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Vom schwierigen Versuch, in dürftiger Zeit über die Freiheit zu schreiben. Ein Beitrag von Sulaiman Wilms

Die Realität eines Slogans

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„Ich wuchs auf in Freiheit, mit dem Recht auf freie Rede. Ich kann mich in späteren Jahren nicht mehr ändern und mich an Sklaverei gewöhnen.“ (Cato)

(iz). Ein jedes Ding hat seinen ­Namen. Die richtige Bezeichnung (siehe Sura Al-Baqara im Qur’an) gehört zu den Anfängen der prophetischen, ja der menschlichen Geschichte überhaupt. Allah sagte über unseren Stammvater: „Und Er lehrte Adam alle Namen.“

Von Konfuzius können wir lernen, dass das richtige Benennen der Dinge den Anfang gerechten Handels darstellt. Es ist diese richtige Bezeichnung der Dinge, die notwendig ist, um eine der entscheidenden Grundfragen der menschlichen Existenz überhaupt zielgerichtet behandeln zu können.

Im Dickicht der Geschichte
Heute über Freiheit zu schreiben, ist schwierig. Beinahe untrennbar verwoben sind mehr als 3.000 Jahre abendländischer Geschichte, die Entwicklun­gen des letzten Jahrhunderts und ein globaler Missbrauch des Wortes „Freiheit“ auf niedrigsten Niveau, der sie zu einer Allzweckvokabel von Werbe­in­dustrie und Propaganda gleichermaßen degradierte. Es bedarf einer enormen geistigen Flexibilität, ohne Prob­leme ein Wort zu benutzen, das heute auf individuelles Freizeitverhalten wie auf den Freiheitswillen einzelner oder ganzer Völker angewandt wird.

Ein zeitloser Strom
Es gehört zur zeitlosen Eigenschaft des Menschen, dass er Freiheit mehr schätzen kann als seine eigene Existenz. Und wir reden hier nicht – wie es in unseren Breiten der Fall zu sein scheint – von Debatten im verstaubten Elfenbeinturm oder komplexen Begriffen, die den Menschen in ihrem Alltag gleichgültig sind, solange ihre täglichen Verhältnisse unverändert bleiben.

Es gibt im Herzen einen Funken, der uns dazu bringt, auf die Bequemlichkeit des Lebens zu verzichten, um sich dieses hohe Gut zu bewahren. Zugege­ben, dies scheint uns saturierten Menschen fremd zu sein. Und es mag auch daran liegen, dass zeitgenössische Konflikte, die im Namen von „Freiheit“ geführt werden, nicht nur inhuman sind, sondern nicht selten in schlimmerer Tyrannei enden. Als Beispiel mag die Arabellion gelten, die zwar individuelle Diktatoren aus dem Amt trieb, aber an untergründigen Machtverhältnissen und der Kontrolle der Ressourcen durch eine Oligarchie nichts änderte.

Der, dem Menschen innewohnende Wunsch nach Freiheit kann nie ganz aus der Welt verschwinden, wenn es der Mensch nicht als solcher tut. Um aber überhaupt die Möglichkeit für sie in einer totalitär werdenden globalen Welt aufrechterhalten zu können, bedarf es auch des Bildes eines Menschen, der nicht von der, jetzt technologischen Struktur seiner Zeit versklavt ist. Freiheit setzt die Fähigkeit zum Handeln voraus. Dafür braucht es ein Weltverständnis, das den Menschen nicht als ohnmächtig Getriebenen unsichtbarer historischer oder ökonomischer Kräfte sieht. Vergleichen wir das deprimieren­de Geschichtsdenken unserer Tage mit seinem Hang zu gesichtslosen Trends und strukturellen ­Unausweichlichkeiten mit dem tradierten Verständnis von Geschichte, in dessen Zentrum der handelnde Mensch steht, dann verblasst die „Schicksalsgläubigkeit“ des Orientalen.

Eine Provokation?
Ist es Provokation, wenn Muslime den Begriff und die Realität der ­Freiheit für sich reklamieren oder es wagen zu behaupten, dass diese in ihrer ­religiösen Lebensweise verwirklicht ist? Für viele dürfte es eine sein. Viele vermeinen, mit Sicherheit zu wissen, dass die islamische Lebensweise und Freiheit Gegensätze sind. Slogans wie die angebliche „Unterdrückung der Frau im Islam“ sind nicht nur alltäglich, sie haben mittlerweile den Rang von Naturgesetzen, sodass sie im anerkannten Sprachgebrauch unhinterfragt bleiben. Jüngst entgegnete eine Funktionärin des Protestnetzwerkes FEMEN zur Reaktion muslimischer Frauen auf eine europaweite Aktion vor ausgesuchten Moscheen, dass diese Musliminnen unter dem so genannten „Stockholm-Syndrom“ leiden müssten und gar nicht in der Lage wären, ihren vermeintlichen Zustand der Unfreiheit zu erkennen.

Und stellen wir uns die ­selbstkritische Frage, ob diese Stimmen nicht doch Recht haben könnten, dann spräche angesichts der real existierenden Verhältnisse in der vermeintlich islamischen Welt einiges dafür. Weit verbreitete Unterdrückung und Missachtung von Frau­en (was dem prophetischen ­Vorbild Medinas krass zuwiderläuft), ökonomische Unfreiheit auf dem Indischen Subkontinent oder tyrannische Regimes wie das syrische, sind starke Gegenargu­mente, die sich nicht alleine mit Floskeln vergessen lassen.

Freiheit in der Welt
Wie könnte ein Mensch „frei“ sein, wenn er sich so vielen Regeln unterwirft, wie es Muslime vermeintlich tun? Beginnen wir mit dem Wesentlichen. Im Kern der lebendigen islamischen Lehre steht die Einheit von Allah und Seiner Schöpfung. Das dafür benutzte arabische Wort, Tauhid, leitet sich aus einer aktiven Wortform ab. Es beschreibt den aktiven Akt der Vereinheitlichung – des vereinheitlichenden Blickes. Allah ist Einer, in Seiner Essenz, Seinen Attributen und Seinen Handlungen.

Ebenso grundsätzlich ist das Glaubensbekenntnis („Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad Sein Gesandter ist“), welches einen Menschen zum Muslim macht. Ihr erster Teil bestätigt die Einheit und Einzigartigkeit Allahs. ­Darüber hinaus aber stellt es zu Beginn auch die Absage an alles andere dar („Es gibt keinen Gott“). Kein anderer Mensch, kein Staat, keine Ideologie, kein Konzept und nichts auf dieser Welt kann für sich beanspruchen, Stellenwert zu haben.

Die Akzeptanz dieses Wissens im Herzen und seine äußere ­Manifestation bringt uns in die Beziehung von Gehor­sam und Freiheit. Je größer seine Bezeu­gung der Göttlichen Existenz Fuß fasst, desto freier wird er in der Welt. Im Moment der Niederwerfung vor Allah wird man gleichzeitig frei in dieser Welt und ist in der Lage, zu handeln.

Die Religions- und Moralpolizisten unserer Tage wären – von Einzelfällen abgesehen – früher ein Unding ­gewesen. Gewiss, Muslime folgten von Anfang an den Anweisungen ihres Herren und dem Vorbild ihres Propheten in der organischen Regierung ihres Gemeinwesens. Aber, es ist keine gewagte Behaup­tung, dass in der islamischen Lebensweise – im Gegensatz zur Mentalität, die uns Deutschen zugeschrieben wird – alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist. Vom Propheten wurde die Aussage überliefert: „Die Religion ist einfach.“

Von der Pax Augusta bis 9/11 und zurück
„Der römische Bürger, Sohn der Republik, wurde versklavt. (…) Dies war eine recht neue Errungenschaft, die Formung eines unterwürfigen Sklaven, dem Anschein nach frei, der sich am Kreis und am Spektakel [des Zirkus] erfreut. Hier wurde unsere zeitgenössische Art geboren.“ (Dr. Ian Dallas, The Engines of the Broken World)

So wie für Muslime die qur’anische Offenbarung sämtliche grundsätzlichen menschlichen Situationen und Zustände beschreibt, so kann die römische Geschichte als Vorlage zum Verständnis der abendländischen und modernen Geschichte gelten. Namentlich die blutige Periode zwischen Sulla und Augus­tus – der zerstörerische Bürgerkrieg, der in das Ende der Republik und in die Geburt des Imperiums mündete – war auch ein Verlust einer gelebten Freiheit und der Errichtung ihres äußeren Anscheins.

In „The Engines of the Broken World“ (als eBook bei Amazon erhältlich) beschreibt Dr. Ian Dallas anhand der antiken Schriftsteller Lukan, Sallust und Tacitus den Übergang von der Republik zum Imperium und der Herrschaft einer Oligarchie.

Diese Analyse, so Luqman Nieto in einer Rezension, „verweist auf die Oligarchie, die hinter der römischen Regierung stand und erläutert die ­Muster seiner Macht“. Das gleiche Muster ­helfe auch in Folge als Beschreibung der zeitgenössischen Oligarchie, die sich hinter der Fassade von Politik versteckt und sich innerhalb eines numerischen Systems bewegt, das sich am Rand seines Zusammenbruchs befindet. Dieser Prozess mündet, so Nieto, „im Ende von Politik“. Das heißt, es ist mit Hilfe der Technik zu einem Übergang von der Politik – im herkömmlichen Sinne – hin zur Finanztechnik als Modus von Herrschaft gekommen.

Das von Augustus geschaffene Impe­rium habe eine neue Oligarchie hervorgebracht, die das Imperium diktato­risch regierte – aber hinter der Fassade der Republik. Obwohl der Kaiser behauptete, die Republik wiederzubeleben, gründete er eine Monarchie. Er und seine Parteigänger unter der einstmals regierenden Oligarchie der Republik schufen einen neuen Staat, der keine Republik war. Die Entscheidungen wurden nicht mehr im öffentlichen Forum des Senats gefällt, sondern in den Privaträumen des Kaisers.

Der Autor mache, so sein Rezensent, sehr deutlich, dass im Zentrum dieser Tragödie der Einzelne steht. Ob und wie es ihm gelingt, die ihn umgebenden Veränderungen zu verstehen und in Bezug zu den korrekten Bezeichnun­gen der Dinge zu setzen, wird bestimmen, ob er seine Freiheit bewahren kann oder nicht. Und, wenn wir der heutigen Lesart folgen, dann ist doch die Freiheit eben dieses Individuums das höchste Ziel überhaupt. „Er behandelt das Warum und Wer dieser Angelegenheit. In ihrem Herzen steht, dass der Einzelne die Fähigkeit verloren hat, die Dinge in Beziehung zu ihrem richtigen Namen zu stellen. Und im Kern dessen seine Unfähigkeit, das Göttliche zu erkennen“, schreibt Luqman ­Nieto.

Heutige Gefahren
„Die Abschaffung aller Regeln, genauer: Die Reduzierung aller Regeln auf das Gesetz des Marktes ist das Gegenteil von Freiheit – nämlich deren Illusion. So altmodische Werte wie Würde, Ehre, Herausforderung, Opfer zählen darin nicht mehr.“ (Jean Baudrillard)

Es ist keine Frage, dass die Parallele zwischen dem blutigen Untergang der römischen Freiheit und unserer Gegen­wart alles andere als eine gewagte Behauptung ist. Die Erosion unserer indi­viduellen Freiheiten seit dem 11. September 2001 wurde nicht rückgängig gemacht. Jeder nihilistische Akt des Terrors diente vielmehr als Vorlage für ­einen weiteren Abbau von Bürger- und Grundrechten und der Etablierung des permanenten Ausnahmezustandes, der längst zur Normalität wurde.

Und die Entfaltung der Finanzkrise in der Realökonomie hatte bereits jetzt Folgen für die Freiheit des Einzelnen und seiner Überlebensfähigkeit. Das Projekt der europäischen Einigung (eine Konsequenz zweier tödlicher Kriege) hängt dank des potenziellen Scheiterns der Einheitswährung in den Seilen. Wegen der Finanzkrise kommt es in Ländern wie Griechenland und in den neuen EU-Mitgliedern zur steigenden Beliebtheit radikaler Positionen. Wie will die Moderne ihre Freiheit verteidigen, wenn diese nicht mehr von ihren radikalen Rändern, sondern ihren Grundwidersprüchen bedroht ist?

Aus der Sicht der meisten ist die Freiheit des Einzelnen gegeben. Er hat nur keine „Macht“, wird sich nicht mit anderen zusammenschließen und bleibt trotz der Idee der individuellen Freiheit isoliert.

Nachtrag: Gibt es Orte der Freiheit?
Möglicherweise findet sich Freiheit gerade in Dingen, die am heftigsten angegriffen werden. Wenn wir beobachten können, mit welcher Härte (im Vergleich zu handfesteren Themen) Religion und Familie dem zeitgenössischen Ansturm ausgesetzt sind, liegt der Verdacht nahe, dass hier Potenziale geborgen sind, die sich der allgemeinen Vereinnahmung entziehen können. Als Muslime können wir – jenseits der landläufigen Meinungen – einen Beitrag leisten. Und wir sind frei genug daran zu glauben, dass dies Teil unseres Schicksals ist.

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Sulaiman Wilms

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