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Von der zeitlosen Sprache der Klänge

Berliner Auftritt des Firdaus Ensembles zeigt die Universalität der Kunst. Salim Nasereddeen berichtet von den Muslimischen Kulturtagen Berlin

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Foto: Al Firdaus Ensemble, Facebook

(iz). Nicht umsonst verorteten frühere Völker den Ursprung ihrer Musik (und anderer Künste) in den himmlischen Sphären und in eine „Zeit vor der Zeit“; sie schien irgendwie immer da gewesen zu sein. Musik vermag uns tief zu berühren. Unter den Sinneseindrücken kommt dem Klang eine unangefochtene Sonderrolle zu.

Anders als etwa beim Seh- oder Tastsinn, bei dem wir uns eines sicht- oder greifbaren Gegenstandes außerhalb un­ser selbst gewahr werden, erleben wir das Hören als ein unvergleichlich „tieferes“ Ereignis in uns; eine scheinbar nicht verortbare Resonanz, die den gesamten Körper ergreift. Es erklärt sich daher, wie in praktisch allen Religionen der Musik, oder allgemeiner, dem Klang, eine bedeutende Rolle zukommt; so auch im Islam.

Durch die tradierte Technik der Qur’anrezitation soll beispielsweise dem heiligen göttlichen Wort der Offenbarung eine besondere Ehre zuteil­werden: Das ausgefeilteste was die menschliche Stimme an Harmonie aufbringen kann, galt als der göttlichen Rede angemessen; sowie ihre Worte ­entsprechend in Form der ausgefeiltesten Kalligrafie aufgeschrieben wurden. Aber bekanntlich gilt den Muslimen der Qur’an nicht im strengen Sinne als Buch (für ein Qur’anmanuskript kennt die arabische Sprache einen eigenen Begriff), sondern eben als „Rede“ oder „Vortrag“. Es ist der Klang, auf dem als Medium der Offenbarung schlechthin hier das Hauptaugenmerk liegt. Wie der Erhabene schon zu Moses sprach „und höre was dir geoffenbart wird.“ (At-Taha, Sure 20, 13)

Aber auch, was Musik im engeren Sinne anbelangt, hat die islamische ­Zivilisation Einiges zu bieten. Hier treffen wir natürlicherweise eine über die Epochen und Regionen reichere Vielfalt an. Die Texte waren nicht streng vorgegeben und Stücken kam auch längst nicht derselbe liturgische Stellenwert zu, sodass sie einem gewissen zeitlosen ritu­ellen Rahmen entsprechen mussten, auch wenn wiederkehrende Muster erkenn­bar sind. Es ist bedauerlich, dass puritanische Tendenzen bestrebt sind, diese ästhetischen Elemente aus der ­Tradition zu verbannen.

Aber normative Debatten sollen hier nicht im Vordergrund stehen. Über die Jahrhunderte wurden Fragen des An­ge­messenen und Unangemessenen das Thema Musik betreffend durchaus ­geführt und brachten eine Fülle von Haltungen hervor, die auch ohne Extrempositionen auskam. Verschiedene Gruppen sind noch heute bestrebt, die musikalische Tradition des Islam am Leben zu erhalten.

Zu den bekanntesten dürfte das international aufgestellte Firdaus Ensemble gehören, eine Band aus Granada in Spanien. Die Musiker des Firdaus Ensembles kommen aus Spanien, England, Marokko und Venezuela. Kürzlich trat die Band schon zum zweiten Mal in Berlin auf. Das Konzert fand Mitte September im Rahmen der Muslimischen Kulturtage statt und dürfte für viele der Anwesenden das sinnliche Highlight eines Wochenendes aus einer Vielzahl von spannenden Veranstaltungen dargestellt haben. Was das Repertoire des Firdaus Ensembles angeht, stellt die Gruppe eine Einmaligkeit dar.

Stücke des Ensembles weisen neben Elementen der klassischen arabischen Qasaid auch Klänge aus der keltischen und anda­lu­sischen Kultur auf. Ein Stück mit einer besonderen „archäologischen“ Geschichte ist ein Madh (Loblied auf den Propheten) aus dem islamischen Andalusien, gesungen in Altspanisch, dessen Worte, aufgeschrieben in arabi­schen Buchstaben, erst in modernen Zeiten in Spanien aufgefunden wurden. Neben klassischen Oden wie der Burda oder der Hamzijja wurden aber auch keltische Lieder gespielt, ebenfalls mit einem klassischen Text, der aus Segenswünschen für den Propheten (s) besteht.

Und ganz ohne Zweifel liegt hier das wirklich zeitlose Element in den islamischen Hymnen und Gesängen: in der Liebe. Die Liebe zum Propheten Muhammad, der Segen und Friede seien auf ihm, war zu allen Zeiten und überall in der islamischen Zivilisation ein herausstechendes Motiv und Thema für musikalisches Schaffen. Im Konkreten han­delten Lieder häufig etwa von seinem edlen Charakter und der Dankbarkeit für seine Entsendung und die Er­füllung seiner Berufung, oder anderen Dingen. Aber es bleibt die pure Liebe; dieselbe Liebe die aus all den noch so verschiedenen Worten und Klängen zu uns spricht und uns ansteckt.

Der Auftritt des Firdaus Ensembles, wie auch sein ganzes musikalisches Werk, zeigte auf eindrucksvolle Weise die Universalität der Sprache des Klanges auf. Wie sie ganze Zeitalter und verschiedene Kulturen – mitunter auch dem Anschein nach vergangene oder nicht muslimische Kulturen – gleich­zeitig zu übersteigen und zu verbinden vermag. Auch sich nicht religiös bekennende Menschen und solche, die die Sprachen der gesungenen Texte nicht beherrschen, können sich der Wirkung religiöser Musik nicht entziehen. Auf jeden und jede wirken die durch­dringenden tradierten Klänge mit ihrer Botschaft der Liebe so, als nähmen sie ihren Anfang irgendwo außerhalb des von uns Überblick- und Greifbaren: nicht in dieser Welt. Als seien sie schon immer da gewesen.

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