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Von der ­natürlichen Form

Reflexionen über die Fitra, den Schöpfungszustand, in dem wir gemacht wurden. Von Rabea Redpath

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Foto: Pixnio.com

(iz). Ich werde mit einer Untersuchung des Wortes Fitra beginnen, welches den ursprünglichen Zustand der Menschen beschreibt. Allah ta’ala sagt im Qur’an: „Ich habe Menschen und Dschinn nur geschaffen, damit sie Mich anbeten.“ Der Qur’an beschreibt auch, wie Allah, subhana wa ta’ala, alle Seelen vom Beginn bis zum Ende der Zeiten versammelte und diese fragte: „Bin ich nicht euer Herr?“ Und die Seelen antworteten: „Ja!“ Dies weist darauf hin, dass jede Seele dieses Wissen von Allahs Existenz besitzt.

Eigentlich ist die gesamte Schöpfung eine Antwort auf diese Bestätigung. Dieses „Ja“ ist grundlegend – der Mensch wird nicht im Frieden sein, solange er seinen Verstand nicht in Einklang mit der Antwort auf diese Frage bringt; aber wie wir wissen, ist der Mensch vergesslich. Entscheidend ist, dass die Menschen anbeten, auch wenn sie zurückweisen.

Deshalb wurden Propheten gesandt, die uns daran erinnern, warum wir hier sind. Wir wissen, dass diese immer und immer wieder zurückgewiesen worden sind. Viele denken, sie finden Frieden durch Geld, Technologie oder Anbetung des Selbst. Es ist eine Anbetung von Götzen, aber immer noch Anbetung. Deshalb müssen wir uns in die weit zurückliegende Vergangenheit zurückbegeben, in den natürlichen Zustand des Menschen, des Menschen ohne Wissen um sich selbst. In ihm ist der Sinn reiner Anbetung gleich dem Singen der Vögel.

Die antike Anbetung nahm die Form des Opfers an. Das heißt, es ist die Opferung der Identität des Selbst und die Anerkennung von Allahs Unabhängigkeit und unserer Abhängigkeit. Was bedeutet dies nun? Wir wissen selbstverständlich, dass wir am ’Id ein Schaf opfern, aber es bedeutet weit mehr als das. Es bedeutet, dass wir das Selbst aufgeben. Wenn wir zum Gebet gehen, heißt dies, dass wir das aufgeben, was wir tun wollten. Es gibt ein Hadith des Gesandten, Allahs Segen und Friede auf ihm, dass „jedes Baby in der Fitra geboren wird. Es sind seine Eltern, die ihn zum Christen, Juden oder Feueranbeter machen“. Dieses Baby ist wie der ursprüngliche Mensch, der im Zustand reiner Anbetung ist. Es wird gesagt, dass der Schrei eines Babys den Platz der Anrufung des Göttlichen Namens einnimmt.

In den ersten drei Monaten seines Lebens hat das Kind keine Wahrnehmung seiner Mutter, so ist der Schrei „Allah“. Es wird gesagt, dass der Wali wie das Baby ist, denn er ist reine Anbetung ohne Selbstwahrnehmung. Menschen haben eine natürliche Form, ein eingeprägtes Muster. Genauso hat die Katze eine natürliche Form; so kann man zum Beispiel leicht erkennen, dass die Katze, wenn sie damit aufhört, sich selbst zu säubern, sich nicht gut fühlt.

Dasselbe trifft auch auf den Menschen zu. Unsere natürliche Form ist in der Schari’a enthalten. Die Schari’a adelt den Menschen, gibt ihm seine Würde und ist die Straße zur Perfektion. Die Schari’a hat den Zweck, uns das Menschsein zu lehren, und heute ist der Mensch über die Begrenzungen dieses Menschseins hinausgegangen.

Sa’id ibn Al-Musaijab, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: „Ibrahim, Friede und Segen auf ihm, war der erste, der gastfreundlich dem Gast gegenüber war, der erste, der beschnitten war und der erste, der seinen Schnurrbart kürzte.“ Dies scheinen kleine Einzelheiten zu sein, aber sie sind bedeutsam auf dem Weg hin zur Würde. Es gibt bestimmte Dinge, die wir alle tun, die uns zu uns selbst zurückbringen. Man sagt: „Es balanciert mich.“ Es kann Brotbacken sein, Aufräumen oder das Riechen an einer Blume, denn was immer es ist, es ist natürlich für uns, seit dem Beginn der Zeit, und Technologie kann es nicht ersetzen, selbst wenn sie schneller ist.

Was haben die Leute in Medina gemacht? Sie haben Krieg geführt, das Gebet vollzogen, Licht angezündet, es war ein ganzer Prozess. Das Wesen einer Sache entfaltet sich im Vorgang seiner Handlung. Wenn man zum Beispiel ein Feuer entzünden will, muss man Geduld haben. Wenn man diese Handlungen vollzieht, ist man geduldig. Der Qur’an sagt, wir müssen geduldig sein, aber Geduld ist keine geistige Vorstellung; wir müssen sie leben.

Unter den arabischen Wörtern für Herz haben wir Qalb und Lubb. Die Wurzel von Qalb bedeutet „wenden“, deshalb sagen wir, dass das Herz des Mu’min sich wendet. Die Wurzel für Lubb bedeutet „am gleichen Platz verbleiben“ oder „der Kern“. So haben wir hier sowohl Wendung, Transformation als auch Ruhe im Kern. In unserer Auseinandersetzung mit Technologie haben wir keine Ruhe, nur Stockung eines Zustands, und es gibt keine Wendung, nur Hetze. Um ein einfaches Beispiel aus meinen eigenen Leben zu geben: Ich habe in meinem Haushalt all diejenigen Maschinen, die man in einem modernen Haus hat, darunter auch einen Trockner. Kürzlich nutzte ich diesen sehr oft, anstatt die Wäsche nur auf die Leine zu hängen. Meine Begründung war, dass ich die Zeit, die ich mit dem Trockner sparte, für das verwenden konnte, was ich wirklich tun wollte. Eines Morgens wachte ich auf und fühlte mich müde und ausgelaugt und wollte die Wäsche aus dem Trockner nehmen, wobei ich feststellte, dass er kaputt gegangen war. Zu meiner Verärgerung musste ich die Wäsche wieder von Hand auf die Leine hängen. Während ich dies tat, blies der Wind und ich hatte auf einmal den Geruch der Blumen in meiner Nase, und plötzlich veränderte sich mein Zustand und ich war nicht länger niedergeschlagen. Etwas ist mir widerfahren. Die Bewegung um mich herum machte es mir möglich, dass sich mein Zustand änderte. Dies wäre nicht mit einer Maschine geschehen.

Der große deutsche Dichter Goethe sagte, dass man die Pflanze nicht durch ihre formale Gestaltung erkennen könne – sie sei keine strukturalisierte Form. Die Pflanze befindet sich eher in einem dauernden Zustand von Veränderung und Bewegung. Der Samen ist nicht die Pflanze und die Blüte ist nicht die Pflanze, aber der Prozess, bei dem der Samen in der Erde Wurzeln treibt und der Schößling heranwächst, Blätter und Blumen ausbildet, Saat hinterläßt und schließlich mit seinem Tod in die Erde zurückkehrt – das ist die Pflanze. Der Mensch ist nicht von der Schöpfung getrennt, sondern Teil von ihr.

Wie lebten sie in Medina? Wir wissen, dass es keine erweiterte Familie war, denn sie verließen ihre Familie, machten Hidschra und verbanden sich dann mit Menschen, die nicht zu ihren eigenen Stämmen gehörten. Der Punkt ist, dass sie in einer Gemeinschaft lebten und miteinander lebten, nebeneinander lebten. Dies bedeutet unbegrenzte Bewegung und Begegnung, und nicht nur, um den Qur’an zu studieren. Es hatte mit dem eigentlichen Leben zu tun, welches sie führten.

Nachdem ich Muslimin wurde, verbrachte ich drei Monate in der Zawija meines ersten Schaikhs, Schaikh Muhammad ibn Al-Habib, die voller Leben war. Es gab dort seine Ehefrauen und weitere sechs bis sieben Frauen. Der ganze Ort war voller Lachen, Streiten und Geschrei. Eine Frau kochte, eine weitere lernte beziehungsweise rezitierte den Qur’an, eine andere bereitete Brot vor, eine andere wiederum ging ins Hamam.

Aber es gab dort immer Aktivität und Leben, und alle nahmen wirklich am gemeinsamen Leben teil. Die Aktion kam aus ihrem gemeinsamen Leben.

Aber um zurückzukehren, womit ich begann: Sie alle brachten ein Opfer. Sie alle gaben den tödlichen Komfort der Kleinfamilie auf und wählten den Din als Sinn ihres Lebens. Die Wiederbelebung des Dins liegt in der Teilnahme einer Gemeinschaft von Leuten, mit all ihren Handlungen, in einer harmonischen Zone, sodass das Wachstum nicht auf die Leute beschränkt bleibt, sondern auch nach außen dringen kann. Dadurch können Männer wie Frauen ihrem eigentlichen Wesen entsprechen.

Ich möchte damit enden, dass ich euch die Geschichte von Achilles, dem griechischen Helden, erzähle. Er war ein Mann, der ehrlich zu sich selbst war, der den eigentlichen Kern seines Wesens achtete und in seinem eigenen Leben ehrte. Aber er hatte einen Makel, und dieser führte zur Katastrophe. Dies war sein Zorn, der zum Krieg führte. Während des Krieges wurde er vor die Wahl gestellt, entweder jung und voller Ehre zu sterben oder aber ein langes Leben auf dem Land, umgeben von seiner Familie, zu führen. Als der Augenblick gekommen war, an dem Achilles den Kampf gegen seinen Makel, dem Zorn in ihm, aufzunehmen hatte, machte er ein Schild für sich.

Dieser Schild war rund und hatte auf der Oberfläche das Abbild der Sonne, der See und des Himmels. Auf ihm waren zwei Städte eingraviert: Eine Stadt des Friedens, wo man die Feier einer Hochzeit mit Kindern vor dem Haus sehen konnte. Die andere war im Krieg, voller Verwirrung, Zerfleischung und Tod. Es gab auf dem Schild Felder, auf denen Menschen arbeiteten, es gab einen Jungen, der auf dem Tanzboden tanzte, und alles war vom mächtigen Ozean umgeben. Wenn der Krieger nun seinen Schild hob, um sein Schicksal zu erfüllen, so konnte man sehen, dass das, was ihn verteidigte, die Gesamtheit der natürlichen Existenz war. Dies ist, was wir wollen und zu dem wir uns bewegen, wenn wir danach verlangen.

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