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Von der Geschichte der Qur’andeutung zur Historie der muslimischen Welt

Von Tradition und Geschichte: Rezension zweier aktuell erschienener Bücher

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Foto: IFIS&IZ | Facebook

(iz). Egal, woher man kommen mag und was die individuellen Hintergründe sind: Für eine ernsthafte und tiefe Beschäftigung mit aktuellen und zeitlosen Fragen des Dins kommen Interessierte nicht um eine Begegnung mit dem Qur’an umhin. Das unerschaffene Wort Allahs und die letzte Offenbarung an die Menschheit, die auf den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, herabgesandt wurde, ist der Ausgangspunkt aller Überlegungen und die wichtigste Quelle des Wissens.

Allerdings haben Entwicklungen seit Ende des 19. Jahrhunderts dazu geführt, dass der sorgsame Umgang mit dem Text der Offenbarung, seine Erschließung und das Verständnis seiner Bedeutungen in den Hintergrund geraten sind. In der gröbsten Form führte es dazu, dass falsche Auslegungsversuche des Qur’an von Unqualifizierten in fatale, zum Scheitern verurteilte Bewegungen in der muslimischen Welt mündeten. Auch nicht unbekannt ist das zeitgenössische „Surenbingo“, bei dem Gegner und selbsternannte Verteidiger von Allahs Din mit Versen oder Suren aus Allahs Wort hantieren, ohne die Grundlagen ihrer Auslegung und Bedeutungen zu verstehen.

Auch daher ist eine Beschäftigung mit dem Qur’an, die der angemessenen spirituellen Höflichkeit sowie der wissenschaftlichen Denklogik folgt, mehr als nur ein akademisches Glasperlenspiel. In dieser Hinsicht sei dankbar auf die Einführung in die „Koranwissenschaften und Koranexegese“ des Osnabrücker Theologen und Lehrstuhlinhabers des gleichnamigen Faches, Prof. Dr. Hüseyin Ilker ­Cinar, verwiesen.

In seinem auch preislich ansprechenden Band von 601 Seiten führt der Gründer und Leiter des Instituts für islamische Studien und interkulturelle Zusammenarbeit (IFIS&IZ) in verschiedene Aspekte der Auslegung des Qur’an (arab. Tafsir) ein. Außerdem zählt er detailliert wie verständlich die dringend benötigten Teilwissenschaften auf, über die man verfügen muss, wenn man sich an die Interpretation von Allahs Wort wagt.

Cinars Buch ist in drei Hauptabschnitte aufgeteilt. Der erste widmet sich dem Qur’an, seinen Namen, Offenbarung, der Herabsendung sowie der Textgeschichte. Hier bekommen die Leser eine Erklärung wichtiger Grundbegriffe. Im zweiten Abschnitt, auf insgesamt 19 Kapiteln verteilt, erfahren wir die unverzichtbaren Teilwissenschaften, die für eine Auslegung des qur’anischen Textes nötig sind. Von den verschiedenen „Lesevarianten“ bis zur Wissenschaft der aufhebenden und aufgehobenen Verse bietet der deutschtürkische Autor Definitionen, Bedeutungen, Streitpunkte zwischen unterschiedlichen Positionen, Beispiele und wichtige Werke an.

Auf den letzten 300 Seiten seines Haupttextes stellt Prof. Dr. Cinar die Gestalt des Tafsirs während der Lebenszeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sowie seiner Gefährten und derer Nachfolger, möge Allah mit ihnen zufrieden sein, den heutigen Lesern. Im Wesentlichen müssen auch zeitgenössische Mufassirun (jene, die Tafsir beherrschen) deren Grundlagen mit betrachten. Anhand von jeweils zwei bekannten Exegeten stellt der Autor die vier wichtigsten Auslegungsformen vor: a.) die der Überlieferung, b.) unter Einbeziehung des eigenen Verstandes, c.) Qur’ankommentare von spirituellen Lehrern sowie d.) jene, die sich auf die Rechtsurteile in der Offenbarung fokussiert.

Es sei die Aufgabe der Praktiker ihrer Wissenschaft, schreibt Cinar in seiner Einleitung, „dass der Koran gemäß wissenschaftlicher Normen im Lichte der Koranwissenschaften verstanden wird“. Es könne keinen legitimen Auslegungsversuch geben, wenn nicht die nötigen wissenschaftlichen Disziplinen mit einbezogen würden. Nur so ließe sich die „enthaltene Weisheit (…) ein gebührender Weise“ verstehen. Etwas gewöhnungsbedürftig, dies mag dem „wissenschaftlichen Diskurs“ geschuldet sein, dass der Autor in Sätzen wie „Der Koran (…) beschreibt sich selbst (…)“ dem Qur’an eine Subjektfunktion zuschreibt. Diese Eigenwilligkeit tritt aber hinter dem Gesamtwert des Bandes zurück. (lm)

Hüseyin Ilker Cinar, Koranwissenschaften und Koranexegese. Eine Einführung, IFIS&IZ Publications, Mannheim 2017, gebunden, 601 Seiten, ISBN 978-3-95888-003-0, Preis: EUR 39,90, Info & Bestellung: publications@ifis-iz.com

 

Das Internet ist voller skurriler, abstoßender oder mehrheitlich banaler Inhalte. Doch es gibt auch Seiten mit nützlichen Inhalten. Zu diesen zählt auch das Geschichtsprojekt „Lost Islamic History“. Häufig wird es seinem Namen gerecht und „gräbt“ vergessene oder verdrängte Aspekte der muslimischen Geschichte aus. Das gilt insbesondere für die verschiedenen Perioden und Regionen, in denen Europa mit dem Islam in Berührung kam.

In diesem September hat das Projekt mit seinem Autor Firas Alkhateeb die komplett überarbeitete Version seines englischsprachigen Buches „Lost Islamic History: Reclaiming Muslim Civilization from the Past“ beim renommierten Fachverlag Hurst Publishers veröffentlicht. Bedauerlicherweise erreicht der erschwingliche Band (auch als eBook bei Amazon) nicht ganz das Niveau der Webseite.

Beginnen wir mit dem Positiven: Alkhateeb gibt in seinem Band einen breiten Überblick über die allgemeine Geschichte des Islam – beginnend mit einer Vorstellung der vorislamischen arabischen Gesellschaft bis zum Abschluss der Entkolonialisierung muslimischer Regionen. Den Schwerpunkt legt der Autor dabei – nach Regionen und Zeitabschnitten geordnet – auf die wesentlichen Entwicklungen, Ereignisse sowie die Personen der jeweiligen Epoche. Es ist ihm zu danken, dass er sich dabei der ansonsten nicht seltenen Parteilichkeit beispielsweise gegenüber Dynastien, wie den ’Umaijaden oder den Osmanen enthält, wie sie in heutigen arabischen Texten vorkommt. Firas Alkhateeb erzählt dankenswerterweise die Geschichte der Muslime in einem nüchternen Stil. Insgesamt ist ihm eine grundlegende Einführung gelungen, von der gerade all jene profitieren können, die sich mit der Materie beschäftigen möchten.

Ärgerlich ist, dass sich Alkhateeb bei Stil und Präsentation der Inhalte an die oberflächliche Darstellung von Geschichte in Schulbüchern zu orientieren scheint. Geschichtsphilosophische oder methodologische Überlegungen wie bei Tamim Ansary oder Ibn Khaldun fehlen leider vollkommen. Von einigen Ausnahmen abgesehen geizt der Autor auch mit Hintergründen wie der Geschichte von Ökonomie und Institutionen, die gerade in Krisenzeiten das Überleben muslimischer Gesellschaften ermöglichten.

Während die Webseite „Lost Islamic History“ eine wichtige Lücke füllt, weil sie sich insbesondere mit historischen Aspekten beschäftigt, die ansonsten nicht bekannt sind, kehrt Firas Alkhateeb diesen Ansatz hier um. Er fokussiert sich im Wesentlichen auf den Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika sowie Anatolien. Andere Regionen wie Zentralasien, die europäischen Steppengebiete, Indien, Südostasien und Schwarzafrika geraten so unverdientermaßen ins Hintertreffen. Das verstärkt leider das heutige Missverständnis, Islam sei eine Angelegenheit der arabischen Welt beziehungsweise des Mittleren Ostens. (sw)

Firas Alkhateeb, Lost Islamic History: Reclaiming Muslim Civilization form the Past, Hurst Publishers, September 2017, Taschenbuch, 248 Seiten, ISBN 978-1849046893, Preis: EUR 11,99, Kontakt: hurstpublishers.com

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