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Von Thukydides lernen

Steuern wir willentlich in die nächste Finanzkrise? Von Jomo Kwame Sundaram & Vladimir Popov

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Foto: Pingnews.com, via flickr | Lizenz: BY Sa 2.0

(IPS). Anstrengungen zur wirtschaftlichen Erholung seit der Finanzkrise 2008-9 setzten mehrheitlich auf eine unkonventionelle Geldpolitik. Während Ängste einer weiteren internationalen Finanzkrise größer werden, nehmen die Sorgen vor einem gesteigerten Risiko übergreifender militärischer Konflikte zu. In der gegenwärtigen politischen Landschaft, einer anhaltenden Wirtschaftskrise in Kombination mit steigender ökonomischer Ungleichheit, chauvinistischem, ethnischen Populismus ­sowie aggressiver patriotischer Rhetorik können diese Aspekte außer Kontrolle geraten und sich in bewaffnete Auseinandersetzungen verwandeln.

Der vor zehn Jahren ausgebrochene Finanzkollaps führte beinahe zum „Bankrott“ von Regierungen und verursachte einen syste­matischen Zusammenbruch. Politikern ­gelang es, die Weltwirtschaft vor einem Abgleiten in den Abgrund zu schützen. Sie ­schalteten aber bald wieder von antizyklischen finanziellen Maßnahmen zu unkonven­tio­nellen um. Dabei handelte es sich mehrheitlich um die Erhöhung der Geldmengen sowie sehr niedrigen, wenn nicht gar negativen Zinssätzen.

Während diese Eingriffe das Wahrwerden der schlimmsten Befürchtungen der US-Wirtschaft abwenden konnte, geschah wenig, um die grundlegenden ökonomischen Schwächen zu behandeln. Das lag im wesentlichen am Aufstieg der Finanzwirtschaft der letzten Jahrzehnte auf Kosten der Realökonomie. Seitdem waren Politiker – trotz ihrer Versprechen – nicht in der Lage, dringend nötige Reformen zu verfolgen oder gar umzusetzen. Stattdessen haben vermeintliche Strukturreformer die Gelegenheit der Krise genutzt, um mehrheitlich unwichtige Anstrengungen zur weiteren Verschlechterung der Arbeitsmärkte zu unternehmen. Dieser Mangel an Strukturreformen bedeutete, dass die bisher nie gekannte Geldmenge, welche die Zentralbanken in die Wirtschaften gepumpt haben, nicht genutzt wurde, um einen Aufschwung der Realwirtschaft zu stimulieren.

Stattdessen veranlassten die größeren Kreditmengen steigende Vermögenspreise, die sogar höher sind als jene vor 2008. Heute liegen die US-Immobilienpreise um 8 Prozent höher als vor dem Höhepunkt der Immobilienblase im Jahre 2006. Das Verhältnis zwischen ­Preisen und Einkommen war Ende 2018 ­größer als in 2018 und 1929, als der Zusammenbruch der Wallstreet der Großen Depression voranging.

Da die geldpolitische Straffung die Preisblasen von Vermögenswerten kontrolliert, gilt eine weitere Wirtschaftskrise als wahrscheinlich. Sie könnte möglicherweise schlimmer aus­fallen als die vorherige. Denn die Wirtschaft kann in geringerem Maße auf solche stumpfe geldpolitische Maßnahmen reagieren. Ein Jahrzehnt voll unkonventioneller Geldpolitik – mit geringeren Zinsraten – hat die Fähigkeit zur Wiederbelegung der Wirtschaft ausgelaugt.

Die Folgen solcher Entwicklungen jenseits der Wirtschaft zeichnen sich ab. Fortgesetzter wirtschaftlicher Druck hat die öffentliche ­Ablehnung gegenüber kulturellen Fremden – im In- wie im Ausland – vergrößert. Daher droht eine weitere Runde ökonomischer ­Sorgen über mögliche Unruhen. Eine Sorge ist Krieg, der wahrscheinlicher scheint, während Fremde für die Ursachen verantwortlich gemacht werden.

1930 führte das Smoot-Hawley-Zollgesetz in den USA dazu, dass der Welthandel zu Beginn der Großen Depression um zwei Drittel sank. Angeblich wurde er beschlossen, um amerikanische Arbeiter und Bauern vor ausländischer Konkurrenz zu beschützen. Daher könnte ein ethnopopulistisch inspirierter chauvinistischer Nationalismus Spannungen verschlimmern. In den 1930ern führte dieser zu Konflikten zwischen den Staaten. Opportunistische Führer machen Fremde für dieses Unglück verantwortlich. Mancher unter ihnen könnte eine Politik umkehren, die als wahrgenommene Ursache identifiziert wird wie beispielsweise eine „globalistische“, ökonomische Lockerung.

Strategien solche Probleme erfolgreich zu ­verhindern, könnten soziale Spannungen ­sowie die Wahrscheinlichkeit sozialer Unruhen und Konflikte verringern. Diese können ihrerseits unbeabsichtigt andere Probleme herbeiführen. Die aktuelle Zunahme von Stimmungen gegen Globalisierung scheint mit einem langsamen, wenn nicht rück­läufigem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens und einer erhöhten wirtschaftlichen Ungleichheit in Zusammenhang zu stehen.

Globalisierung und Liberalisierung sind zwar statistisch mit wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit und zunehmendem Ethnopopulismus verbunden, doch haben sinkende Realeinkommen und wachsende wirtschaftliche Unsicherheit den Ethnopopulismus und den nationalistischen Chauvinismus gestärkt.

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty ist der Ansicht, dass auf einen plötzlichen Anstieg von Einkommensunterschieden häufig eine große Krise folgt. Obwohl Kausalität häufig schwierig zu begründen ist, sollte der historische Höhepunkt von Einkommens- und Besitzunterschieden für uns Anlass zur Sorge sein. Fraglos tragen auch andere Faktoren zur Zunahme gesellschaftlicher und internationaler Spannungen bei. Nichtsdestotrotz können ökonomische Entwicklungen unbeabsichtigt dazu beitragen, dass sich zukünftige Krisen und Konflikte weiter verschlechtern.

Auf internationaler Ebene wird der Multi­lateralismus trotz beispielloser und weiter zunehmender Vernetzung der Welt zunehmend vermieden. Die USA greifen zunehmend auf eine einseitige Politik zurück, ohne Koalitionen mit ihren üblichen Verbündeten aufzubauen.

Daher könnten fortgesetzter ökonomischer Stress, wirtschaftliche Konflikte oder eine ­weitere Finanzkrise zu einer militärischen Konfrontation durch die Protagonisten führen – selbst wenn dies unbeabsichtigt ist. ­Weniger als ein Jahrzehnt nach Anfang der Großen Depression begann der Zweite Weltkrieg. Die Achsenmächte forderten die frühe­ren Kolonialmächte heraus. Offenkundig ignorierten sie die Warnung des griechischen Historikers Thukydides in seiner Chronik des Peloponnesischen Krieges vor mehr als 2.000 Jahren, als der Aufstieg Athens die frühere Dominanz von Sparta herausforderte.

Das Vorwegnehmen und Ansprechen solcher Möglichkeiten kann beitragen, mögliche ­Katastrophen zu vermeiden, indem vorbeugende kollektive Maßnahmen ergriffen werden, so schwierig dies sein mag. Die internationale Gemeinschaft hat keine Entschul­digung dafür, wie die Eigentümer und der Kapitän der Titanic zu handeln und fest davon überzeugt zu sein, dass kein Eisberg das Schiff versenken könnte.

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