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Von Cap Anamur zu den Grünhelmen: Rupert Neudeck wird 75 Jahre alt. Christoph Arens gratuliert

Radikaler Samariter

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Troisdorf (KNA). Als «Extremist in Sachen Nächstenliebe» wird er charakterisiert. «Radikal leben» heißt sein neuestes Buch, in dem Rupert Neudeck eine Bilanz seines Lebens als Journalist und humanitärer Helfer zieht. Widerstand, radikales Umdenken und mutiges Eingreifen seien lebensnotwendig – für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen, schreibt er. Am Mittwoch (14. Mai) wird der gebürtige Danziger 75 Jahre alt.

Verbissen wirkt Neudeck nicht. «Es ist vernünftig und schön, etwas radikal anzugehen im Leben», sagt der Mozart-Liebhaber. Dabei läge es durchaus nahe, den ehemaligen Redakteur des Deutschlandfunks mit einem tragischen Helden zu vergleichen. In vielen Krisengebieten der Erde sind er und seine Mitarbeiter als humanitäre Feuerwehr tätig. Eben noch in Syrien, dann schon wieder in Afghanistan, Nordafrika, Haiti. «Unsere Arbeit hat wenig mit Erfolg zu tun. Viel häufiger erleben wir Scheitern», räumt er ein.

Warum er die Kraft dafür aufbringt? Er empfinde es als großes Geschenk, in einer so freien Gesellschaft wie der Bundesrepublik zu leben, sagt er. Da wolle er etwas an Menschen zurückzugeben, denen es schlechter gehe. Und da ist die religiöse Begründung: «Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter reicht aus», sagt der Katholik. «Diese Geschichte tritt mir immer wieder in den Bauch: Du bist zuständig für die Not anderer Menschen. Jetzt, sofort.»

In Neudecks Leben waren Schiffe wichtig. Da war die von sowjetischen Torpedos versenkte «Wilhelm Gustloff», die der Fünfjährige gemeinsam mit seiner Mutter auf der Flucht im kalten Januar 1945 um wenige Stunden verpasste. Das rettete ihm das Leben. Und da war die «Cap Anamur», mit der Neudeck und sein Team 1979 mehr als 11.000 vietnamesische Flüchtlinge aus dem chinesischen Meer retteten und nach Deutschland brachten. Inzwischen ist daraus eine Gruppe von mehreren Zehntausend Menschen geworden, die sich – das ist Neudecks ganzer Stolz – wunderbar integriert haben.

Aus der NS-Zeit hat Neudeck den Schluss gezogen: «Nie wieder feige sein.» Nur weil die Deutschen keinen Mut zum Widerstand hatten, hätten die Nazis sich durchgesetzt. Mut und eine Portion Sturheit zeichnen ihn aus: Beim Theologiestudium in Paderborn schreckte ihn das Priesterseminar mit «rührseligen und versponnenen Gebets- und Gottesdienstübungen» ab. Stattdessen wählte er «eine radikale Gruppe, die Jesuiten, die Sturmtruppe des Papstes». Buß- und Fastenübungen hätten ihn fast krank gemacht, berichtet er. Schließlich verließ er den Orden, heiratete, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie und promovierte über «Politische Ethik bei Sartre und Camus».

2002 verließ Neudeck die Leitung der Hilfsorganisation Cap Anamur. Kurze Zeit später hob er die «Grünhelme» aus der Taufe. Junge Muslime, Christen und Andersgläubige arbeiten beim Wiederaufbau in Krisengebieten zusammen und lernen dabei viel übereinander.

Immer wieder reiben sich Neudeck und seine Frau Christel, die die Arbeit vom Reihenhaus in Troisdorf aus koordinierte und ohne die «all dies nicht möglich war», an diplomatischen Gepflogenheiten, dem Prestigedenken von Politikern sowie dem Anspruchsdenken der etablierten Hilfswerke und UN-Organisationen. Entscheidend für die sei es, das Leben mit den in Not Geratenen zu teilen. Zuletzt ist Neudeck auch als Kritiker der etablierten Entwicklungspolitik in Erscheinung getreten. Gerade in Afrika seien viele Länder von Entwicklungshilfe abhängig geworden, betont er. Entwicklungszusammenarbeit solle so weit wie möglich zu den Nichtregierungsorganisationen verlagert werden.

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