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Von Wien bis Konstantinopel sind es nur ein paar Meter. Ein Reisebericht von Oscar A.M. Bergamin, Sarajevo

Zu Besuch in Sarajevo

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(iz). Wer in der bosnischen Haupstadt Sarajevo einen Stadtrundgang beginnt, startet im Osmanischen Reich und gelangt schon kurz darauf zu den prachtvollen Imperialbauten der Habsburger Monarchie.

Das Interessante an Europa ist, dass je weiter man nach Osten reist, man sich stets fragen kann, wann denn der Westen aufhört und man im Osten angekommen ist. Jedes Tourismusbüro auf dem Balkan, egal in welchem Land, behauptet, ihre Stadt sei die Brücke zwischen Orient und Okzident. Das gilt für alle großen Städte wie Bukarest in Rumänien oder Budapest in Ungarn, aber auch für Sofia in Bulgarien, Skopje in Mazedonien oder Prizren im Kosovo, bis man schließlich in Istanbul angekommen ist. Dort feiern die Türken in diesem Jahr ihr osmanisches Erbe als Kulturhauptstadt Europas und – ja natürlich – als Brücke zwischen Orient und Okzident. Umgekehrt kann man aber auch von Osten nach Westen reisen und sich fragen, wann und wo der Osten zu Ende ist und der Westen beginnt. Wo beginnt der Westen? In Sarajevo, das sich ebenfalls als Brücke zwischen Orient und Okzident betitelt?

Von den Osmanen zu den Habsburgern
In Sarajevo sind es auf einer Distanz von wenigen Metern nur ein paar Schritte von Istanbul nach Wien. Wer einen Stadtrundgang im Osten beginnt, startet im Osmanischen Reich mit seinen Basaren und niedrigen Steinhäusern, und gelangt schon kurz darauf zu den prachtvollen Imperialbauten der Habsburger. Dann gibt es selbstverständlich die graue Tristesse der realsozialistischen Hochhäuser aus der Zeit Jugoslawiens und die Stahlhochhäuser mit Glasfassaden des Kapitalismus. Dazu braucht ein Tourist gerade einmal zehn Minuten. Dreht er um und betrachtet die Stadt mit einer religiösen Brille, dann kommt er an drei Synagogen, einer orthodoxen und einer katholischen Kirche vorbei und erreicht an seinem Ausgangspunkt eine Moschee. Für diese Reise durch mehrere Jahrhunderte und die Kulturen braucht der Reisende also maximal zwanzig Minuten, und er muss dafür die Einkaufsstrasse im Stadtzentrum nur einmal auf- und ablaufen. Am sichtbarsten ist der „Unterschied zwischen Ost und West“ an der „Slatko Cose“, der „süßen Ecke“, so genannt wegen den vier Läden mit Süßigkeiten an dieser Kreuzung in der Bascarsija, dem alten Teil von Sarajevo. Dieser kulturelle Mittelpunkt von Sarajevos historischer Altstadt ist die Grenzlinie zwischen der Bascarsija und der Ferhadija-Straße.

Hier wechselt sogar das Straßenpflaster vom groben Granit der Osmanen in den Marmor der Habsburger. Auf der einen Seite türkische Kaffeeläden, Minarette und Moscheen, auf der anderen Seite Wiener Kaffeehäuser. Auf der einen Straßenseite die türkische Ziraat Bank und ein paar Schritte weiter die österreichische Volksbank. Beginnt hier der Westen? Ist dies die wirkliche Brücke zwischen Orient und Okzident? Oder ist das alles nur ein Klischee und ist die „Brücke zwischen Orient und Okzident“ lediglich eine westliche Erfindung, um sich vom Osten abzugrenzen, weil in Wahrheit Ost- und Westeuropa ohne Brücke auskommen und eigentlich eine Einheit bilden?

Die Klischees des Westens über den Balkan
In ihrem 1997 erschienenen Buch „Imagining the Balkans“ betont die bulgarisch-amerikanische Historikerin, Philosophin und Schriftstellerin Maria Todorova, dass „der Westen“ den Balkan immer mit einer Brücke zwischen Orient und Okzident verglichen habe. Oft glaube man im Balkan die „dunkle Seite des europäischen Kontinents, sein ‚antizivilisatorisches alter ego‘ oder schlichtweg eine periphere Region, in welcher ‚der Krieg niemals aufhört‘, zu erkenne“, so Todorova. Ihr Buch ist ein unschätzbares Sammelsurium an Informationen, um die Geschichte des Balkans und auch die der Stadt Sarajevo zu verstehen. Zudem kann es dabei helfen, die Überheblichkeit der „zivilisierten“ westlichen Klischeevorstellungen zum Thema Balkan zu relativieren und besser zu ertragen. Wenn Sarajevo ein Teil des Kontinents ist, in dem so viel europäische Geschichte geschrieben wurde, warum hat Europa es dann zugelassen, dass eine Belagerungsarmee von 260 Panzern und 120 Geschützen die Stadt während vier Jahren täglich unter Feuer genommen hat? Von 1992 bis 1996 starben hier nach offizieller bosnischer Statistik insgesamt 10.615 Menschen und wurden rund 50.000 Personen verletzt. Die Skipisten ähnelnden weißen Flecken auf den Hügeln der Stadt, wo noch 1984 die Olympischen Winterspielen ausgetragen wurden, sind näher betrachtet die Friedhöfe der Opfer.

„Rosen von Sarajevo“
Auch wenn jetzt tausende Touristen durch die Einkaufsstraße zwischen der Bascarsija und der Ferhadija-Straße flanieren und die einzige Schlacht die hier noch tobt die der Schachspieler im Park ist – die Narben an der Stadt selber könnte sogar ein Blinder nicht übersehen. Die Spuren der vor knapp 15 Jahren noch bis zu 300 täglich einschlagenden Mörsergranaten sind noch vorhanden. Die Einschläge haben auf dem Pflaster und auf dem Asphalt Spuren hinterlassen, deren Form vage an eine Blume erinnert und die daher auch „Rosen von ­Sarajevo“ genannt werden. Sie wurden von der Bevölkerung mit rotem Harz aufgefüllt, um nicht vergessen zu lassen, dass an diesen Stellen Menschen zu Tode kamen.

So eine „Rose“ gibt es auch vor einem unscheinbaren Modegeschäft der internationalen Kette Tally Weijl in der Ferhadija-Straße. Hier befand sich 1992 eine Bäckerei. Am 27. Mai von dem Jahr stellten sich die Menschen vor dem Geschäft an, um Brot zu kaufen. Eine lange Schlange hatte sich vor dem kleinen Laden gebildet. Plötzlich zerriss die Detonation einschlagender Mörsergranaten die morgendliche Ruhe. Die Splitter richteten ein furchtbares Blutbad an. Dieses Massaker löste eine Welle der Sympathie für die eingekesselten Bosnier in der internationalen Gemeinschaft aus, welche dem Krieg eine neue Wende geben sollte.

So einige historische Wenden kann die Stadt verbuchen, die eigentlich mehr als ein halbes Jahrtausend lang für ethnische und religiöse Toleranz bekannt war. Unter den Osmanen und ihren Habsburger Nachfolgern lebten Muslime, Kroaten, Serben und Juden in diesem balkanischen Schmelztiegel harmonisch zusammen. Das änderte sich mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und den darauf folgenden Balkankriegen, und dem Anschlag vom 28. Juni 1914 auf dem Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, der hier im historischen Zentrum Sarajevos ermordet wurde, was den ersten Weltkrieg auslöste. Die Ausstellung im Muzej Sarajeva in Bascarsija ist ausschließlich diesem Attentat gewidmet.

Touristenmagnet mit gehörig Sarkasmus
Trotz der blutigen Geschichten ist Sarajevo ein Touristenmagnet, und mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Humor wird die Vergangenheitsbewältigung auch touristisch ausgeschlachtet. So gibt es in allen Buchhandlungen – und es gibt wahre Fundgruben darunter – die sogenannte „Sarajevo Survival Map“, die es den Interessierten möglich macht, die Belagerung der Neunziger Jahre nachzuvollziehen. Hauptattraktion bleibt aber die Bascarsija. Das Viertel wurde im 15. Jahrhundert erbaut, als Isa-Beg Ishakovic die Stadt gründete. Am Haupteingang wurde der Marktplatz der Händler (Bazerdzane) gebaut. Im Westen entstand der Marktplatz der Kurzwarenhändler (Kazazi), und im Norden der Marktplatz der Sattler (Saraci). Die vielleicht wichtigsten Objekte, die in dieser Zeit erbaut wurden, sind Moscheen. Die bekannte Bascarsijska Moschee wurde 1528 von Havedza Durak erbaut. Gazi-Husrev-Beg erbaute seine Moschee im Jahre 1530. Gazi-Husrev-Beg hat in der Bascarsija auch eine Madresa, Bibliothek, ein Haus für Derwische, ein türkisches Bad, den Bezistan (überdeckter Marktplatz), Morica Han (Gaststätte), den Uhrturm und viele weitere Objekte gebaut.

Die Bascarsija erblühte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie war nach den Branchen des Handwerks aufgeteilt, sodass man in jeder Straße die Geschäfte eines Handwerksbereichs finden konnte. Noch heute lassen sich Besitzer kleiner Läden und Schmiede nicht einfach durch Überhand nehmende, touristischen Kitsch verkaufende Händler oder Restaurantbetreiber verjagen. Auch wenn die politische Lage noch relativ kompliziert ist, blüht Sarajevo wieder auf und ist für Historiker und Touristen sehr interessant und eine gute Ausgangslage für Tagesausflüge. Wenn man bei so einem Ausflug Rast macht in einem Dorf, wo der Muezzin gerade zum Gebet ruft, und auf der anderen Straßenseite jemanden mit einem T-Shirt mit den Porträts von Radovan Karadzic und Ratko Mladic und dem Spruch „Serbian Heroes“ sieht, muss man sich nicht wundern. Hier ist alles möglich.

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