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Von Empörung zum Engagement

Internationale Tagung in Blaubeuren: Der Islam ist eine Bereicherung Deutschlands. Veranstaltungsbericht einer Gelehrtentagung

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Foto: Karim Moustafa

(iz). Anerkannte Wissenschaftler der Islamologie und Personen aus der Praxis referierten bei der dreitägigen Veranstaltung Anfang Mai zum Thema „Das Gesellschaftsmodell im Islam“. Intensive Diskussionen und offener Gedankenaustausch mit den 180 Teilnehmern fanden dabei zum Beispiel über Themen wie „der Nutzen des Islam für die Gesellschaft“ und dessen „Zukunft im deutschsprachigen Raum“ statt.

Dr. Amir Zaidan, der Leiter des Islamologischen Instituts in Wien, betonte gleich zu Beginn der Tagung die Wichtigkeit der Verbindung von Theorie und Praxis: „Die Wertschätzung des Wissens liegt in der Umsetzung“. Durch die aktive Verwendung des vielfältigen islamischen Wissens, dem Befolgen des islamischen Gebotes des Strebens nach Wissen, dem Aufruf, zum Nutzen der Gesellschaft ­beizutragen, könne – trotz der leider ­zunehmenden Islamfeindlichkeit in Europa – ein wichtiger Gegenpol geschaffen werden, um Vorurteile und Rassismen abzubauen.

Farid Suleiman, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, unterstrich in seinem Vortrag „Wie hast du’s mit dem Grundgesetz?“, dass im Gegensatz zur Annahme mancher Islamgegner kein Widerspruch darin besteht, als praktizierender Muslim in Deutschland grundgesetzkonform zu ­leben. „Vielmehr sollten es die Muslime zuallererst sein, die auf die Einhaltung des Grundgesetzes pochen, denn eine Aufgabe des Grundgesetz ist es, die Rechte der Minderheiten zu schützen“, so ­Suleiman.

Dr. Zaidan ergänzte eine islamwissenschaftliche Analyse, die er bereits 1999 in Hessen erstellt hat: Beim Vergleich des Grundgesetz mit der Schari’a, also der islamischen Gebotenlehre – wie Güte seinen Eltern gegenüber zu zeigen, den Kranken zu besuchen, der Gemeinschaft zu helfen etc. –, zeigte sich keinerlei ­Inkompatibilität.

M. Belal El-Mogaddedi, Vorsitzender der Deutschen Muslim Liga – der ältesten muslimischen Vereinigung in Deutschland –, führte in seinem hörenswerten Vortrag „Islam und Demokratie“ aus, dass zwischen den beiden kein Konflikt bestehe. Sein eindeutiges Fazit lautete: „Wer meint, dass Islam und Demokratie nicht miteinander vereinbar seien, hat zwei Dinge nicht verstanden: Demokratie und Islam!“

Am zweiten Tag der Tagung veranschaulichte Dr. Amir Zaidan am Beispiel der Charta von Madina den Charakter des vom Islam und vom Propheten des Islam geprägten Gemeinwesens, das sich am besten in der Formel „Einheit in ­Diversität“ zusammenfassen lässt. Er ­verwies auf die Tatsache, dass der Islam kein bestimmtes Herrschaftssystem vorschreibe und rief Muslime dazu auf, sich nicht von den Verfechtern theokratischer Herrschaftsmodelle in die Irre führen zu lassen.

Wie sehr pseudo-religiöse Extremisten die islamischen Quellen verdrehen, zeigte anschaulich Dr. Yusuf Dreckmann, Dozent des Islamologischen Instituts. In seinem faktenreichen Vortrag unterstrich er, dass es sich bei dem sogenannten IS um eine Sekte handelt, die jeg­lichen Bezug zu den originären Quellen des Islam verloren hat. Er wies in seinem Referat nach, dass der IS in widerrechtlicher Weise seine anti-islamische Ideologie und Handlungsweise zu islamisieren versucht.

Dass selbst verurteilte Terroristen doch Argumenten und vor allem fundiertem Wissen gegenüber zugänglich sein können, berichtete ein Mitarbeiter des Vereins DERAD. Er betonte in seinem Vortrag zum Thema Deradikalisierung, wie wichtig es sei, die Deutungshoheit über islamische Fachbegriffe, Geschichte und Inhalte wiederzugewinnen, welche sowohl von sogenannten Experten als auch von Extremisten mit falschem Bedeutungsgehalt besetzt würden. Betont wurde am Ende seines mit viel Applaus aufgenommenen Vortrages: „Religiöse Argumentation und politische Bildung ist ein Teil der Lösung in solchen Fällen. Vermittlung von Religion kann Prävention wider politischen Extremismus sein“.

Im Rahmen der Arbeit mit Extremisten zeigte sich, dass Ausgrenzungsdiskurse, das damit verbundene Fremdsein, die ideologische Umdeutung des Fremdseins, als etwas Positives und die Rezeption und Deutung außenpolitischer Konflikte von extremistischen Sondergruppen genutzt werden, um Gegensätze zu schüren und Gewalt zu rechtfertigen. Mit Reichsbürgern und diversen rechtsextremen Gruppen teilen sie zum Beispiel die Ablehnung des demokratischen Rechtsstaates, seiner Institutionen und sogar bestimmte Feindbilder. Ziel muss es sein, Feindbilder abzubauen und den sozialen Zusammenhalt zu fördern.

Wie sehr die Diskriminierung von Muslimen inzwischen im Alltag angekommen ist, erzählte der Rechtsanwalt Yalcin Tekinoglu von der Kanzlei Dürüst aus Heidelberg. Er berichtete anschaulich aus seiner beruflichen Erfahrung mit ­Diskriminierungsfällen und zeigte auf, welche vielfältigen Rechtsansprüche Betroffene wahrnehmen können, die Opfer von Ausgrenzung und Rassismus geworden sind. Neben dem Gleichbehandlungsgebot in Artikel 3 des Grundgesetzes, der Religionsfreiheit (Art. 4, GG), der Berufsfreiheit (Art. 12, GG) biete vor allem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) eine Chance, gegen Benachteiligungen aufgrund der Religion oder anderer Gründe vorzugehen.

Die Referenten der Islamologie-Tagung kamen am Abend des zweiten Tages in einem mehrstündigen Podiumsgespräch zusammen, um intensiv über die Verantwortung von Muslimen für ihre Gesamtgesellschaften zu diskutieren und zahlreiche Fragen aus dem Plenum zu beantworten.

Am letzten Tag der Tagung verwies Dr. Ali Ceylan, Dozent am Islamologischen Institut, in seinem sehr informativen und wissenschaftlich fundierten Vortrag mit dem Titel „Das Bildungswesen der Sahaba (Gefährten des Propheten) und die Systematik zur Bewusstseinsöffnung “ darauf, dass die Muslimischen Gemeinschaften einen hohen Bedarf an authentisch ausgebildeten Gelehrten haben, um auf die Fragen der Zeit islamologische Antworten geben zu können. Für Dr. Ceylan ist die umfassende Kenntnis der arabischen Sprache entscheidend für das korrekte und zeitgemäße Verständnis der islamischen Lehre.

Zum Abschluss der Tagung forderte der Sozialwissenschaftler Karim Moustafa die Aanwesenden in einem leidenschaftlichen Appell dazu auf, die Islamologen-Tagung nicht nur als intellektuelle Bereicherung zu sehen, sondern den positiven Austausch und das Experten-Netzwerk der insgesamt 180 Teilnehmer direkt im Anschluss zur Umsetzung von Ideen und Projekten zu nutzen.

Ausgehend von den einleitenden Worten von Dr. Amir Zaidan, „Die Wertschätzung des Wissens liegt in der Umsetzung“, und der eindringlichen Betonung der Wichtigkeit der Wissensaneignung durch Dr. Ali Ceylan, könne die Umkehr der zahlreichen Probleme und Gefahren, denen Muslimen heutzutage gegenüberstehen, nur durch Wissen, Information, Aktivität, Disziplin, Strebsamkeit und vor allem Engagement gelingen.

Und dies sei manchmal einfacher als gedacht, veranschaulichte er: In Nordrhein-Westfalen brauche es zum Beispiel an einer Schule nur 12 muslimische Schüler, damit der Islamische Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach, mit dem man 2019 schon Abitur machen könne, an der entsprechenden Schule eingeführt werde. Alles was es brauche sei ein wenig Initiative der Eltern und ein paar Unterschriften, sprich Engagement.

Die dreitätige Islamologentagung war ein voller Erfolg für das Islamologische Institut als Veranstalter und Schirmherr. Der Leiter des Instituts, Dr. Amir Zaidan, sagte zum Abschluss der Veranstaltung: „Wir freuen uns, mit dieser Tagung den aktiven Beitrag der Muslime in Deutschland für diese Gesellschaft gezeigt zu haben und auf wissenschaftlicher, islamischer Basis Angebote für Muslime im deutschsprachigen Raum zu machen und somit unseren Beitrag für eine authentische Wissensvermittlung über den Islam zu leisten.“

Ausgerichtet hat die Tagung als Kooperationspartner der islamische Bildungsverein Evidence e.V. aus Stuttgart, welcher mit großer Leidenschaft, Engagement und Tatkraft ein informatives und bereicherndes Programm der Wissensvermittlung in geschwisterlicher Atmosphäre zusammenstellte. Durch das Programm führten als Moderatoren Amaal Misir von Evidence und Muhammed Arslan vom bekannten islamischen Bildungsverein „Streben nach Wissen“ aus Essen. Die sehr ansprechende und schöne Qur’an-Rezitation im Rahmen des Programms vollzog der Al-Azhar-Absolvent und Tadschwiidlehrer am Islamologischen Institut, Mustafa Khamees.

„Die erste mehrtägige Islamologen-Tagung war ein voller Erfolg. Sicherlich werden in Zukunft weitere derartige Veranstaltungen für den Wissenstransfer folgen“, sagte die Vorsitzende von Evidence, Amaal Misir. „Eine produktive Kommunikationsgemeinschaft zeichnet sich durch fortwährenden Austausch von Wissen aus. Dieser kann aber erst auf der Grundlage vorausgehenden Wissens gelingen.

Bei der dreitägigen Tagung zum Thema „Das Gesellschaftsmodell im Islam“ referierten unter anderem Dr. Amir Zaidan, Dr. Ali Ceylan, Farid Suleiman, Dr. Yusuf Dreckmann, Belal El-Mogaddedi, Yalcin Tekinoglu und Karim Moustafa.

Die internationale Islamologie-Tagung fand unter Schirmherrschaft des Islamologischen Instituts aus Wien statt, welches jahrelang für die Ausbildung der islamischen Religionslehrer zuständig war, und auch in Deutschland mit dem Standardwerk der „Islamologischen Enzyklopädie“ wissenschaftliche Maßstäbe für das universitäre Studium des Islam – basierend auf den historischen Quellen des Qur’an und der Sunna sowie der islamischen Wissenschaftsliteratur der vergangenen 1400 Jahre – gesetzt hat. Neben dem privaten Studium der Islamologie, welches an verschiedenen Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten wird, bietet das Islamologische Institut seit 2015 einen Bachelor-Studiengang in Kooperation mit der Faculty of Islamic Studies der Inter­national University of Novi Pazar an.

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