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Von Fashionqueens zum Lebensgefühl? Tarek Bärliner über Stilikonen und Hijabistas

Gut leben ist mehr als nur Mode

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(iz). Zu jeder Zeit und an jedem Ort ist die Frage nach Identität eine wichtige. Gefühlte neun von zehn meiner Artikel drehen sich um die leidige Suche nach sich selbst. Ein The­ma, zu dem ich die wichtigsten Stichworte bereits genannt habe: Zeit und Ort. Vielleicht war es noch nie so interessant, die Identifikationen junger Muslime zu erforschen wie im Hier und Jetzt.

Die Moderne, die datengewordene Reizüberflutung schlechthin und der Schauplatz, ein globalisiertes Mitteleuropa. Nie war es einfacher, sich Vorbilder zu suchen und nie war es schwerer, richtig vorbildenden Menschen auch wirklich zu folgen. Für Musliminnen ab dem Zeitpunkt der Pubertät beginnt oft der große Konflikt von Wahrnehmung und Wirkung. Immer mehr entscheiden sich recht früh um das so genannte Kopftuch.

Wenn die Bedeckung zur Identität wird
Moderate Mode ist beliebt geworden. Die anfänglich kleine Szene teilt sich den mittlerweile Erfolg versprechenden Ab­satzmarkt mit diversen Online-Shops. Auch größere Textilhändler haben den Trend erkannt und bieten immer häufiger entsprechendes an. Im Internet lassen sich hunderte, wenn nicht tausende Modegurus finden, deren Inhalte sich ausschließlich mit dem Hijab und seiner möglichst schönsten Präsentation be­schäftigen. Sie sind beliebt und erweitern ihren Output meistens auch auf andere Themen. Gerne übernimmt man gleichzeitig auch die Rolle eines Gelehrten, aber um nicht allzu kritisch zu sein – im Internet sind wir das ja alle.

Der Hijab ist für eine Muslima das wohl auffälligste Erkennungsmerkmal. Für etliche Arbeitgeber gilt es als „religiöses Symbol“, für Muslime selbst ist es einfach nur ein Stück Stoff, das die Haare als Teil der so genannten Aura (Schambereich) bedeckt. Genauso gut könnte für sie auch ein Rock als religiöses Symbol gelten, da die Bedeckung der Beine gleichermaßen eine Pflicht ist, wie eben die der Haare. Aber wem erzähle ich das? Wahrscheinlich macht gerade diese Brisanz in der Öffentlichkeit den Hijab zum Sinnbild des eigenen Stolzes und des eigenen Willens der jungen Mädchen.

Konsum
Kürzlich hörte ich von „Dein Hijab hilft!“, einer Initiative von Islamic Relief, die Musliminnen animieren soll, ihre überschüssigen Kopftücher für einen guten Zweck zu spenden. Mit Erstaunen stelle ich fest wie viele Damen sich auch tatsächlich angesprochen fühlten, als es hieß „jeder kennt es, man kauft sich ständig neue Tücher und plötzlich hat man 40.“ Die Hijabistas, wie die Mode-Hijabis im Netz genannt werden, sind sehr pingelig. Vom Kopftuch, über den Gürtel, bis zu den Schuhen muss alles stimmen. Und dafür muss ordentlich eingekauft werden.

Man möchte hübsch aussehen, sich möglichst abheben. Über Facebook findet man unzählige erfolgreiche Hijabi-Models, die anderen Musliminnen das Bekleiden vereinfachen wollen. Oder doch verkomplizieren? Seiten wie „Hi­jab is my diamond“ helfen bei der Outfit-Kombination, und da darf es auch gerne mal H&M sein.

Hinterfragt wird das scheinbar nicht, Fair-Trade wird gemeinhin noch nicht als islamische Angelegenheit erkannt, auch wenn sie das schon immer war. Einige Händler, die ihre Firmennamen gern mit Begriffen wie „Islam“ und „Muslim“ schmücken, bieten massenhaft Chinaware an. Da stellt sich die Frage inwiefern das islamisch ist? Auch in anderen Religionen bedecken die Frauen ihr Haar. Der tiefere Sinn hinter der Bedeckung droht dabei vergessen zu werden.

Echtes aus der Mitte
So wie man heutzutage Kopftücher in allen Farben findet, ist auch die Hijabi-Szene ziemlich bunt. Nicht alles provoziert sofort Kritik und einige Ideen erweisen sich als durchaus hilfreich. Für Anfängerinnen gibt es, auch von deutschen Hijabis, Tutorials zum Binden des Kopftuchs. Unternehmen wie Citra Style lassen bedeckende Kleidung mit einem persönlichen Touch schneidern. Bloggerinnen wie „Orientblicke“ oder „Hijabi Blog“ widmen sich Alltagsthemen junger Musliminnen. Wie geht man mit Diskriminierung um? Welche Cremes verschmieren nicht bei der Gebetswaschung? Gesunde Rezepte? Wo gibt es für Frauen interessante Seminare? – Echtes.

„Der Hijab sollte nicht die Identität einer Muslima sein, aber zweifelsfrei zu ihrer Person gehören“, stellt die neunzehnjährige Samar D. aus Wien in einer Diskussion  für sich fest. Unter den muslimischen Mädchen selbst herrscht eine rege Debatte um die Selbstdarstellung. Kritik an der Fashion-Bewegung bleibt nicht aus, und die ist nicht selten hart. „Du weißt, wie man auf zwölf verschiedene Arten ein Kopftuch bindet, aber du kennst nicht einmal zwölf der Namen Allahs“, schreibt eine verärgerte türkische Facebook-Nutzerin unter den Beitrag einer Hijabista. Auf größeren Seiten kann man Kommentarschlachten zwischen beiden Fraktionen beobachten. Ziemlich befremdlich auf den ersten Blick, aber es offenbart die doch vielseitigeren Herausforderungen, denen sich Mädchen ge­genüberstehen sehen.

Eine stärkende Sehnsucht
Bemerkenswert ist, dass sich unter den Fans der Hijabistas auch etliche Mädchen finden lassen, die selbst ihre Haare noch nicht bedeckt haben. Der Lifestyle strahlt Selbstbewusstsein aus. Eine Hijabista beweist, dass man auch mit bedeckten Haaren hübsch und erfolgreich sein kann. Richtige Werte? Vielleicht sehe ich das auch nur zu verbissen.

Betrachtet man die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die potentiellen Gefahren auf der Straße, hat es eine Muslima wohl schwerer als ein Muslim. Möglicherweise nutzen sie einfach nur jeden Schub an Selbstvertrauen, den sie bekommen können. Neben Facebook-Seiten mit Namen wie „Hijab Swag“, bei denen ich mir einfach zu schade bin sie jetzt zu kommentieren, gibt es ja auch wirklich Initiativen, die Lücken füllen.

Eren Güvercin fragte kürzlich, ob es denn bei all den Vereinen, Projekten und Entwicklungen nicht so viel Islam wie noch nie in Deutschland gäbe, und da lohnt sich ein Einblick in die Strukturen. Während auf muslimischen Veranstaltungen weit über die Hälfte der Besucher weiblich ist, ist man in Gemeindevertretungen und Vereinsvorständen eher mühselig auf der Suche nach Frauen. Der Hijab ist ihr eigenes Thema, ein Feld auf dem kein Mann langfristig mitdiskutieren kann, sofern er sich selbst ernst nimmt. Ernüchternd bleibt, dass aber auch hier viel Energie investiert wird, ohne dass eine qualifizierte Autorität Rahmenbedingungen und Umsetzung vorschlägt. Das viel besprochene Phänomen der Mutation junger Männer im Internet zu ihren eigenen Muftis, Qadis und Sheikhs, macht auch keinen Halt vor der Damenwelt. Im wahrsten Sinne des Wortes agiert die eine oder andere Fashion-Queen auch gerne mal als Amira.

Entscheidungsgewalt (Amr) und islamrechtliche Vertretung können schnell von einem Individuum beansprucht werden und etliche jüngere Mädchen danken es. Ein bisschen Bein zeigen geht, hat Hijabi xy gesagt. Manchmal hat ihr Hoca das auch bestätigt. Aha. Aber zurück zur Farbenvielfalt: Beim Zählen der Seiten, die sich dann doch wieder Alltagsthemen widmen, habe ich schnell die Übersicht verloren. Es sind viele, und viele von ihnen waren zuvor dem Fashion-Trend gefolgt und haben dann einen Wandel vollzogen. Eventuell erleben Musliminnen im noch jungen Phänomen Hijabi-Lifestyle das, was Jungen vor 5-10 Jahren bei Pierre Vogel & Co. fühlten. Eine frische und reizvolle Alternative zum Nichts. Wo die Gebildeten hätten Bildung anbieten müssen und es versäumten, herrscht die Gefahr der Missbildung. Doch mit der Reife kam meistens auch die Besinnung auf traditionelle Werte.

So könnte auch mit der Zeit die Wertevermittlung, oder eben Nichtvermittlung, der Hijabistas hinterfragt werden. Dass die Selbstverwirklichung der Frau eine moderne Revolution ist, mag in den USA und Europa der Fall gewesen sein, in der islamischen Tradition hingegen lassen sich jedoch Dutzende, nein hunderte, nein tausende Frauen finden, denen es nicht an Stärke, Selbstbewusstsein, Intelligenz, religiöser Bildung und wahrer Schönheit mangelte. Und die große Frage für die Fleißigen ist nun: Machten sich diese Vorbilder je so viele Gedanken um den Hijab? Und: Über was definierten sie sich wirklich? Und um es in den Worten eines dieser Vorbilder abzuschließen: „Oh Herr, befreie mich von den Gedanken, die mir nicht nutzen und erlaube mir mich auf das Dienen zu fokussieren. Lösche das letzte bisschen Liebe zur Welt aus meinem Herzen, sodass ich mich den Leuten in einem Leichentuch zeigen kann, auf dass ihre Augen mich nicht mehr begehren und ich ihre Augen nicht ersehne.“ (Rabia Al-Adawija)

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