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Vom Spazieren in Krisenzeiten

Die IZ-Kolumne von Zenar Marf

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Foto: flystock, Shutterstock

(iz). Der tägliche Spaziergang rückt nun, da er vielerorts der einzige Schlupfwinkel häuslicher Enge darstellt, zunehmend als hohes Gut in das Bewusstsein. Doch beim Anblick einer einsamen Spaziergängerin klingen mir Kummer und Krisen an. Dabei laufe ich nicht minder allein denselben Fluss entlang und erfreue mich der Sonne, die sich über dem Schilf ergießt. Woher also die Assoziation?

Vorzugsweise morgens, wenn ein dünner Film die Luft durchzieht, begleite ich den Fluss in meiner Gegend. Am Mittag, wenn die Sonne im Übermaß von oben herabscheint, folgt die zweite Runde.

Waren die ersten Spaziergänge noch allein dem Zweck unterstellt, den Kopf von Schreibtischarbeiten zu befreien und sich ausreichend bewegt zu haben, wandeln sie sich nun schlagartig. Seltsam, wie mir die nahezu immer gleiche Strecke bald zur Erkundungsstätte wird, mein Spaziergang sich zum Streifzug entwickelt, wenn ich erst Muße habe: Was ist das für ein Insekt, das da aussieht wie eine Hummel, aber einen Rüssel wie eine Fliege hat? Ist das da auf der Böschung nicht Vergissmeinnicht? Aber diese haben ja nur vier, keine fünf Blüten. Anhalten, nachschlagen. Ein Wollschweber, faszinierend! Wieso habe ich sie zuvor nie gesehen? Sie schwirren ja hier überall umher. Und die Blümchen? Persischer Ehrenpreis, auch das ist nun geklärt. Wieder zurück zu den wichtigen Dingen. Nicht ganz, denn nun haben mich die kleinen Attraktionen am Haken. Ich sehe sie von da an überall: Da ist er doch wieder, der Wollschweber! Und das da vorne, das muss der gute alte Persische Ehrenpreis sein. Ich durchforste die Gräser. Aber da sind ja neben meinem vertrauten Ehrenpreis noch andere Blümchen, genauso große, die Blüten violett und komisch gestülpt – ich muss wissen, wie sie heißen.

Was, zugegeben, klingen mag wie die ersten Anzeichen einer Corona bedingten Verhaltensauffälligkeit, zeigt sich mir ganz offenkundig als die Entdeckung neuer Welten.

Das ist nun ein Monat her und seitdem haben Schwarzspechte und Wacholderdrosseln, Zedern und Platanen, Gundermann und Lerchensporn einen Namen bei mir. Sie sind in das Bewusstsein gerückt, sind nun da, so wie auch der Fluss und die Schilfrohre, über die sich die Sonne ergießt, zuvor wie selbstverständlich da waren. Es ist nicht die bloße Bestimmung von Arten und Familien, was mich einnimmt. Es geht mir nicht um ihre Taxonomie oder gar um meine Bildung.

Sicher, ihre Namen nützen einstweilen nicht, wie etwa Excel-Kenntnisse nützen könnten. Was ist es im Wissen um Namen, das Engel niederwirft? Ich kriege eine heimliche Ahnung. Und ich kann mich nicht davon abhalten, meine Bekanntschaft zu behelligen: Wusstest du, dass die Hainbuche überhaupt keine Buche, sondern eine Birke ist und soll ich dir erzählen, woher diese Sprachverwirrung wahrscheinlich rührt? Wer nicht aus Höflichkeit schweigend meine Ausführungen hinnimmt, der fragt doch zumindest, was denn dieses Wissen nütze. Und so komme ich in Erklärungsnot. Was nützen mir die Namen, die ich nun kenne? Sie nützen nicht wirklich. Das Wissen um Namen aber bewirkt etwas, das poetisch sensibilisierte Denker und Denkerinnen früh schon als „Seinsverbundenheit“ und „In-der-Welt-sein“ benannt haben. Sie meinen, sich im Zustand hoher Aufmerksamkeit der Welt gewahr werden zu können. Und Welt, das ist nicht ein unendlich großer Raum voller Ereignisse und Dinge. Man würde eher von der eigenen Welt sprechen, jene Welt, die unmittelbar von Bedeutsamkeit ist, die einem unmittelbar etwas bedeutet. Die Dinge aber haben nur dann Bedeutung, wenn ein fragendes und verstehendes Subjekt sie auch erfragt.

Längst wieder Zuhause denke ich noch, nichts hat Bedeutung in sich, aber doch zumindest für mich, wenn ich sie denn zulasse. Wie ein Text nur Tinte, oder aber die aufrichtigen Elegien eines Hölderlins sein können, so ist die Welt nur Raum zwischen mir und meinen Terminen, oder aber ein Schauspiel von zahllosen, blütenkleinen und baumgroßen Akteuren, die ich nur sehe, wenn ich sie mir nur vor-stelle. Und das heißt für mich, wenn ich ihre Namen erfrage.

Es ist seltsam, was die gesteigerte Wachsamkeit auslöst. Ich erlebe mich als bewussten Akteur. Wahrnehmen ist nunmehr kein bloßes Rezipieren, sondern aktives Erkennen. Es lässt mich selbst als waches Subjekt, das sich bewusst zu der Welt verhält, erkennen. Ich abstrahiere nicht von mir, sehe mich nicht von oben als Ding unter Dingen.

Daher wohl meine anfänglich bekümmerten Assoziationen, wenn ich einsame Spaziergängerinnen sah. In Krisen fallen mitunter ganze Gedankengebäude zusammen. Was bleibt, ist man selbst, umgeben von brachem Land. Auch da vollzieht sich eine Realisierung des Ich. Die Gedanken können an nichts haften, das in Trümmern liegt, sie kreisen und haften im eigenen Kopf, sie markieren ihren Urheber.

Ungleich schöner ist die Erfahrung, das Selbst zu realisieren, indem ich mich bewusst in ein Verhältnis zu den Dingen meiner Welt setze. Das heißt, indem ich ihre Namen lerne.

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