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Von Ermüdung und Abnutzung

Kommentar: Das geistige und spirituelle Zentrum der eigenen wie kollektiven Existenz wurde nach außen verlagert

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Foto: StockSnap, Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Am 7. Oktober veröffentlichte die Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüsay auf der Webseite des NDR einen klugen und gleichzeitig erhellenden Text. Unter dem Titel „Wir treten auf der Stelle“ beschreibt sie den Abnutzungseffekt, den die öffentlichen Islam- und Integrationsdebatten der letzten Jahre auf sie und andere muslimische Aktive hätten. „Die Debatten um den Islam sind ermüdend. Seit vielen Jahren beteilige ich mich als Muslimin daran. Und wie viele andere stelle auch ich fest: Wir treten bei diesen Diskussionen auf der Stelle“, lautet ihr kritisches Fazit.

Keine Frage, die Online-Aktivistin und beliebte Referentin stellt einen Aspekt der öffentlichen muslimischen Existenz in Deutschland realistisch dar. Längst geklärte Fragen tauchen in neuem Gewand immer wieder auf. Manch einer verliert die Energie – oder den Mut –, sich oder seine Religion ständig aufs Neue gegen unfaire Vorwürfe verteidigen zu wollen. Einige werden verbittert, andere ziehen sich in die Sicherheit des Privaten zurück. Und nicht wenige stellen sich mit Kübra Gümüsay die Frage: „Was haben diese Islam-Debatten bisher ­gebracht?“

Das ist aber nur eine Möglichkeit, jenes mehrschichtige Phänomen zu beschreiben. Stehen wir nicht, so möchte man einwerfen, wie alle Generationen vor der existenziellen Erfahrung, geprüft zu werden, wie es im Qur’an heißt? Und ist es nicht unsere Pflicht, so wie Goethe es vor uns formulierte, jeden Tag erneut die Wahrheit zu sagen, weil sich die Lüge unablässig vervielfältigt? Ungeklärt bleibt, ob die heutigen Debatten nicht die zeitgemäße Form der Verpflichtung von Muslimen sind, sich und ihren Din verständlich darzulegen.

Kübra Gümüsay hat Recht, wenn sie sagt, dies sei am besten durch das „normale ­Leben“ zu bewerkstelligen. In dem Sinne muss aber die Frage gestellt werden, warum die aus der Migration erwachsenen muslimischen Gemeinschaften im Westen dies in den letzten Jahrzehnten mehrheitlich unterlassen haben. Interessanterweise hat aber gerade der muslimische Online-Aktivismus dieser Tage recht breitschichtig keine Neigung gezeigt, in die Communities hineinzuwirken oder zu einem Wandel aufzurufen. Von praktikablen Konzepten auf Grundlage der islamischen Prioritätenlehre ganz zu schweigen.

Liegt das Problem des Leidens an solchen Debatten, der Abnutzung im Umgang mit der bösen Welt da draußen, nicht auch daran, dass das geistige und spirituelle Zentrum der eigenen wie kollektiven Existenz nach außen verlagert wurde? Dass wir uns „Heilung“ von den Dingen erhoffen, die uns gleichzeitig zusetzen? Es ist mehr als nur Zufall, dass im von Muslimen geführten Diskriminierungsdiskurs die Erwähnung Allahs fast durchgehend fehlt. Ist die zu Recht beklagte Abnutzung im arg strapazierten „Diskurs“ nicht vor allem ein Zeichen, dass es an einem starken spirituellen Kern mangelt, der uns immunisiert?

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Sulaiman Wilms

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