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Vom Wissen zur Sorgsamkeit

Das Ritual des Fastens macht die Verwurzelung in den natürlichen Kreisläufen erfahrbar

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Foto: Caio | pexels.com

(iz). Viele, wenn sie die islamische Offenbarung – den Qur’an – lesen, sind beeindruckt von der Rolle, die die Natur darin spielt. Gleiches gilt für die Ausgewogenheit, die in Allahs Schöpfung herrscht. Wir finden es oft schwer, zu verstehen, was dies für uns in einer Situation bedeutet, die bei jeder traditionellen Kultur in ihrer Wirkung und ihrer Form so nicht vorgesehen ist.

Die zur Zeit eher schwache Beschäftigung von muslimischen Denkern und Rechtsgelehrten auf dem Feld des Umweltschutzes, der gesunden und biologischen Ernährung wie auch der artgerechten Tierhaltung ist bedenklich. Verfügen wir doch über eine Offenbarung, die – wenn so man so will – einen fruchtbaren Boden für eine islamwissenschaftliche Beschäftigung mit der Natur bereitet. In der Mehrheit scheint dies jedoch in der Außenwahrnehmung von Muslimen nicht der Fall zu sein.

Dies mag einer der Aspekte der Unordnung sein, die die „Religiosität“ in der muslimischen Welt befallen hat. Jene Länder, die über eine besonders „islamische“ Selbstwahrnehmung verfügen, scheinen die gleichen oder gar schlimmere Probleme in den Bereichen der gesunden Ernährung und des ökologischen Bewusstseins zu haben wie jene Länder, für dies nicht gilt. So findet sich beispielsweise auf der Arabischen Halbinsel die zweithöchste Diabetes-Rate weltweit.

Was sich daraus auf jeden Fall ableiten lässt, ist die Notwendigkeit einer sofortigen, verständlichen und anwendbaren islamischen Beschäftigung mit der Offenbarung, um einen Handlungsstrang in Sachen Umwelt und gesunde Ernährung zu bekommen. Einer der Zugänge zu diesem Komplex liegt in der Beschäftigung mit relevanten qur’anischen Versen. Diejenigen, die mit der qur’anischen Offenbarung vertraut sind, wissen, dass das Motiv der Natur immer wieder darin erscheint.

Einer der einleuchtendsten Gründe dafür ist die religiöse Geschichte. Die kompromisslose Lehre von der Einheit Allahs im Qur’an richtet sich gegen jene Kulte, die die Anbetung der Natur in ihrem Mittelpunkt haben. Der Islam kam als eine hochentwickelte Offenbarung inmitten einer sehr urtümlichen Gesellschaft mit archaischen Bräuchen wie beispielsweise Bäumen, die angebetet wurden. Immer wenn im Qur’an dieser Aspekt und die damit verbundene Vorstellung des Heiligen widerlegt wird, dann wäre zu erwarten, dass wir eine Gegenposition zur Natur erhalten – vergleichbar einem Asketismus in anderen Religionen, der sich von der erschaffenen Schönheit abwendet. Es ist vielleicht überraschend, dass wir diese Position im Qur’an nicht finden. Die Erwähnung der Natur in der Offenbarung ist tief emotional, sogar lyrisch und findet sich recht regelmäßig. Allah wendet die Menschen im Qur’an nicht von der Erde ab, damit sie den Himmel besser sehen können, sondern hilft den Menschen, den „Himmel“ in jedem Ding besser zu sehen. Die Vorstellung von Dämonen und Geistern wird durch ein kompromissloses Einheitsdenken abgewiesen, und gleichzeitig wird unser Bild von der Natur von diesen götzendienerischen Elementen gereinigt und erhoben.

Denn die natürliche Welt ist im Sinne eines Bestandes an Zeichen – Ajat – zu verstehen. Einer der Verweise darauf findet sich in der Sure, die bezeichnenderweise Ar-Rahman, der Allerbarmer, heißt. Dies ist auch einer der 99 Namen Allahs in der traditionellen Aufzählung der Göttlichen Namen. In dieser Sure findet sich der Verweis auf die Ausgeglichenheit in der Natur. Es ist diese Göttliche Barmherzigkeit Allahs, die wir in der Kontemplation über die Natur finden. „Die Sonne und der Mond kreisen nach einer festgesetzten Berechnung. Und die Sterne und Bäume fallen (vor Ihm) anbetend nieder. Und den Himmel hat Er emporgehoben. Und Er hat das (richtige) Abwiegen zum Gebot gemacht, auf dass ihr euch in der Waage nicht vergeht; so setzt das Gewicht in gerechter Weise und betrügt nicht beim Wiegen. Und Er hat die Erde für die Geschöpfe bereitet; auf ihr sind Früchte und Palmen mit Fruchthüllen und Korn auf Halmen und duftende Pflanzen. Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide da leugnen?“ (Ar-Rahman, 4-13)

Historisch zuerst richteten sich diese Verse an die götzendienerischen Araber. Wir werden angehalten, die Zeichen der Natur wahrzunehmen, sie aber gleichzeitig dem Schöpfer zuzuordnen und dafür dankbar zu sein. Anders als beim Ansatz der Moderne wird die Natur nicht entheiligt. Sie ist vielmehr Zeuge für die anhaltende Barmherzigkeit und die Macht von Allah, dem Herrn der Welten. In der Mitte dieser Ajat findet sich das wiederkehrende Element der Ausgewogenheit.

Uns wird von Allah eine Liste der glorreichen Aspekte aufgezählt, und wir werden dann daran erinnert, das natürliche Gleichgewicht nicht zu stören.

An einer anderen Stelle des Qur’an, der Sure Al-An’am (Das Vieh), finden wir: „Und Er ist es, Der aus dem Himmel Wasser niedersendet; damit bringen Wir alle Arten von Pflanzen hervor; mit diesen bringen Wir dann Grünes hervor, woraus Wir Korn in Reihen sprießen lassen; und aus der Dattelpalme, aus ihren Blütendolden, (sprießen) niederhängende Datteltrauben, und Gärten mit Beeren, und Oliven- und Granatapfel-(Bäume) – einander ähnlich und nicht ähnlich. Betrachtet ihre Frucht, wenn sie Früchte tragen, und ihr Reifen. Wahrlich, hierin sind Zeichen für Leute, die glauben.“ (Al-An’am, 99)

Viele Kommentatoren des Qur’an, wenn sie dieses „Reifen“ betrachteten, wiesen darauf hin, dass eine Enthüllung der Göttlichen Absicht, welche die Reflexion (Tafakkur) ermöglicht, die die Göttlichen Ursprünge dieser Dinge im Herzen erscheinen lässt, dann zustande kommt, wenn diese Dinge in ihrer Fülle erscheinen. Während in der ersten Sure über die Notwendigkeit zur Ausgewogenheit gesprochen wird, finden wir in der zweiten, dass die Enthüllung der Bedeutung von den Dingen in der Ausformung ihrer Möglichkeiten liegt.

Dies könnte nach Ansicht mancher ein Ansatz beim Nachdenken über die gentechnische Veränderung von Erbanlagen sein. Kann eine Spezies im qur’anischen Sinne wirklich „reif“ sein, wenn ihre Manipulation Dinge vorsieht, die nicht in ihrem genetischen Ursprung geborgen sind? Wir Menschen sind in dieser Welt keine Beobachter, sondern wir nehmen durch unseren „Verbrauch“ der erschaffenen Dinge an dieser Welt teil.

Der prophetische Weg besteht nicht in der mönchischen Weltverneinung, sondern eher im Finden des Wissens von Allah, wie wir durch diese Welt reisen. Die Welt kann in ihrer Fülle von jenen Leuten genossen und respektiert werden, die anerkennen, was sie ist und die für die Schöpfung gegenüber Allah dankbar sind.

Welcher Weg leitet sich nun daraus für uns heutige Muslime ab? Sind wir bloß rückwärts gewandte Menschen? Können wir hier etwas positives beitragen? Hier sind wir als Muslime – aber nicht nur – mit unserer Haltung gegenüber jenen Zeiterscheinungen konfrontiert, die die zeitgenössische Krise der „Umwelt“ wie der ausgeglichenen Lebensführung hervor gebracht hat. Wir sind immer noch in der Welt und es stellt sich die Frage: Was sollen wir tun?

Der Prophet bot uns einen Lebensweg an, der nach Vorne weist. Er gab den Menschen etwas, das sie in ihrem Leben verwirklichen können. An diesem Punkt ist dies eine Möglichkeit, wieder mit der Natur in Verbindung zu treten. So steht das muslimische Fasten im Monat Ramadan für die reinste Form dieser alten Form menschlicher Anbetung.

Auch unsere Gebetszeiten folgen nicht Zeitplänen einer theokratischen Hierarchie, sondern den sich verändernden Bahnen und Phasen der Sonne, die sich mit den Jahreszeiten ändern. Wenn die Muslime nun im Ramadan ihr Fasten brechen, dann, weil die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist. Keine Manipulation kann daran etwas ändern. In der prophetischen Sunna verwurzelt zu sein, heißt, in der Natürlichkeit verwurzelt zu sein.

Dies ist das Gegenteil eines rein negativen Maschinensturms. Der Muslim ist prinzipiell optimistisch, denn dies ist die Grundstimmung, die Allah von uns wünscht. Es ist bezüglich der inneren Einstellung mehr als nur empfehlenswert, eine gute Meinung von Allah und von Seiner Schöpfung zu haben. Trotz aller großen Widerstände war der Prophet freundlich und optimistisch. In unserem Lebensstil – nicht in unserer Ideologie – müssen wir Zeugen für eine Lebensweise werden, die den Mustern des menschlichen Wesens folgt.

Wenn es stimmt, dass wir im materiellen Sinne – um es roh auszudrücken – das sind, was wir essen, was bedeutet es dann, wenn wir in der elementaren Welt unserer Ernährung dieses Verhaltensmuster durchbrechen? Was bedeutet es, wenn wir aus der anderen Ecke der Welt Früchte einfliegen, während sie zeitgleich bei uns reif sind? Es bedeutet, dass wir unsere Beziehung zu dem, was wir zu uns nehmen, entwertet haben. Wir sind entfremdet von der Erzeugung unserer Nahrung wie auch von der Freude, gutes Essen mit anderen zu teilen. Manche Kinder geben mittlerweile bei Befragungen an, dass sie nicht mehr wissen, was eine Birne ist. Und eine andere Studie ergab, dass der Ort, an dem US-Bürger am häufigsten alleine essen, ihr Auto sei.

Unsere Beziehung zu der von uns eingenommenen Nahrung steht für unsere Beziehung mit der uns umgebenden Welt und der Art und Weise, wie wir unser Leben führen. Unsere Geschäfte gehören Anteilseignern, die niemals ihre Firmen besucht haben, noch deren Adresse kennen – ganz zu schweigen von den Bedingungen, unter denen die betroffenen Arbeiter tätig sind. Zeitgleich transportieren unsere Medien weiterhin ungebremst jene Ideale, die jene Entfremdung hervorgebracht haben. Unser Verständnis von Wirtschaft reflektiert dies, wenn es von einem unendlichen Wachstum auf einem Planeten begrenzter Ressourcen träumt.

Welcher Traum reduziert die Sehnsucht nach „Erfolg“ auf einen Anstieg des Bruttosozialprodukts? Nach dem Hurrican „Katrina“ stieg des Bruttosozialprodukt der USA an. Je mehr Medikamente und Pestizide wir kaufen und je mehr Kriege wir führen, desto mehr steigt unser Bruttosozialprodukt an. Äquatorialguinea und Griechenland haben beide ungefähr das gleiche Bruttosozialprodukt. Bedeutet das eine Gleichheit in den Lebensbedingungen und der Zufriedenheit der Menschen? Die Lebenserwartung in Griechenland ist um 30 Jahre höher.

Wir stellen uns die falschen Fragen. Ist der Mensch im Krieg mit der Natur, weil er sich im Krieg mit sich selbst befindet? Stellen wir diese Frage, dann sehen wir, dass beide Teile untrennbar miteinander verbunden sind. Der Krieg mit sich selbst bedeutet den Konflikt mit der eigenen Natur. Krieg mit der Natur bedeutet einen Konflikt mit allem, dem wir unseren Unterhalt – Nahrung, Unterkunft, Energie – verdanken. Wir können nur dann im Konflikt mit der Natur sein, wenn wir uns als davon getrennt verstehen.

Islam und ökologisches Denken verweisen beide auf die Einheit unserer Existenz. Die Ökologen versuchen, die Verbundenheit der Dinge zu verstehen und die Dinge miteinander zu sehen, die als getrennt gelten. Dies bedeutet, Dinge wie Luft, die wir verschmutzen, oder Nahrung, die wir teilen, als etwas mit uns verbundenes anzusehen. Die Lösung unserer Probleme kann nur im Zusammenkommen gelingen. Wir müssen unser Weltbild vom Menschen als Beherrscher der Welt hin zu dem vom Menschen als Khalifen, als Sachwalter auf der Erde, dem diese anvertraut wurde, verändern.

Die Praxis des Ramadans, des Fasten und des zeitweisen Verzichts dessen, was wir täglich gewohnt sind, hat eine Bedeutung in der heutigen Welt. Unser Paradigma, dass die Menschen nicht mit weniger auskommen könnten, wird jedes Jahr durch jene gebrochen, die einen Monat lang mit weniger auskommen. Sie tun dies mit Anmut und gutem Willen. Uns so steht der Ramadan nicht nur für unser Verhältnis zu Allah, sondern auch für unser Verhältnis zu der Welt.

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