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Von Beginn an gehörten Muslime zur Mittelmeerkultur dazu. Von Prof. Dr. Ferid Muhic

Die Inseln des Islam (1)

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Es gibt viele bemerkenswerte Dinge, die in direkter Verbindung zur Anwesenheit des Islam in Europa stehen. Dieser selbst ist nicht nur besonders, sondern hat auch eine besondere Erscheinung in der europäischen Geschichte.

(iz). Die Behandlung der Frage des europäischen Islam ist definitiv eine faszinierende Sache inmitten einer vollkommen blinden, tauben und stummen Einstellung gegenüber seiner Anwesenheit und seinem Einfluss. Die Geschichte und Tradition Europas, die zu seiner heutigen kulturellen Identität führte, wurde 13 Jahrhunderte durch einen starken und – wenn nicht sogar öfter – durch ­einen entscheidenden Einfluss des Islam geformt. Und, was noch wichtiger ist: Dieser Einfluss führte zum ersten Mal in der europäischen Geschichte politische und rechtliche Vorstellungen einer multikulturellen, religiösen und ethnischen Gesellschaft ein. Dabei wurden alle Einrichtungen und Gesetze, die zu ihrem Funktionieren notwendig waren, von einem enormen Reich konkret präsentiert und repräsentiert.

Der Islam brachte Europa eine lange Liste kultureller, politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und künstlerischer Erneuerungen und Leistungen. Diese veränderten das allgemeine Niveau der europäischen ­Zivilisation.

Gleichzeitig wurde dieses unleugbare Faktum derart systematisch ignoriert – oder besser verbannt – , dass es beina­he vollkommen aus der Vorstellung der Europäer, ihrem Selbstbild und ihrem Bewusstsein verschwand. Zeitgleich wurde der Islam zu einer anti-europäischen Religion erklärt und die ­Muslime zu Erzfeinden der traditionellen europäischen Werte gemacht. Wegen ­dieses ideologisch verfälschten Bildes leiden die muslimischen und nicht-muslimischen Bevölkerungen des Kontinents gleichermaßen unter einer Art historischem Sehfehler. Heute betrachten beinahe alle Europäer ihre Heimat als ein exklusiv christliches, kulturell monolithisches und historisch einheitliches Ganzes, das über eine unzweifelhaft spirituelle Identität verfügt.

Die simple empirische Tatsache, dass Europa der klassische Fall eines Modells ist, das als kulturelles Amalgam aus den Tiefen der molekularen Integra­tion der christlichen, islamischen und jüdischen Religion entstand, wird übersehen. Bestenfalls kann man in den akademischen Lehrbüchern finden, dass Europa ein „jüdisch-christlicher Kontinent“ ist. Diese Vorstellung bezeugt den ideologischen Charakter der systematischen anti-islamischen Haltungen im mythologischen Europa-Bild als angeblich autochthonen und ausschließlich christlichen Kontinent. Einer, der er niemals war.

Weder Judentum, Christentum oder Islam stammen aus Europa, noch ­waren sie die Früchte der kulturellen Tradition Europas. Vor dem Hintergrund, dass Europa keine native Religion hat und dass, im gleichen Zusammenhang, es ernsthafte Schwierigkeiten beim Verständnis seiner Identität auf ­Grundlage seiner eigenen kulturellen Grundannah­men hat, muss darauf verwiesen werden, dass sowohl das Christentum, Judentum und der Islam den absolut gleichen Status gegenüber Europa als nicht-einheimische Religion haben. Das bedeutet auch, dass Europa die gleiche Beziehung zum Christentum und zum Islam als externe Faktoren hat. Daher kann es niemals eine vollkommene Beziehung zwischen Gast und Gastgeber geben – und viel weniger eine vom legi­timen Landbesitzer und Besetzer. Zu belegen, dass der Islam in Europa seit dem Jahr 711 vorhanden ist, meint dem zuzustimmen, dass er seitdem immer anwesend ist.

Ein wichtiger Punkt ist, dass der ­Islam die europäische Bühne auf der Ebene eines hoch organisierten Staates betrat; mit einem entwickelten rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und kultu­rellen System von Einrichtungen. Man muss hier auch die Tatsache betonen, dass die kulturellen und spirituellen Komponenten des Islam seitdem immer vorhanden waren. Unter anderem durch die Aktivitäten konkreter ­Staaten, die – seit vielen Jahrhunderten – zu den am entwickeltsten und mächtigsten Staaten Europas zählten. Die ­Beispiele von Andalusien auf der pyrenäischen Halbinsel, das Königreich der ­Bulgaren auf dem ungefähren Gebiet des heutigen Wolgaraums bestand seit dem achten Jahrhundert, die Krim, von Kazan und Astrachan am Schwarzen Meer und im Wolgabecken sowie das osmanische Devlet in ganz Südosteuropa bestätigen diese Tatsache zur Genüge.

Mein zentrales Thema ist im striktes­ten Sinne die systematische Suche nach dem muslimischen Charakter der euro­päischen Identität. Sie widmet sich der Geschichte, dem Inhalt und den ­Folgen der Präsenz des Islam in Europa. Konkret bedeutet dies, dass der Inhalt unserer Überlegungen das Verständnis und die Deutung der sozialen, politischen, kulturellen und – offenkundig – religiösen Komponenten betrifft, die – wenn sie auch systematisch ignoriert werden – die heutige europäische Wirklichkeit ausmachen.

Der nicht-akademische, aber vielleicht wesentlich wichtigere Zweck, ist die Einleitung eines Prozesses, der zur Schaffung einer integralen Selbsterkenntnis des europäischen Menschen führt. Er sollte zu dessen authentischem Selbstverständnis beitragen und zur Entfernung aller Klischees und Stereotypen sowie der rassistischen Intoleranz motivieren und so eine europäisch-islamische Identität als ihre authentische Grundlage ermöglichen.

Seit Langem wird uns gesagt, dass Muslime keine Europäer seien, dass der Islam eine asiatische Religion sei und dass daher alle Muslime einfach „Fremde“ seien – egal, wie lange sie schon in Europa leben. Genau genommen kann niemand – wie oben beschrieben – eine einheimische europäische Identität auf Grundlage seiner Religion beanspruchen. Einigen Völkern wurde die natio­nale Souveränität aufgrund ihrer Religion verweigert. Dies war und ist ­immer noch der Fall bei Bosniaken und Albanern sowie allen zentralen Gebieten der Balkanhalbinsel.

Vor der historischen Erfahrung und Perspektive des Balkan kann eine Gesellschaft nur in dem Maße demokratisch sein, so weit alle ihre ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen freiheitlich in Übereinstimmung mit ihrer konkreten Identität leben können. Diese Lektion, vorgelebt durch die islamische Tradition der Osmanen, wird durch die Tatsache illustriert, dass alle Nationen des Balkan ihre kulturelle, religiöse und sprachliche Identität bewahren konnten.

Islam im Mittelmeer
Die europäische Mittelmeerregion beinhaltet das gesamte Südeuropa. In ihrem südlichsten Teil besteht sie aus vielen Inseln, von denen die größten Sizilien, Sardinien, Korsika, Malta, ­Kreta, Zypern, Mallorca sowie hunderte ägäische, ionische und adreatische Inseln sind. Alle Inseln, deren physikalische Umstände eine dauerhafte menschliche Besiedlung erlaubten, sind praktisch seit tausenden Jahren bewohnt, die ­größten Inseln gar seit der Frühsteinzeit.

Soweit es das Festland betrifft, besteht der Mittelmeerraum aus vier großen Halbinseln: Kleinasien oder Anato­lien, dem Balkan, den Apenninen und der Iberischen Halbinsel. Alle vier sind bei weitem die einflussreichsten Gebiete in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Sie haben den intensivsten und bedeutendsten Einfluss auf die Weltkultur der letzten zehn Jahrtausen­de hinterlassen. Es war genau die islamische Kultur, die während der letzten 1.300 Jahre immens zur modernen kulturellen Identität Europas und seiner gegenwärtigen politischen Realität beigetragen hat.

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