der Dynamik von Umwandlung. Heidegger hielt fest, dass die Nietzeanische Philosophie als Untersuchung eines einzigen Gedankens gesehen werden kann: der Übermensch, in sich eine Lehre von der Verwirklichung der höchsten menschlichen Möglichkeiten.

Schaikh Abdalqadir kommentierte in einem Buch wie folgt: „Heidegger definierte die fünf wesentlichen Kapitel der Philosophie Nietzsches so: 1. Nihilismus, 2.) Umwertung aller Werte, 3.) Wille zur Macht, 4.) ewige Wiederkehr des Gleichen, 5. Übermensch.“ Von der psychotherapeutischen Perspektive verkörpert dieser Fünf-Punkte-Plan die Dynamik einer authentischen therapeutischen Erfahrung. Sie ermöglicht dem Einzelnen die Verkörperung, was Boss als „seine eigenen, höchsten Möglichkeiten“ bestimmte. Für uns von Bedeutung in der Sichtweise Dallas’ ist, dass die Dynamik, welche für die Erneuerung eines Individuums gilt, ebenso auf die soziale Verjüngung zutrifft. In Wirklichkeit ist die Erneuerung des Individuums die Erneuerung der Gesellschaft. Nietzsches Psychologie des „Übermenschen“ ermächtigt und befreit. Es ist bedeutsam, dass es europäische Muslime brauchte, um das zu realisieren. Denn Nietzsche fehlte es an der Vision einer gelebten sozialen Realität, in welcher er den Übermenschen verorten konnte. Er blickte auf das Ende des Christentums und die unausweichliche Ankunft des Islam.

Es ist nicht schwer, eine Parallele zwischen dem gefangenen Individuum und der Gesellschaft zu erkennen, die gefangen ist im Griff von scheinbar geheimnisvollen Marktkräften. Diese bleiben ein nicht zu knackender Code. Die monetaristischen Experten werden zu psychoanalytischen Hohepriestern. Unsere Schulden sind auch unsere Schuld.

Das menschliche „Wesen“ – im heroischen und prophetischen Sinne – impliziert Anerkennung der göttlichen Autorität und Schaffung einer gerechten und gesunden Gesellschaft. Gefangen zwischen dem Fiskalstaat als Autorität eines strafenden Vaters und der Gattin als gescheiterter Mutterfigur, ist das ­Individuum gezwungen, sein ödipales Schicksal auszuleben.

Verknüpfen wir nun diese verschiedenen Stränge. Wir können sagen, dass man sich innerhalb Freuds Weltanschauung nicht wirklich ändern kann. Man ist eingeschlossen, gefangen. In Jungs Welt kann man sich losmachen, bleibt aber verloren in einem Labyrinth aus Symbolen; des eigenen Ortes niemals sicher. Boss nutzte Heideggers Einsichten zur Anwendung einer genuin wissenschaftlichen Phänomenologie, die es dem Menschen erlaubt, Mensch zu sein. Er verortet ihn allerdings nicht in einer sozialen Situation. Dallas verlagert das menschliche Wesen in einen neuen islamischen – oder wir können sagen medinensischen – ­Rahmen, in dem Dinge und Wesen in einem prophetischen Licht betrachtet werden können. Er gibt uns die Blaupause eines gesunden Menschen in einer gerechten Gesellschaft.

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Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

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