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Vorab aus der neuen Ausgabe – Eine Positionsbestimmung der IZ-Redaktion, um die Debatte nach Pegida und Paris sinnvoll zu ordnen

Wir wehren uns – warum?

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(iz). Der Islam in Deutschland hat in diesen Tagen ein eindrucksvolles Zeichen gesetzt. Unter Verwahrung gegen jede Form der Kollektivschuld, haben führende Repräsentanten des Islam eine klare Linie gegenüber gewaltbereiten Salafisten gezogen. Die Berliner Demonstration am Brandenburger Tor hat insofern ein wichtiges Zeichen gesetzt. Die These, dass wir Muslime, die in Gemeinschaft leben und der Sunna folgen, nichts mit der inner-islamischen radikalen Opposition gegen uns selbst zu tun haben sollen, ist falsch.

Wir bedauern die schrecklichen Taten in Paris und auch wir betrauern die unschuldigen Opfer. Die Logik bleibt, dass wir die Untaten muslimischer Terroristen und Verbrecher beklagen, gleichzeitig aber, auch aus der Tradition des Islam heraus, jede Möglichkeit eines „islamischen“ Terrorismus absolut verneinen. Die tendenziöse Gleichsetzung jeder Handlung von Individuen mit dem Islam an sich ist nicht geeignet, sozialen Frieden zu stiften. Wir Muslime geben keinerlei Grund für die Annahme, dass die Gesetze dieses Landes nicht auch für uns gelten sollten.

Es gibt praktisch keine Moscheegemeinde in Deutschland, die sich in diesen Fragen nicht eindeutig positioniert hat. Jede Moschee, die ihren Gläubigen Islam, Iman und Ihsan vermittelt und vorlebt wird extremistische Einzelgänger erfolgreich ausgrenzen. Als Bürger unterstützen Muslime die Strafverfolgung von Kriminellen. Auch diese Zeitung wird weiterhin die Auseinandersetzung mit modernen Ideologien betreiben, bis hin zur scharfen Zurückweisung des so genannten Islamischen Staates. Wir verwechseln dieses Engagement aber nicht mit den verbreiteten Formen der Anbiederung oder übertriebenen Selbstzweifeln. Es gibt auch die andere Seite der Medaille.

Seit Jahren erscheinen deutsche Medien in Trauerflor wenn es um den Islam geht. Überall wird der Islam vereinnahmt, politisiert, gedeutet und in dialektischen Bezügen destruiert. In vielen Fällen ist Kompetenz keine Voraussetzung mehr zur Teilnahme an der Debatte über Muslime. Die Muslime sind hier als Minderheit Objekt unterschiedlicher Intentionen und durchaus bedroht. Der unbestimmte Begriff des „Islamismus“ darf nicht zum Instrument werden, Verbrechen, unbequeme Positionen und die in jeder Religion zu findende Orthodoxie undifferenziert zusammenfassen.

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„Wir wehren uns“ meint, dass die IZ auch künftig die andere muslimische Gemeinschaft – bunt, vielfältig, aber auch stark in der Argumentation – zeigen wird. Hierzu gehört zunächst das natürliche Recht als Bürger dieses Landes, unsere gesellschaftlichen Positionen offensiv zu vertreten. So teilen wir, auch mit anderen Gläubigen, zum Beispiel die Auffassung, dass bösartige Karikaturen den sozialen Frieden gefährden. Es braucht keine besondere Erwähnung, dass diese Positionierung nur friedlich erfolgen kann und darf. Neueste Umfragen zeigen, dass auch beinahe die Hälfte aller Franzosen diese Sicht teilen. Wir fürchten einen radikalen Säkularismus, der angeblich keine Tabus mehr anerkennen will.

„Wir wehren uns“ gegen die perfide Strategie der PEGIDA-Bewegung, hier lebende Bürger als ewige-rechtlose Immigranten anzusehen und die Wahrung ihrer Rechte als „Islamisierung“ Deutschlands zu bezeichnen. Wer hier geboren ist, die deutsche Sprache spricht oder mit guten Absichten Deutschland als seine (neue) Heimat anerkennt, ist in unserem Sinne „Deutscher“. Die ideologische Islamkritik leugnet dagegen den Geist Goethes oder Friedrich des Großen und ignoriert die dramatischen Folgen der eigenen Identitätskrise, die mit einer irrationalen Dialektik gegen den Anderen überwunden werden soll. Für eine kontroverse, aber zivilisierte Debatte über die Fragen des Zusammenlebens, des Glaubens, der Moral oder der Technik stehen Muslime gerne zur Verfügung.

„Wir wehren uns“ gegen die Unterstellung, der Islam sei einer bestimmten Kultur zugeordnet. Wir verstehen den Islam vielmehr als einen Filter von Kultur, der auf Erneuerung setzt und das Positive jeder Kultur zu integrieren vermag. Die kulturelle Bereicherung unserer konsumorientierten Gesellschaften ist eine Aufgabe aller Bürger. Wir wehren uns dabei ausdrücklich nicht gegen die Forderung der Mehrheitsgesellschaft, dass wir Muslime unseren positiven sozialen Beitrag für diese Gesellschaft deutlicher machen müssen.

„Wir wehren uns“ gegen das unsinnige Postulat einer angeblichen Verweigerung der Muslime gegenüber der Aufklärung. Kein Muslim will unter Voraussetzungen von Diktatur oder Ideologie leben. Als denkende Menschen sorgt uns aber auch die Bedrohung der Freiheit durch neue Techniken der Macht. Wir mahnen ausdrücklich an, die Grundsätze der Vernunft auch auf unsere Ökonomie anzuwenden. Es fällt uns insofern schwer, an die Rationalität einer endlosen wundersamen Geldvermehrung zu glauben. Die Idee endlosen Wachstums erscheint uns ebenso denkfeindlich.

„Wir wehren uns“, die gesamte islamische Debatte anhand von Extremen, extremen Einzelfällen oder marginalen Themen zu führen. Die Kraft einer Weltreligion ergibt sich nicht aus dem Tragen von Kopftüchern oder Bärten, sondern aus klaren Positionen gegenüber Leben und Tod, der Einheit oder dem sozialen Kontext einer Gesellschaft. Die faire Debatte muss es uns auch erlauben, die eigentliche, ernsthafte Botschaft und ihre Zusammenhänge gelegentlich in den Mittelpunkt der Diskussion zu rücken.

„Wir wehren uns“ gegen den Versuch, unsere Terminologie, unsere Prakti­ken und unsere Glaubensüberzeugungen fremd zu bestimmen. Wir glauben an die Ausgewogenheit einer unabhängigen Lehre, die nicht auf Grundlage von Extremen, sondern auf der gewohnten Basis der mehrheitsfähigen Überzeugungen der muslimischen Gemeinschaft zustande kommen. Wir berufen uns dabei auf den bewährten, jahrhundertelangen Pluralismus inner-islamischer Debatten. Der politisierte Gegensatz zwischen liberalen und konservativen Haltungen trifft nur unzureichend die eigentliche Lebensrealität vieler Muslime.

„Wir wehren uns“ gegen jede Form der Schizophrenie, die so tut, als wäre der Islam in Deutschland nicht längst angekommen. Wir leben im Hier und Jetzt. Wir rufen die muslimischen Gemeinschaften auf, die antiquierten ethnischen Trennlinien zu überwinden und gemeinsam eine positive Haltung gegenüber Deutschland einzunehmen. Hierzu gehört, sich, wenn nötig, zu wehren, aber auch die positiven Seiten und Eigenschaften dieses, unseres Landes immer wieder neu herauszustreichen.

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