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Vom Leben auf dem Fluss

Südostasien: über den Alltag an den großen Strömen

Foto: Autorin

(iz). Während eines Interviews im Jahr 2014 erzählte mir der inoffizielle Sultan von Palembang, Sultan Iskandar Mahmud Badaruddin (seit 2006), dass er dem Fluss Musi vor einiger Zeit eine Spende (ind.: sedeqah) gemacht hat, und zwar in Form einer vollständigen Qur’anrezitation. Er hat einige Muslime, die den Qur’an auswendig gelernt haben, auf einem Boot über den Musi-Fluss fahren lassen, während sie den Qur’an rezitierten.

Auf meine Frage hin, warum, erklärte mir der Sultan, dass die Menschen so viel von dem Fluss nähmen, zum Beispiel Fisch, Wasser, Transportwege, Wohnraum, und soviel Schlechtes in den Fluss gäben, zum Beispiel Müll, giftige Abwässer, altes Öl, dass er fühlte, man müsse dem Fluss etwas zurückgeben und seine Energie verbessern. Die Qur’an-Spende für den Musi-Fluss, der dem Wasser verlorengegangene positive Energie zurückgeben soll, ist ein Beispiel für die enorme Wichtigkeit des Lebens mit, am und auf dem Fluß in Palembang, Südsumatra und in anderen Teilen Südostasiens.

Ähnlich wie andere große Städte in Südostasien wie zum Beispiel Bangkok und Phnom Penh oder auch Vientiane, liegt Palembang an einem großen Fluss, der das Leben in der Stadt beeinflusst. Ähnlich wie die anderen Städte, teilt der Fluss Palembang in zwei Hälften; eine wohlhabendere Hälfte (ind.: ilir), wo sich auch der Großteil des Handels und Regierungseinrichtungen befinden und einen ärmerer und weniger entwickelten Teil (ind.: ulu).

Ein wichtiges Element des Lebens auf dem Fluss sind schwimmende Häuser beziehungsweise bewohnte Boote, wie sie in vielen Teilen Südostasiens zu finden sind. In Thailand sind die „floating houses“ eine Touristenattraktion und vermehrt am Fluss Kwai, etwa in dem touristischen Zentrum Kanchanaburi anzutreffen. Das Wohnen auf dem Wasser wird hier zur exotischen Abwechslung für den gelangweilten Touristen, der sich nach der ihm verlorengegangenen Nähe zur Natur sehnt, ohne jedoch seine von Kindesbeinen an erworbene Bequemlichkeit aufgeben zu wollen.

Denn die schwimmenden Häuser für Touristen gleichen nicht der verhältnismäßig kargen Einfachheit, welche das Leben auf einem schwimmenden Haus wirklich mit sich bringt. Waschen, Toilettengang, Zähneputzen, Wäschewaschen und Trinkwassergewinnung werden traditionell im gleichen Fluss, mit dem gleichen Flusswasser vollzogen. In den traditionellen schwimmenden Häusern (ind.: rumah rakit) in Südsumatra, gibt es für all diese Aktivitäten eine bestimmte Stelle am, im, hinter, vor oder neben dem Haus. Der Vorteil eines schwimmenden Hauses im Vergleich zu einem Haus auf Pfählen ist, dass es sich dem Wasserpegel des Flusses anpasst und somit vor den Auswirkungen von Hochwasser nahezu geschützt ist.

Die Toilette in einem kleinen Holzverschlag, der etwas Privatsphäre bietet, befindet sich meist in einigem Abstand hinter dem Haus. Gewaschen oder gebadet wird vor dem Haus; dort wird gewöhnlich auch die Wäsche gewaschen. Das Wasser zum Trinken wird normalerweise früh am Morgen, wenn die wenigste sichtbare Wasserverschmutzung vorhanden ist, im vorderen Teil des Hauses in große Behälter gefüllt und dann lange gekocht, um es für den Gebrauch genießbar zu machen. Die Müllentsorgung findet auch im vorderen Bereich des Hauses statt, denn dort ist die Fließgeschwindigkeit des Wassers am höchsten und nimmt den Müll schnell mit sich fort.

Was danach vor allem mit Plastikmüll passiert, ist aus den Augen und aus dem Sinn. Dass an bestimmten Stellen im Fluss Müllinseln wachsen oder dass der Müll mit dem Fluss irgendwann an die Meeresmündung gelangt und dann ins Meer gespült wird, scheint niemandem bewusst zu sein. Was soll man auch mit ihm machen? Verbrennen, wie in großen Teilen Indonesiens, ist auf dem Wasser keine Alternative und eine geregelte Müllabfuhr gibt es in den allerwenigsten Teilen Südsumatras. Obwohl es in einigen Gemeinden mittlerweile öffentlich zugängliche Müllbehälter gibt, so ist doch die Praktik, Müll aufzuheben, um ihn später zu entsorgen, noch nicht in das Bewusstsein der Menschen vorgedrungen. Indem der Müll ins Wasser geworfen wird, entledigt man sich gleichzeitig der Verantwortung. Durch diese Müllentsorgung entstehen auch negative Energien im Fluss, wenn man der Logik des Sultans von Palembang folgt, weil ihm damit nicht der nötige Respekt entgegengebracht wird. Es sind diese negativen Energien, denen der Sultan von Palembang mit der Qur’anrezitation entgegenwirken möchte.

Das tägliche Bad findet gewöhnlich in einen dünnen Stoff (ind.: basahan) gehüllt statt und erlaubt kaum Privatsphäre; ja wird manchmal regelrecht zu einem sozialen Treff mit den Nachbarn, die ebenfalls gerade ihre tägliche Körperhygiene verrichten. Islamische Traditionen, die in Südsumatra zum Leben gehören, können in Bezug auf das tägliche Bad kaum beachtet werden. Nur sehr wenige Bewohner schwimmender Häuser haben sich neben dem Toilettenverschlag ein zusätzliches Häuschen für ein bisschen Privatsphäre während des täglichen Bades gebaut.

Das Wasser des Flusses dient auch der Verrichtung der islamischen Gebetswaschung (ind.: wudhu), die absolut notwendig ist, um die fünf täglichen rituellen Gebete zu verrichten. Das mag vielleicht auch einer der Gründe sein, warum man in ganz Südostasien vor allem alte Moscheen direkt am Flussufer findet. Selbst in Ländern wie Thailand, wo Islam eine Minderheitenreligion ist, kann man Moscheen an Ufern finden; so zum Beispiel in Bangkok. Der unmittelbare Zugang zu rituell reinem Wasser für die Gebetswaschung war vor allem in Zeiten, als es noch kein fließendes Wasser gab, von großer Wichtigkeit. An Orten, wo es die Möglichkeit, direkt am Fluss die Gebetswaschung zu erledigen, nicht gibt und auch Fließendwasser nicht vorhanden ist, hat man sich mit großen Wasserbecken zur Wasseransammlung beholfen. So zum Beispiel in Kampot in Kambodscha.

Wasser und Islam haben in Kambodscha eine weitere interessante Verbindung, denn viele Mitglieder der muslimischen Minderheit leben auf sehr kleinen Booten mit kleinem Unterschlupf. Das Boot ist Haus, Gebetsplatz, Schlafplatz und Arbeitsort, denn die Besitzer dieser Boote leben vom Fisch- oder Flussgarnelenfang. Auf dem alten Markt in Phnom Penh (Khmer: Psah Chah) zum Beispiel wird abends der Fang des Tages von den Frauen verkauft. Auch in Südsumatra ist das Leben der Bewohner der schwimmenden Häuser unmittelbar mit ihrem Arbeitsort auf dem Wasser verbunden. Da die Fisch-und Flussgarnelenbestände aufgrund von nicht-nachhaltigen Fischmethoden erheblich dezimiert sind, ist der Lebensunterhalt durch Fischen kaum mehr zu erbringen.

Viele Männer haben sich auf die Taximethode des Speedboatfahrens konzentriert und bringen Bewohner aus den Transmigrasi-Gebieten für ihre Einkäufe zu den Märkten in die größeren Städte. Da viele Transmigrasi-Gebiete besseren Zugang zu Flüssen als Anschluss an das Straßennetz haben, stellt dies eine relativ gute Einkommensquelle dar. Doch die Möglichkeiten, vom Fluss die Familie zu ernähren, sind stark begrenzt.

Auch die ständigen Reparaturmaßnahmen, die notwendig sind, um ein schwimmendes Haus wohnbar zu halten, können finanziell eine große Herausforderung sein. Holz ist zu einem teuren Rohstoff geworden. Die großen, kräf­tigen Baumstämme, die notwendig sind, um das Haus schwimmend zu halten, sind nicht mehr erhältlich. Abgeholzt. Seit langem haben große leere Benzinfässer ihre Stelle eingenommen. Die machen jedoch die Häuser instabil. Außerdem ist Holz nur begrenzt haltbar. Durch die ständigen Bewegungen, ­welchen die schwimmenden Häuser auf dem Wasser ausgesetzt sind, und die Feuchtigkeit, muss ständig ausgebessert werden. Das kühl-feuchte Klima vor allem in der Nacht ist besonders für ältere Leute unangenehm.

Und nicht zuletzt sehnen sich viele Bewohner der schwimmenden Häuser nach Jahren oder Jahrzehnten auf dem Wasser nach festem Boden unter ihren Füßen. Sie sehnen sich nach der Stabilität, die die Erde mit sich bringt, danach, Hühner oder Enten zu halten oder etwas Gemüse anpflanzen zu können. Dies sind einige Gründe, warum die schwimmenden Häuser in Südsumatra immer weniger werden. Wer heute vom schwimmenden Haus auf das Festland zieht, der kann sein (altes) Haus meist noch gut verkaufen. Doch nicht etwa an Leute, die darin wohnen möchten, sondern an Holzinteressenten. Die großen alten Baumstämme sind begehrt in einer Gegend, wo Holz, obwohl scheinbar unbegrenzt vorhanden gewesen, mehr und mehr zum Luxusgut wird, weil ein paar gefüllte Umschläge an der richtigen Stelle ganze Wälder abholzen können.

Geschichtlich ist das schwimmende Haus in Palembang in Südsumatra dadurch entstanden, dass Fremde zur Zeit des Sultanats Palembang Darussalam (1823 aufgelöst durch die niederländische Kolonialmacht) kein eigenes Land besitzen durften und somit auch keine Häuser an Land bauen konnten. Ihnen blieb die Alternative, sich auf dem Fluss Musi anzusiedeln. Vor allem Chinesen waren damals Bewohner der schwimmenden Häuser, die zu der Zeit noch aus Bambus gebaut wurden. Später und bis heute sind die schwimmenden Häuser vor allem für Leute ohne eigenen Grund und Boden oder für junge Familien, für die der Platz im Mehrgenerationenhaus im Heimatdorf zu klein geworden ist, eine Alternative. Auch für Menschen auf der Suche nach Arbeit war das schwimmende Haus bis vor Kurzem eine alternative Wohnform.

Mittlerweile jedoch wird das schwimmende Haus in Südsumatra mit seinem langsamen Verschwinden zu einem Erinnerungsobjekt, dass es wehmütig festzuhalten gilt. Man möchte mit dem „rumah rakit“ werben und Touristen anlocken, in eine Gegend, die vom internationalen Indonesien-Tourismus eher unbeachtet bleibt.

Doch konkrete Maßnahmen von offizieller Seite gibt diesbezüglich kaum. Es sind eher Wunschvorstellungen von ein paar lokalen Kulturaktivisten, die das schwimmende Haus als kulturelles Erbe erhalten wollen. Als Motiv dient es einheimischen Künstlern schon lange. Besonders in der traditionellen Lackmalerei taucht es immer wieder auf.

Die Flüsse Südostasiens dienen auch dem Handel, Verkauf und nicht zuletzt dem Transport von Waren und Gütern. Schwimmende Märkte oder kleine Boote, die das lebensnotwendige an die Bewohner auf den Flüssen verkaufen, doch auch große Boote und Schiffe, die die Ernten aus den Plantagen in die Städte oder zu den Häfen transportieren, gehören zu dem Bild der Flüsse in Indonesien, Thailand, Kambodscha, Vietnam oder Laos. Transportschiffe, die langsam tuckernd meterlange zusammengebundene Kautschukbündel durch den Fluss ziehen, aufgetürmte Baumstämme auf großen Booten oder ein gemischtes Warenangebot auf kleinen Einmann-Paddelbooten. Viele der Transportschiffe in Südsumatra dienen gleichzeitig als Wohnstätte für ihre Besitzer. Man könnte ihre Bewohner als Flussnomaden auf Zeit bezeichnen, die von Ort zu Ort und Markt zu Markt fahren, um ihre Waren anzubieten oder verschiedenste Güter zu transportieren. In ihrer umherziehenden Lebensweise ähneln sie den verschiedenen Gruppen von Seenomaden (wie den Bajau Laut, Orang Laut, Selung, Chao Leh), die in Südostasien beheimatet sind und hauptsächlich halbnomadisch leben oder heutzutage häufig schon einen großen Teil ihres Lebens sesshaft sind.

Das Leben auf, an und mit den Lebensadern Südostasiens ist eng mit den lokalen Kulturen verwoben. Mit dem unaufhaltsamen Fortschritt, der neben vielen positiven Dingen auch negative Aspekte mit sich bringt, wird das sensible Gleichgewicht der Flüsse oft gestört. Natürliches Nehmen und Teilhaben der Menschen an der Natur, wie es lange Zeit geschah, wurde durch das natürliche Reinigungssystem der Flüsse ausgeglichen. Doch die vermehrte Verschmutzung und Missachtung der Wassersysteme stört das empfindliche Ökosystem zunehmend. Die Versuche, dieses Dilemma durch spirituelle Aufmerksamkeit, wie in Palembang, zu lösen, ist eine Möglichkeit, die jedoch durch weitere Maßnahmen ergänzt werden muss.

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Azizah Seise

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