IZ News Ticker

Von der ­Domestizierung der Wahrnehmung

Wie unsichtbare Filterblasen unsere sozialen, politischen und religiösen Ansichten prägen. Von Omar Usman

Werbung

Foto: Alexis Fotos | Lizenz: CC0 Public Domain

(Fiqh of Social Media). Während der US-Präsidentschaftswahlen 2008 wurde ein „bösartiges Gerücht“ verbreitet, wonach Barack Obama Muslim sei. Das ist ein alter Hut. Die meisten wissen aber nicht, dass die Anzahl der Amerikaner, die diesem Glauben anhängen, sich nach den Wahlen verdoppelte. Noch überraschender: Dieser Zuwachs ereignete sich zumeist unter Leuten mit einem höheren Bildungsabschluss. Parteigänger konsumieren leicht Nachrichtenquellen, die ihre Überzeugungen bestätigen. Menschen mit höherer Bildung folgen wahrscheinlicher politischen Nachrichten. Das kann dazu führen, dass gebildete Menschen fehl-gebildet werden.

Doch wie passiert das? Die Antwort liegt in dem, was Eli Pariser eine „Filterblase“ nennt. Durch sie zeigt Facebook immer solche Updates, die unsere Ansichten zu Themen bestätigen, wie #BlackLivesMatter, Syrien oder die Kardashians. Die selbe Technik steckt dahinter, wenn die Netflix-Empfehlungen durcheinander geraten, nachdem man dort einen Zeichentrickfilm abgespielt hat. Und deshalb können die angesagten Trendthemen in der eigenen Facebookchronik sich von denen der eigenen Gattin unterscheiden. Kurz gefasst, erklärt dies, wieso Menschen online mehr und mehr extreme Ansichten entwickeln. Und niemand scheint diese ändern zu können; egal, wie viele Artikel, Videos, Memes oder clevere Statusupdates man teilt.

Was genau ist eine Filterblase?
Im Wesentlichen ist sie ein Algorithmus, der aufgrund der eigenen online-Aktivität generiert wird. Firmen wie Google oder Facebook benutzen dann dieses Profil, um personalisierte Nachrichten, Suchergebnisse, Werbung und anderen Content zu servieren. „Sie sind Maschinen zur Vorhersagung; und schaffen und verfeinern konstant eine Theorie von dem, was man ist und als nächstes tun möchte. Gemeinsam schaffen diese Maschinen ein einzigartiges Universum der Information für jeden von uns. Ich habe dies als Filterblase bezeichnet. (…) Ihre Identität formt Ihre Medien. Und Ihre Medien formen dann, was Sie glauben und was Sie kümmert. (…) Sie sind in einer Schleife gefangen. Und wenn Ihre Identität falsch repräsentiert wird, tauchen seltsame Muster auf, wie der Hall eines Verstärkers.“ (Eli Pariser)

Es war der schöne Schein des Internets, dass es die „Torwächter“ entfernen sollte. Das sollte, theoretisch, eine einfühlsamere und verständigere Gesellschaft kreieren. Sie müssen sich nicht länger auf einen Zeitungsredakteur oder Fernsehmacher für die Meinungsbildung verlassen. Tatsächlich ist das aber der Knackpunkt der Demokratie. „Demokratie benötigt Bürger, die Dinge von einem anderen Standpunkt betrachten. Stattdessen sind wir mehr und mehr in unseren eigenen Blasen gefangen. Demokratie bedarf des Vertrauens auf gemeinsam geteilten Fakten. Uns werden parallele, aber getrennte Universen geboten.“ (Eli Pariser)

Was formt unsere Filterblase?
Seit einiger Zeit sind die Algorithmen Anlass für Debatten. Facebook versucht, die Verantwortlichen für Trendthemen durch Ingenieure zu ersetzen. Diese sollten objektiver sein. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass so die Ingenieure unbeabsichtigt zu Nachrichtenredakteuren werden. So etwas wie einen „neutralen“ Algorithmus gibt es nicht.

Eine der größten Kritiken an diesen Filteralgorithmen ist, dass es unmöglich ist, irgendwo hinzugehen und das eigene Profil wiederzuerlangen. In anderen Worten, man weiß nie, welche Identität sie für einen gebildet haben. Es gibt jedoch Signale, die darauf hinweisen, was unser online-Profil formt. Die Datenpunkte, die unser Profil bilden, gehen in die hundert. Es geht um Dinge wie den Aufenthaltsort, die Art des Rechners, Browsers, Telefons, Suchinhalte, Lesegewohnheiten im Netz, Videovorlieben, was auf dem Kindle notiert wurde, welche Freunde man hat usw.

Filterblasen und Freundschaften
Wir bringen unsere Meinungen in die sozialen Medien. Unsere Absicht ist die Interaktion. Idealerweise sollten wir unsere Ansichten austauschen und die Perspektiven des Anderen verstehen. Einige Hinweise legen nahe, dass die meisten ihre Ansichten nicht ändern, wenn sie etwas in sozialen Medien lesen. Andere entwickeln sich zurück und entfreunden Leute wegen derer Ansichten.

Die Filterblase schafft ein Reservat, in das wir uns zurückziehen, um uns vor Ideen und Perspektiven zu schützen, die unseren eigenen widersprechen. Das verringert unsere Fähigkeit, Dinge vom Standpunkt des Anderen zu sehen. Das heißt, es tötet unsere Fähigkeit zum Mitgefühl.

Teil des Problems ist die Beschränkung auf das Jetzt. Wir stöbern durch unsere Nachrichtenstränge und „liken“ und kommentieren Dinge, die uns gefallen. Das pfercht uns systematisch mehr und mehr in unsere existierenden Gesichtspunkte ein. Und es formt, was wir bei unserem nächsten Besuch serviert bekommen. Aus diesem Grund haben Seiten für viralen Content Millionen Anhänger. Und das ist der Grund, warum die Nachrichten nicht länger die Nachrichten sind.

Die Echokammer wird nicht nur durch unsere Freunde und Verbindungen bestärkt, sondern durch Massenmedien überhaupt. Genauso oft, wie Individuen etwas tun, zu dem sie angeregt werden, tun dies auch Geschäfte. Hier geht es darum, Geld zu machen – nicht darum, die Öffentlichkeit zu informieren. „Die finanziellen Bedürfnisse der Medienfirmen bewirken, dass sie es sich nicht leisten können, Ideen vorzustellen, die nicht in kürzester Zeit den größtmöglichen Zuspruch finden würden.“ (Alain de Botton)

Nachrichten
Filterblasen schaffen einen Kreislauf, der Medien veranlasst, über bestimmte Themen auf eine gewisse Art und Weise zu berichten. Diese Berichterstattung beginnt dann, den politischen Prozess zu beeinflussen. Wir enden schließlich bei dem, was wir heute haben. Die Nachrichten werden immer das liefern, was die Leute wollen.

Damit Nachrichten uns bei der Lösung von Fragen helfen, müssen sie uns hilfreich zu den Problemen führen. Dazu müssen sie Wege finden, um einen gemeinsamen Nenner definieren zu können. Der polarisierende Effekt der Filterblase stachelt dagegen die Wut an. Wir springen von Krise zu Krise. Prinzipienlos ahmen wir die gleichen Tonschnipsel der sprechenden Köpfe im Fernsehen nach.

Doch um Geld zu machen, muss man die Aufmerksamkeit der Leute auf sich ziehen. Um ihren Blick zu fokussieren, muss man die Dinge in ihren grundlegenden Komponenten simplifizieren. Indem komplexe Themen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner (das heißt, den größten Internetverkehr) verblödet werden, erwarten die Leute von der Lösung, dass sie ähnlich simpel gestrickt sein wird. Können große Probleme nicht gelöst werden, oder weigern andere sich, die Dinge auf dieselbe Weise zu sehen, wandelt sich das in Frustration. Einige Leute werden zu aggressiven Trollen. Andere wenden sich von Nachrichten ab.

Lernen
Die größte Falle der Filterblase besteht darin, dass wir mehr und mehr in sie hineingezogen werden. Wir haben das Gefühl eines naiven Realismus. Denn wir denken, alle Informationen stünden uns zur Verfügung. Unsere Schlussfolgerung ist, dass wir demnach die am Bestinformierten sind. Dies ist wie jemand, der behauptet, dass der online-Zugang zu allen Hadithen des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dazu führe, dass er ein größeres Verständnis von der Sunna habe als die großen Gelehrten der Vergangenheit. Zugang zu Informationen schafft kein Verständnis und keinen Einblick.

Der Konsum von Informationen baut auf der Annahme auf, dass wir dem zustimmen, was leicht und erfreulich ist. Aber die Aufnahme von Informationen, die uns zum Denken in neuen Wegen herausfordern, ist frustrierend und schwierig. Zum Lernen kommt es jedoch erst dann, wenn uns eine Wissenlücke begegnet. Wir stoßen auf etwas, das wir nicht kennen oder verstehen.

Um wirklich zu lernen, brauchen wir das, was Pariser eine „radikale Begegnung“ nennt. So, wie wir uns wünschen, der Islamophobe würde mit einem Muslim sitzen und mit ihm reden, um ihn kennenzulernen. Das soll nicht heißen, dass wir ständig nach der Gegenmeinung zu allem suchen sollten. Wir brauchen aber eine gesunde Portion alternativer Informationen, um besser verwurzelt zu sein. Denn die Gräben zwischen den Parteien werden immer tiefer.

Wie lässt sich die Filterblase beheben?
Der wesentlichste Schritt ist die einfache Erkenntnis, dass wir unsere eigene Filterblase haben. Wie B.J. May vorschlug, gibt es einige taktische Schritte:

Man solle aktive Accounts von Leuten finden, die im extremen Gegensatz zu den eigenen Ansichten stehen oder, die ganz andere Erfahrungen im Leben gemacht haben. Diese Leute sollten regelmäßig über Themen sprechen, die man begreifen will. Man folge einer dieser Personen täglich für einen Monat, egal wie sehr missfallen könnte, was er oder sie sagt. Man solle sich nicht mit den Betreibern dieser Seiten austauschen. Nicht mit ihnen debattieren, nicht argumentieren, nicht interagieren, mit Ausnahme dessen, was man liest.

In einem viel größeren Rahmen müssen wir Gespräche mit Leuten führen, die von uns abweichen, eine andere Kindheit erlebten, verschiedene Hintergründe oder ethnische Ursprünge haben. Solch ein Austausch muss mit der Absicht geschehen, sie kennenzulernen und zu verstehen. Man kann mit niemandem mitfühlen, wenn man seine Geschichte nicht kennt. Wir brauchen mehr bewusste Entscheidungen darüber, was wir konsumieren. Das heißt nicht, dass wir plötzlich täglich eine Stunde Fox News schauen sollten.

„Wir müssen innehalten und nachdenken. Es reicht nicht, nur unseren Medienkonsum mannigfaltiger zu gestalten. Wir müssen ihn auch verringern, um mehr Zeit für Selbstbeobachtung zu haben. Es ist nie leicht, introspektiv zu sein. Denn dort finden sich unzählige schmerzhafte Wahrheiten, die in uns schlummern. Ein kritischer Blick droht sie zu offenbaren. An dem Punkt, wenn wir insbesondere verquere, aber potenziell lebenswichtige Ideen ausbrüten, fühlen wir am verzweifeltsten den Wunsch, nicht nach innen zu schauen. Und genau dann greifen die Nachrichten nach uns. (…) Wir können aber niemand anderem irgendetwas Substanzielles anbieten, solange wir nicht die Kunst beherrschen, geduldige Hebammen unserer eigenen Gedanken zu sein.“ (Alain de Botton)

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen