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Vorab aus der aktuellen Ausgabe: IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Sulaiman Wilms

Wie können wir gerecht handeln?

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„Allah gebietet Gerechtigkeit, gütig zu sein und den Verwandten zu geben; Er verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit. Er ermahnt euch, auf dass ihr bedenken möget.“ (An-Nahl, 90)

„Ihr Geschäftsmänner! Gewiss, Satan und die Verfehlung sind bei den Geschäftsabwicklungen stets gegenwärtig, so durchmischt eure Geschäfte mit der Zahlung von Spenden.“ (Hadith des Propheten Muhammad, Tirmidhi)

(iz). Es ist kein Zufall, dass die Sendung des Propheten, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, in einer Stadt begann, die von einer Elite aus Händlern dominiert wurde. Allerdings waren deren Geschäftspraktiken das Gegenteil von dem Ideal, das in späteren Jahrhunder­ten mithalf, den Islam auf drei Kontinenten zu verbreiten.

Die große Transaktion Nicht nur das, Handel und Transaktion finden ihren Anklang in unse­rer religiösen Lebensweise. Die eigent­liche Bedeutung des Wortes „Din“, das heute verkürzend mit „Religion“ übersetzt wird, verweist auf den Vertrag, den der Sklave mit seinem Herren hat: Es ist verwandt mit dem Wort „Dain“, Schuld. Allah, der Erhabene, hat versprochen, dass – sollte unser Handel mit Ihm ­erfolgreich sein – wir in den Garten ­ein­treten sollen. Das wird als „der große Vertrag“ oder „die große Transaktion“ ­bezeichnet und ist die Grundlage für das Prinzip ­eines jeden Handels.

Ortstermin Solingen
Nach einer langen Zeit, in der sich viele Muslime auf politische Schlagworte und persönliche Rituale haben beschränken lassen, kommt es nun in vielen Ländern des Westens zu einem Wandel, wonach es ohne konkretes Verhalten des Einzelnen – und ­seiner Gemeinschaft – in wirtschaftlichen Fragen auch keine spirituelle Erleuch­tung geben kann. Von den USA bis Deutschland beschäftigen sich junge Muslime damit, wie sie ihren eigenen Alltag transformieren können und wie sie ihren Beitrag zum Ende ungerechter ökonomischer Verhaltenswei­sen leisten können. An diesem Punkt bietet die Bewegung für einen gerechten Welthandel Anknüpfungspunkte, sich praktisch zu engagieren und inspirieren zu lassen.

Eine Möglichkeit, hier einen Anfang zu machen, bot eine Fachtagung am 30.11. in Solingen. Unter Beteili­gung verschiedener Initiativen und Projekte tauschten sich muslimische Interessierte und Aktivisten mit Fachleuten der Bewegung aus. Organisiert wurde dieses bisher einmalige Seminar im Rahmen eines „offenen Initi­ativkreises“, in dem sich „eine Vielfalt regionaler und bundesweiter Ak­teurinnen und Akteure“ zum Thema „Gerechter Handel und Konsum – Was können Muslime tun?“ koordinieren. Entscheidend sei, so der Konsens, nicht nur auf der theoretischen Ebene zu verharren, sondern praktische Konzepte zu erarbeiten und zu realisieren.

Starkes Wachstum aus kleinen Anfängen
Heute kennen die meisten Kaffee, Schokolade oder Gewürze in Supermärkten oder Discountern mit dem Fairtrade-Logo. Und ein Teil ist sich wohl bewusst, dass damit Produkte gekennzeichnet werden, die in gerech­ten Arbeitsverhältnissen produziert beziehungsweise angebaut werden.

Ihren Anfang nahm die Bewegung, die heute noch ein kleines Segment des globalen Konsums ausmacht, bei engagierten Christen und Aktivisten in den 1970er Jahren, als ihnen im Rahmen des Nord-Süd-Dialogs die zumeist ungerechten Arbeits- und Handelsverhältnisse in der so genann­ten „Dritten Welt“ bewusst wurden. Aus dem Verlangen praktisch handeln zu müssen, entstanden in den folgen­den beiden Jahrzehnten die ehrenamtlich organisierten Eine oder Dritte Welt-Läden – oft auch im Rahmen von Kirchengemeinden.

Hinzu kamen professionell arbeitende Importeure, die häufig direkt mit Produzenten-Genossenschaften oder Kleinbauern vor Ort handelten. Die bekanntesten, Gepa und El Puente, konnten sich bis heute halten. Einen enormen Schub erhielt die Idee durch die Einführung eines internationalen Transfair-Logos (inkl. aller Lizenzierungsmechanismen). Dadurch gelang es, die Produkte in den konventionellen Einzelhandel zu bringen. Mehr und mehr zogen normale Unternehmen nach, die sich von den Lizenzgebern ihre Produkte lizenzieren lassen.

Die Idee ist nicht komplex: Im Gegensatz zur Vielzahl ungerechter Geschäftspraktiken in ärmeren Ländern, die zu enormen Leid und Konflikten führen, ermöglicht der gerechte Handel den Erzeugern der Waren ein menschenwür­diges Leben. Kleinbauern bezie­hungsweise Kooperativen oder Genossenschaften erhalten einen Mindestpreis, der über den Weltmarktpreisen liegt. Fallen diese massiv, so wird ihnen trotzdem ein verlässliches Auskommen ermöglicht. Außerdem wird versucht, langjährige Geschäftsbeziehungen zu Produzenten aufzubauen. Nach Möglichkeit werden Zwischenhändler ausgeschlos­sen. Dabei geht es nicht nur um Preise; aus den erhöhten Preisen werden vor Ort Programme zur Sicherung der Betriebe geleitet, aber auch für Bildung, Gesundheit, Marketing und Frauen.

Ganz ohne Kritik kommt auch dieses Konzept nicht aus. Aktivisten, die sich für eine allgemeine Gerechtigkeit der Handels- und Produktionsbedingungen einsetzen, sehen insbesondere in den Absatzwegen via den ­normalen Einzelhandel ein „Feigenblatt“, die ansonsten ungerechten Verhältnisse zu legitimieren. Aus Sicht des muslimischen Rechts ist es zudem mindestens bedenklich, dass Lizenzierungsgebühren sowie weitere Mehrkosten den Preis der Waren über die nötigen Kosten nach oben treiben. Die höhe­ren Preise für Fairtrade-Produkte (die allerdings oft eine bessere Qualität haben) dürften ein starkes Wachstum unter breiten Schichten wohl erheblich beschneiden.

Muslime machen mit
Zu den Vorreitern der deutschen Muslime gehört die Frankfurter Moschee Islamische Informations- & Serviceleistungen e.V. (IIS e.V.) Seit dem 9.9.2011 bietet sie – als deutschlandweit erste Moscheegemeinde überhaupt – fair gehandelte Produkte zum Verkauf an, erläutert Imam Mohammed Johari, der auch als Referent in Solingen auftrat. „Um unsere Gemeinde dafür zu sensibilisieren, ­haben wir eine Freitagspredigt zu den theologischen Grundlagen im Islam zum gerechten Wirtschaften in der IIS Moschee in Frankfurt abgehalten.“ Seit Beginn der Initiative beteiligt sich das IIS auch als Teilnehmer bei Veranstal­tungen zum Thema.

Johari beschreibt, warum Fair Trade für wichtig ist: „Fair Trade bedeutet die Werte der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ausleben und nicht nur zu predigen, denn durch diesen kann man Menschenleben nachhaltig positiv beeinflussen. Fair Trade ­bedeutet in der Regel auch Gesundheitspflege, schließlich ist der Großteil der Produkte ‘Bio’. Durch den Fair Trade vermögen wir nötige Denkprozesse Bewusstseinswandlung in den traditio­nellen muslimischen Ländern anzustoßen. Fair Trade bedeutet, mit Andersgläubigen oder Atheisten in einen sinnvollen Austausch zu treten. So kann man dem islamischen Gebot der Erweisung von Wohltaten gegenüber den Nachbarn nachkommen.“

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