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Vorab aus der neuen Ausgabe: Die IZ-Redaktion bleibt den „Weimarer Gesprächen“ verpflichtet. Von Khalil Breuer

Weimar – ein Gegenbild

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(iz). Die Muslime in Weimar – ein „Happening“, eine „Provokation“ oder auch eine denkbare Quintessenz ihrer Präsenz in Deutschland? Schon seit Jahren lädt die Islamische Zeitung immer wieder zu Seminaren und Stadtführungen dorthin ein. Am letzten Wochenende ging es um das Thema „Muslimisches Dasein in Deutschland. Eine Selbstfindung“. Chefredakteur Sulaiman Wilms betonte in seinem Grußwort das jahrelange Engagement der Zeitung, die Stadt und seine geistigen Hintergründe einem breiten muslimischen Publikum anzubieten. „Weimar ist ein wichtiges Symbol der Präsenz der Muslime in Deutschland“, stellte Wilms einleitend die Position der Redaktion vor. Auf dem zweitägigen Seminar konnte Wilms wieder angereiste AbonnentenInnen der IZ und Vertreter islamischer Gemeinschaften aus dem ganzen Bundesgebiet begrüßen.

Besonders spannend war dabei, dass die IZ-Redaktion, neben dem IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger, mit Feridun Zaimoglu und Dr. Eberhard Straub einen Schriftsteller und einen Historiker als Referenten gewinnen konnte. Da die Debatte über die Muslime in den letzten Jahren meistens im Rahmen der „politischen Debatten“ geführt wurde, war es in diesem Feldversuch wichtig, auch den Beitrag Intellektueller, Schriftsteller und Historiker zu hören. Naturgemäß ging es bei den Referaten dann auch um die Bedeutung der Sprache und die Probleme verbreiteter Geschichtslosigkeit. Ohne diese gemeinsame Sprache, so waren sich die Teilnehmer einig, kann dieser Austausch auf Augenhöhe nicht gelingen.

Besonders eindrucksvoll nahm das Publikum den Beitrag Zaimoglus auf, der ungeschminkt wie provokant die alltägliche Lage der Muslime beschrieb und daran erinnerte, dass unsere eigentliche Identitätsbildung im „Haushalt“ beginnt. Mit gewohnter Brillanz trug der Schriftsteller einen anspruchsvollen Text vor und bewies so seine Virtuosität im Umgang mit der deutschen Sprache. Er beklagte in der Diskussion eine verbreitete „Sprachlosigkeit“, die wir als Muslime im Gespräch gemeinsam überwinden müssten. Selbstkritik und auch die direkte Ansprache des Fehlverhaltens von Muslimen dürften dabei kein Tabu sein. Im Kern, so argumentierte der Schrifsteller, sind es die unmittelbaren Verhältnisse „zu Hause“, die unseren Geist entscheidend beeinflussen.

Der Historiker Eberhard Straub wiederum erinnerte nicht nur an die lange Tradition des Austausches des Abendlandes mit der islamischen Welt, sondern auch an die jahrhundertelange Praxis des „leben und leben lassen“. Die Unvorstellbarkeit, die Vernichtung der anderen Daseinsform als ein Ziel zu setzen, überhaupt, die Ferne der großen islamischen Zivilisationen von der Gewalt totalitärer Raumbeherrschungskonzepte, die es zum Beispiel im arabischen Raum ermöglichte, dass sich Zivilisationen nebeneinander und miteinander entwickeln konnten, prägten lange das positive Bild über den Nahen Osten. Als Historiker riet Straub zu einer gewissen Gelassenheit im Umgang mit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland. „Warum soll es keine islamischen Schulen geben?“, fragte Straub zum Beispiel und erinnerte an die konfessionell gebundenen Angebote der katholischen Kirche.

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger versuchte, in seinem Beitrag den Begriff der „Identität“ in seiner Starrheit aufzubrechen. „Wir gewinnen und verlieren immer wieder, zumindest wenn wir unterwegs sind, neue Identitäten“, beschrieb Rieger. Er stellte klar, dass der Begriff des „deutschen Muslims“ für ihn allein auf das Sprachvermögen bezogen sei. Und so stellte er fest: „Wer Deutsch spricht, ist – wenn er es denn sein will – Deutsche(r).” Die Beschäftigung mit dem Werk Goethes führe „Muslime über die Begrenzungen und Einschränkungen des Nationalen hinaus“, stellte er fest. Für Rieger sind Eigendefinitionen wie „Deutscher, Muslim, Goetheaner“ kein Widerspruch, sondern existierten nebeneinander in einem schöpferischen Spannungsfeld. Im Kern der muslimischen Existenz stehe aber das einfache Muslimsein.

Der Autor und Journalist Eren Güvercin fasste die Beiträge zusammen und band dann auch die Zuhörer aktiv in die Diskussion ein. Interessant waren dabei die Beiträge von Musliminnen, die einerseits die Diskriminierung von Muslimen in Deutschland beklagten, aber, anderseits, auch von einem neuen Selbstbewusstsein der Muslime berichteten. Ihre eigene Präsenz in Weimar verstanden die anwesenden Muslime als ein Gegenbild zu der aktuellen Verknüpfung des Islam mit Gewalt und Terror.

Nach der Diskussion bestand dann bei einem gemeinsamen Abendessen Gelegenheit zu weiterem Kennenlernen. Bei der eindrucksvollen Stadtführung am nächsten Morgen, hatten die Teilnehmer zum Abschluss die Gelegenheit, Facetten der Stadt kennenzulernen. Sulaiman Wilms erwies sich nicht nur als Kenner von historischen Fakten, sondern auch als guter Erzähler vieler Anekdoten rund um das Leben Goethes und Schillers. Hierbei – so Wilms – gehe es ihm nicht um die Romantisierung oder Vereinnahmung der Klassik. Er sprach auch den sichtbaren Bruch der Weimarer Traditionen in der Berührung mit den modernen Ideologien an. Auf dem Weimarer Marktplatz ging nicht nur Goethe spazieren, sondern hier wurde unter dem Balkon des Hotel Elephant auch unter der Regie der Nationalsozialisten dem deutschen Rassismus gehuldigt. Auf einer Wiese, die Goethe mit Eckermann als Ort für ein fröhliches Frühstück wählte, steht heute das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald.

Die Redaktion plant aufgrund der guten Resonanz die Fortsetzung der Reihe in Deutschland. Dabei sind natürlich auch andere Orte im Visier; gerade auch, um die zahlreichen Berührungspunkte zwischen Muslimen und Deutschen aufzuzeigen.

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Khalil Breuer

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