IZ News Ticker

Von abschätzend bis neugierig: Erfahrungen aus dem Alltag einer Muslimin in Deutschland. Von Erzsebet Nour Roth

Der Blick auf den Anderen

Werbung

(iz). Sorglos schlendere ich den Gang entlang. Den Gang in der ersten Etage der Hochschule in Potsdam. Links von mir reiht sich ein Professoren-Büro nach dem anderen. Rechts von mir einige Pinnwände, die Infos zu den Gleichstellungsbeauftragten und deren Anlaufstellen in der Hochschule enthalten.

Mit sicherem Schritt suche ich nach einer bestimmten Professorin und studiere die einzelnen Namensschilder auf der linken Seite der Türen. Es ist einer der Tage, wie so viele, an denen ich mich pudelwohl fühle. Ich trage ein hellblaues Kopftuch, in klassisch arabischer Form um den Kopf gewickelt, passend zu einer dunkelgrauen Leinenhose mit großem Schlag. Darüber ein helles Kleid und ein kuscheliger Cardigan mit modisch weiter Kapuze in einem stylischen Graublau-Ton. Die Hose wie auch die Jacke bei H&M erworben.

Und da kommt sie. Eine mir unbekannte Frau – unbekannt, ob ­Professorin oder Mitarbeiterin der Hochschule – und schaut mich an. Und wie. Der Blick fällt zuerst auf meinen Kopf. Ihre Augen bleiben für einen Moment irritierend in meinem Gesicht kleben, wandern notgedrungen langsam herunter auf meine Jacke, dann auf meine Hose und bleiben für einen Moment bei den Schuhen ­stehen. Und nochmal ein kurzer Blick in mein Gesicht, und vorbei ist der ­sichere Augenblick des gerechtfertigten Glotzens.

Was sie wohl gerade gesehen hat, beschäftigt sie bis zum Ende des Flurs. Irgend etwas passt hier nicht. Es ist ungewöhnlich. So sehen Studenten normalerweise nicht aus.

In solchen Momenten fühle ich einen unglaublich starken Drang, in einen Spiegel zu schauen. Habe ich irgendwo einen Kaffeefleck oder war die Auswahl meines Outfits vielleicht doch nicht so passend?

Ich frage mich, wie schnell in ihrem Gedächtnis die Bilder aus den Zeitungen und Zeitschriften hochschießen. Ich frage mich, ob sie Zeit genug hatte, festzustellen, dass ich gar nicht so „türkisch“ oder „arabisch“ aussah. Und ich frage mich, ob sie mich noch einmal sehen möchte. Noch einmal, weil sie scheinbar mein Outfit so mochte, und mich vielleicht unbedingt fragen möchte, woher ich dieses schöne Tuch habe, oder um zu prüfen, ob sie vor mir Angst haben muss.

„Der Geier-Blick“

Der Geier-Blick. Der Geier, der seine Beute entdeckt hat, sie ins Visier nimmt und jede Sekunde zum Angriff startet. Er kreist um sein Opfer herum und haftet seinen Blick darauf. Er kann vor lauter Gier die Augen nicht abwenden, bis zum Erreichen der Beute. So auch der Geier-Blick – vor lauter Neugier bleibt der Blick kleben und erst zum Höhepunkt – des Ertappens – wendet sich der Blickende irritiert und peinlich berührt ab. Mein Papa und ich in Luckenwalde. Eine Kleinstadt im Süden von Berlin. Es ist ein warmer Herbsttag und wir ­steigen aus dem Nissan Kombi meines Vaters, nachdem wir eine Weile nach einem freien Parkplatz vor dem Kaufland gesucht haben.

Ich glaube, mein Vater hat mittlerweile eine wahre Freude daran, verwundert dreinblickende Passanten, die ihre Augen von seiner Beifahrerin – meiner Wenigkeit – einfach nicht abwenden können, mit einem fröhlichen Nicken und für sie nicht hörbarem „Guten Tag!“ zu begrüßen. Leicht erheitert steige ich also aus dem Auto und bereite mich innerlich auf eine Flut von geiernden Blicken vor.

Heute war ich eher sportlich gekleidet. Zu meiner bequemen hellblauen Jeans kombinierte ich heute morgen ein schwarzes Oberteil im modischem Schnitt mit einem beigen Kopftuch.

Gerade wenn ich zu meinem Vater fahre, versuche ich Outfits zu wählen, die nicht so auffallend sind und nicht zu dunkel. Manchmal gebe ich die Suche auf und traue mich sogar in einem ­langen modischen, maßgeschneiderten Kleid nach Luckenwalde hinaus. Doch selbstverständlich nur, wenn mich mein Papa vom Bahnhof abholt und ich sichergehen kann, dass ich nicht alleine die restlichen 12 Kilometer zum Grundstück meines Vaters fahren muss.

Nachdem wir die Tür des Supermark­tes hinter uns gelassen haben, versuche ich schon innerlich die Blicke zu ignorieren. Mittlerweile gelingt mir das ganz gut. Ich verstehe sie, diese Zuschauer. Vielleicht sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine junge Frau, die ein Tuch um den Kopf gebunden hat, und zwar so, dass nicht ein Haar zu entdecken ist. Verständlich. Ich glaube, ich würde auch hinschauen und nicht sofort den Blick wieder abwenden können.

In der Käseabteilung bleiben wir ­stehen und überlegen, welcher Käse denn zur geplanten Spaghetti Bolognese am besten schmecken würde. Während ich konzentriert die einzelnen Packungen studiere, dreht sich mein Vater weg und fragt eine Frau, die ich bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht registriert habe: „Guten Tag! Kann ich Ihnen helfen?!“ Verstört wendet sich die Frau ab und tut so, als wäre sie gar nicht angesprochen worden. Ich pruste vor Lachen und gleichzeitig durchströmt mich ein warmes Gefühl der Liebe zu meinem Vater. Seine Art der Unterstützung bei meiner freien Wahl, das Kopftuch zu tragen, berührt mich immer wieder aufs Neue.

Mein Vater lacht mit mir und sagt: „Sie konnte einfach nicht aufhören, dich anzuschauen. Sie lief an uns vorbei und trotzdem schaute sie noch nach hinten, um dich weiter zu mustern!“.

Auch wenn eine ganze Schar von Geiern sich auf mich stürzt – mit meinem Vater an der Seite habe ich keine Angst!

Der „Checker-Blick“

Schnell laufe ich zum Bahnhof. Noch eine Minute, dann fährt die U-Bahn ab und ich würde wieder zu spät kommen. Die Treppen lasse ich in weniger als zehn Sekunden hinter mir und hüpfe durch den engen Spalt der Türen, die im nächsten Moment mit einer warnenden Sirene schließen. Luft holend laufe ich durch die lange U-Bahn, die aus einem einzigen, langen Waggon besteht. Ich mag sie, denn ich kann ohne Aus- und Einsteigen den ganzen Zug durchqueren. In der Mitte der U-Bahn setze ich mich. Mir sitzt ein Mann, etwa Mitte Vierzig, mit einer Zeitung in der Hand, gegenüber. Auf der mir zugewandten Seite der „Berliner Zeitung“ sehe ich einen ­Artikel mit der Überschrift: „Marketing mit dem Koran“, der über einen Modeladen berichtet, der mit dem Slogan „Und sprich zu den gläubigen Frauen, sie sollen Ihre Blicke senken“ wirbt. Eine ziemlich provozierende Überschrift, gerade in unserer Welt. In diesem Moment wartete ich darauf, dass der Mann die Zeitung umdreht, den Artikel liest, um mich dann, als lebendes Beispiel sozusagen, optisch zu studieren. Ein paar Minuten später dreht er die Seite um und ich wartet auf seine Blicke, gewappnet, ihm ebenfalls fest in die Augen zu schauen.

Der Mann steht auf, um ­auszusteigen – und ja, da war er! Ein flüchtiger, aber notwendiger Blick, ohne den er vielleicht nicht die Bahn hätte verlassen können. Was denkt dieser Mann, wenn er mich anschaut? Dass ich unterdrückt werde? Dass ich nicht frei bin? Mitleid? Nein, werter Herr! In solchen Momenten habe ich das tiefe Bedürfnis, loszuschreien. Ja, ich bin eine Muslima! Und ja, ich kann Deutsch sprechen!

Und, oh Gott ja, ich bin deutsch! Ich studiere sogar und habe keinen Mann, der mich dazu zwingt, ein Kopftuch zu tragen. Ich trage es aus ­freien Stücken, verstehen Sie? So wie sich andere Frauen aus freien Stücken ausziehen, ziehe ich mich aus freien Stücken an.

Der Mann verlässt die Bahn und klemmt sich die Zeitung unter den Arm.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen