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Vorab und exklusiv aus der aktuellen Ausgabe – „IZ-Begegnung“ mit dem Dr. Farid Hafez Islamfeindlichkeit

Antimuslimische Ressentiments sind ein gesamtgesellschaftliches Problem

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„Habermas’ Theorie der Öffentlichkeit, an der alle partizipieren können, ist nun einmal keine Realität.“

(iZ). Islamophobie, was ist das? Ironischerweise lehnen nicht nur die so genannten „Islamkritiker“ (sicherlich aus eigennützigen) Motiven diesen Begriff ab. Auf der ande­ren Seite haben auch viele Muslime Bauschmerzen mit der Vorstellung, wonach Vorurteile gegen sie oder ihre Religion eine „Phobie“ im klinischen Sinne sein könnten. Unabhängig davon, welchen Begriff man benutzen möchte, hat die Beschäftigung mit dem massenhaften Ressentiment gegen die Muslime beziehungsweise gegen den Islam längst Einzug in die wissenschaftliche Forschung gehalten. Eines der Ergebnisse dieser Untersuchung ist das „Jahrbuch für Islamophobieforschung“, in der internationale Wissenschaftler und Forscher über verschiedene Aspek­te der Islamfeindlichkeit schreiben. Jüngst erschien die Ausgabe 2013. Herausgegeben wird die Schriftenreihe seit 2010 von dem österreichischen Politikwissenschaftler und Publizisten Dr. Farid Hafez. Er ist Lehrbeauftragter am Privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen im Bereich Politikwissenschaft und Wissenschaftliches Arbeiten und war von 2008 bis 2012 als Lektor am Institut für Orientalistik an der Universität Wien beschäftigt. Unter anderem schreibt Dr. Hafez für namhafte österreichische Tageszeitungen wie „Der Standard“ oder „Die Presse“ und tritt in Talkshowformaten auf. Wir führten das Interview mit ihm, während er sich auf einer Vortragsreise in den USA aufhielt.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Farid Hafez, Sie sind gerade in den USA auf einer Vortragsreise. Wie steht es um Islamfeindlichkeit in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu Europa?

Dr. Farid Hafez: Es ist für Muslime weitaus leichter, sich trotz einer muslimi­schen Identität einzugliedern, als dies in vielen kontinentaleuropäischen Ländern der Fall. Dort wird die muslimische, religiöse Identität als Widerspruch zur jeweiligen nationalen Identität gesehen. Ich glaube, dass ist ein wesentlicher Unterschied.

Ich denke auch im Hinblick auf die Islamophobie, dass natürlich nicht vergessen werden darf, dass aufgrund der globalen Debatten und der Weltmachtrolle der USA die Islamophobie schon viel früher eine Rolle spielte. Stichworte dafür sind Samuel P. Huntington, der Fall der Mauer und das Ende des ­Kalten Krieges sowie der damit einhergehende neue „grüne Feind“ auf globaler Ebene. Deswegen war für die US-Außenpolitik die Islamophobie schon früher von Relevanz, aber eben in erster Linie im Hinblick auf die Außenpolitik. Im Hinblick auf die Innenpolitik hat das in den USA eine verzögerte Auswirkung gehabt. Wenn wir uns anschauen, wann die Isla­mophobie innerhalb der USA wirklich von Bedeutung wurde, dann geschah dies letztlich viel später als in europäischen Ländern. Im Endeffekt gab es auf natio­naler Ebene den Durchbruch durch Pamela Geller und David Spencer im Rahmen der Debatte um die so genannte „Ground Zero-Mosque“. Davor waren das relativ lokale Erscheinungen, so rund um das Jahr 2005, als in manchen Bundesstaaten Moschee-Debatten angezettelt wurden. Also ist die Entwicklung im Vergleich zu Europa eine verspätete.

Die Islamophobie in beiden Teilen der Welt kam zusammen, als im Rahmen eines internationalen Bündnisses – durch Personen wie Geert Wilders, Geller ­sowie Bewegungen wie Stop the Islamisation of America beziehungsweise Stop the Islamisation of Europe – versucht wurde, eine globale oder eine westlich-transnationale Bewegung zu gründen. Dieser Austausch kann nicht beiseite geschoben werden. Er ist eine Tatsache. Hier ­finden beide islamophobe Bewegungen wieder zueinander.

Islamische Zeitung: Liegt das in den USA auch daran, dass man nicht – wie in Deutschland oder Europa – in die Sozialsysteme immigrieren kann?

Dr. Farid Hafez: Ich vertrete die Ansicht, dass auf Islamophobie die ­Aussage von Sartre über den Antisemitismus zutrifft. Dies wird auch so von der Antisemitismus-Forschung geteilt. Das Vorurteil hat nichts mit dem Objekt zu tun, dem dieses Vorurteil gilt. Sartre ­meinte, würde es „den Juden“ nicht geben, würde der Antisemit ihn erfinden. Ich gehe nicht davon aus, dass die Islamophobie mit der Realität der Muslime zu tun hat. Es gibt natürlich immer wieder Anknüp­fungspunkte. Aber das Bild, das entwor­fen wird, hat nichts mit der Realität zu tun.

Sicherlich: Die US-amerikanischen Muslime sind in diesem System auch höher gestellt als viele kontinentaleuropäische Muslime. Trotzdem hat dies ­wenig Einfluss auf die Repräsentation dieser in den Medien, ob in dem Land drei Prozent oder 20 Prozent Muslime leben und wie diese sich in ihrem sozialen Umfeld tatsächlich eingerichtet haben.

Islamische Zeitung: Frage: Sie geben das aktuelle „Jahrbuch für Islamo­phobie“ heraus. Was sind die Quintessenzen im Vergleich zum alten Jahr? Gibt es neue Entwicklungen?

Dr. Farid Hafez: Das Jahrbuch versucht nicht unbedingt, eine Entwicklung zu zeichnen. Es geht im Wesentlichen um Fallstudien, die hier präsentiert werden. In der jetzigen Ausgabe konkret zu Anders Behring Breivik, Rechtspopulismus in Deutschland, die Beschneidungs­debatte und andere Themen.

Anhand der Fallbeispiele kann man aber durchaus sehen, dass es einige interessante Formen oder Orte der Islamfeindlichkeit gibt. Zum Beispiel die Studie im Buch über rechtsradikale Rockbands, die sich fast ausschließlich mit dem Islam in ihren Texten beschäftigen, ist etwas Neues. Sicherlich auch etwas, worüber nachzudenken ist. Es bleibt zu hoffen, dass gesellschaftspolitische Akteu­re Konsequenzen ziehen. Wir müssen abseits vom klassischen Antisemitismus in der rechtsextremen Landschaft – auch der organisierten rechtsextremen Landschaft – die Dynamik verfolgen und herausfinden, wozu das führen kann, wenn sich in solchen Jugendgruppen das Muslimische zum Feindbild entwickelt.

Islamische Zeitung: War es überraschend, dass Deutschland in der Studie von Amnesty International zur Islamfeindlichkeit – entgegen einer gewissen Rhetorik – nicht an vorderster Stelle in Sachen Islamophobie Stand. Hatten sie dies erwartet?

Dr. Farid Hafez: Die Frage ist natür­lich, wie man dies misst. Ich denke, das Trügerische und Gefährliche in Deutschland ist, dass es auf nationaler Ebene nicht unbedingt eine rechtsextreme Partei gibt, wie es in Österreich oder Frankreich der Fall ist. Es könnte, muss aber nicht, so sein, dass innerhalb des Mainstreams die Islamfeindlichkeit als derart normal gilt und dass diese so subtil agiert, dass sie als solche nicht mehr registriert wird.

Übersehen wird vielleicht auch, dass bestimmte Diskurse wie im Falle von Wullf („Der Islam gehört zu Deutschland“) vorherrschen und das Land wochenlang darüber diskutierte. Das ist ja keine Kleinigkeit. In Österreich wäre es undenkbar, dass es solch eine Protestwel­le gegeben hätte. Sicherlich liegt das auch an der Vergangenheit der Habsburger Monarchie; aber nicht nur. Das zeigt auch, dass Islamophobie in Deutschland sehr stark in der Mitte der Gesellschaft wirkt.

Islamische Zeitung: Wie viel davon ist reale Islamfeindlichkeit oder wie viel ist legitime Kritik, die man auszu­halten hat?

Dr. Farid Hafez: Die Debatte um die Islamfeindlichkeit ist eine gesamtgesellschaftliche. Ich trenne dies von der Debatte, welche Reformen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft nötig sind. Aus dem Grund, dass ich grundsätzlich Islamfeindlichkeit als eine ­Konstruktion betrachte. Hierfür kenne ich die mus­limi­sche Landschaft Deutschlands zu wenig, um eine fachgerechte Bewertung abzugeben.

Theoretisch betrachtet ist es aber ­keine Legitimierung der Kritiklosigkeit der Muslime an sich selbst. Dies ist aber auch eine vollkommen andere Debatte, die natürlich irgendwo in Gefahr läuft, dass das eine das andere überschattet. Es hat auch mit der Frage zu tun, wo Islamfeindlichkeit beginnt und wo sie auf hört. Gerade diese Grenze zu ziehen – zwischen legitimer Kritik und einer islamophoben Struktur des Diskurses –, ist die Aufgabe. Wo genau diese Islamophobie beginnt und aufhört, hier hat Heiner Bielefeldt zurecht gesagt, dass dies je nach Fall zu beurteilen ist. Die Verallgemeine­rung ist ein wesentliches Charakteristikum. Nehmen wir als Beispiel die Beschneidungsdebatte. Wäre es eine Debat­te über diesen Einzelfall gewesen, wäre das nicht schlecht gewesen. Man hätte kühl und gelassen über die Sache diskutieren können. Es artete aber zu einer grundsätzlichen Debatte über Religions­freiheit und Beschneidung derselben aus, in der islamophobe Diskursmuster wüteten (dazu ein Artikel in demselben ­Jahrbuch). Diese Frage der Generalisierung ist also ein wichtiges Merkmal, um hier einen Unterschied zwischen einer legiti­men Kritik auf der einen Seite – die ­natürlich auch besonders von den ­Muslimen selbst kommen muss – und eines islamophoben Phänomens auf der anderen.

Ein ganz wesentlicher Aspekt ist auch, wer über Muslime diskutiert. Wir sind heute in einer Situation, in der auf der einen Seite aufstrebende muslimische AkademikerInnen an den Verbänden teilhaben. Andererseits ist es im öffentlichen Diskurs insgesamt so, dass die so genannte Mehrheit, die über den Islam spricht, dies mehr tut als die Minderheit. Diese Asymmetrie der Debatte ist ein ganz wesentlicher Aspekt, wenn es um die Frage geht, wie diese Kritik ­geäußert wird.

Es sind hier kritische Fragen zu ­stellen: Wer spricht gerade in welcher Position und was ist das Ziel dahinter? Hierbei ist es im Falle der Islamdebatten doch sehr häufig, dass sehr einseitige Diskussionen stattfinden, die nicht zu einer Versachli­chung der Lage führen. Habermas’ Theorie der Öffentlichkeit, an der alle partizipieren können, ist nun einmal keine Realität.

Islamische Zeitung: Manche meinen, die Islamfeindlichkeit sei die Fortsetzung der Ausländerfeindlichkeit früherer Tage. Ist das haltbar, oder ­haben wir es hier mit einem anders ­gelagerten Phänomen zu tun?

Dr. Farid Hafez: Es gibt unterschiedliche Antworten auf diese Frage, die auch im wissenschaftlichen Diskurs geführt wird. Ich würde sagen: sowohl als auch. Es gibt definitiv eine Fortsetzung der alten Fremdenfeindlichkeit der 1990er Jahre in Deutschland und in Österreich gleichermaßen. Andererseits ist das natürlich eine ganz andere Komponente – gerade für Österreich mehr noch als für Deutschland, wo wir natürlich auch die Hineinnahme von histo­rischen Geschehnissen wie der Türken­belagerung vor Wien etc. betrachten müssen. Je nach Fall gibt es hier auch unterschiedliche Erklärungsmuster.

Islamische Zeitung: Frau Prof. Dr. Thurner hat einen sehr deutlichen Artikel über den „Islamismus“-Begriff geschrieben. Ein Streit, der leider in Deutschland in dieser Form kaum oder gar nicht geführt wird. Welche Rolle spielt dieser Begriff innerhalb der Islamfeindlichkeit?

Dr. Farid Hafez: Mit der Verwendung des Begriffs in den Medien habe ich mich im Sinne einer systematischen Analyse nicht auseinandergesetzt. Diese Auswechselbarkeit jedoch zwischen Islam, „Islamismus“, „Islamischer Fundamentalismus“, ist mir selbst schon in Diskussionen untergekommen – selbst mit akademisch gebildeten Menschen, die diese Begriffe als äquivalent zueinander betrachten. Das ist ein Hinweis, dass diese Gleichsetzung, Islam sei per se ­Politik beziehungsweise Ideologie durch diesen leichtfertigen Sprachgebrauch bereits Wurzeln geschlagen hat.

Islamische Zeitung: Sie hatten eingangs auf Sartre verwiesen. Heißt das im Rückschluss, dass Muslime nicht dagegen angehen können oder gibt es nachweisbare Handlungsmethoden, um Abhilfe zu schaffen?

Dr. Farid Hafez: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches nicht von der Minderheit alleine gelöst ­werden kann. Trotzdem würde ich meinen, dass die Muslime durchaus die Möglichkeit haben, dem Ressentiment etwas entgegenzusetzen. Aber man muss in aller Demut auch festhalten, dass die Möglichkei­ten der muslimischen Minderheiten immer nur beschränkt sein werden. Das heißt, der Tag der offenen Moschee in Deutschland und andere Initiativen sind natürlich Möglichkeiten, die muslimische Sicht auf den Islam bekannt zu machen. Trotzdem müssen sich Muslime im Klaren sein, dass nie alle Menschen erreicht werden können. Hier spielen die Massenmedien etwa eine zentrale Rolle und tragen entsprechend auch Verantwortung.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Hafez, wir danken für das Interview.

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